Die 10 häufigsten Mythen rund um die Homöopathie oder "Des Kaisers neue Kleider"

Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann - Begründer der Homöopathie - lebte von 1755 bis 1845 und veröffentlichte im Jahr 1810 sein für Homöopathen grundlegendes Hauptwerk "Das Organon der rationellen Heilkunde". Seither versuchen Homöopathen in aller Welt diese Therapieform als eine seriöse und sehr wirksame Therapie darzustellen, was aber bis heute von einer großen Mehrzahl von Ärzten und Naturwissenschaftlern keineswegs so gesehen wird. In ihren Bemühungen, diese Therapieform salonfähig zu machen, verbreiten Homöopathen und die Homöopathie-Industrie viele Mythen, die alle eines gemeinsam haben: Sie klingen verlockend und kommen dem Wunschdenken vieler Menschen nach einer sanften, naturverbundenen, nebenwirkungsfreien und trotzdem hoch wirksamen Therapie entgegen. Kritiker, die Hahnemanns Lehre anzweifeln, werden dabei oftmals als engstirnige, im Solde der Pharmaindustrie stehende, "Schulmediziner" dargestellt.

Im Folgenden sollen die häufigsten dieser Mythen aufgezählt und auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden.

  • MYTHOS 1: "Homöopathie ist eine seriöse und zeitgemäße Therapie" +

    Irrtum: Hahnemanns längst obsoletes Gedankengut entsprang den Vorstellungen und dem Weltbild der Antike und des Mittelalters. Trotzdem werden die Vorstellungen und Dogmen Hahnemanns bis heute von seinen Jüngern kritiklos übernommen und weiterhin gelehrt.

    Homöopathie ist - wie leicht gezeigt werden kann - ein Konglomerat aus irrationalen Dogmen, Esoterik (besonders Astrologie/Astromedizin), magischen Ritualen und religiösen Vorstellungen. Hahnemann glaubte u.a. an die Vier-Säfte-Lehre des Hippokrates und der aus ihr resultierenden - längst widerlegten - Einteilung des Menschen in Konstitutionstypen; an den Vitalismus ("von der geistigen Lebenskraft der Materie"), und an die Signaturlehre, aus der er das "Ähnlichkeitsprinzip" ableitete, welches besagt, dass man aus Form und Farbe von Pflanzen Rückschlüsse auf ihre Heilwirkung ziehen kann. Wie all seine Zeitgenossen glaubte Hahnemann auch an die Macht der Sterne/des Universums. Die Zusammenhänge zwischen Homöopathie und Esoterik bzw. Astrologie/Astromedizin sind zwar evident, doch der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Wie Astromediziner, glauben auch Homöopathen an ein senkrechtes Weltbild (nach Hermes Trismegistos): "Wie oben so unten, alles ist miteinander in Hierarchien und Analogien verbunden". Hier lautet ihr Credo (Hering´sche Regel): "Die Heilung verläuft von oben nach unten, vom wichtigsten zum weniger wichtigen Organ" (laut Clemens Fischmeister: "Wie denkt ein klassischer Homöopath?", veröffentlicht in der Zeitschrift Facharzt im Jahr 2002, dabei ist die Haut übrigens das unwichtigste Organ des Menschen!).

  • MYTHOS 2: "Mit dem Chinarindenexperiment im Jahr 1790 konnte Samuel Hahnemann den Beweis für die Richtigkeit der Ähnlichkeitsregel erbringen" +

    Hahnemann meinte, wie viele seiner Zeitgenossen, fälschlicherweise, dass Chinarinde (Chinin), Pfeffer, Kaffee, Arsen und Branntwein fiebererzeugende Substanzen seien. Nach Einnahme von Chinarinde im Selbstexperiment, glaubte er, Fieber entwickelt zu haben, doch damals gab es ja noch nicht einmal Fieberthermometer. Kritische Kliniker versuchten mehrmals sein Experiment zu wiederholen, doch sie alle scheiterten kläglich. Es kann daher vermutet werden, dass seine "Fiebersymptome" die Folge eines Noceboeffekts waren oder eine Art allergische Reaktion auf das Chinin. Trotzdem gilt in der Homöopathie bis heute das Chinarindenexperiment als ein klarer Beweis der Richtigkeit der Annahmen Hahnemanns. Homöopathen berufen sich aber nicht nur auf das fehlgeschlagene Chinarindenexperiment Hahnemanns. Seit einigen Jahren überschwemmen sie den Markt mit Studien, die den strengen Kriterien der EbM (Evidenzbasierten Medizin) so gut wie nie standhalten (und vor allem nie von unabhängiger Seite überprüft wurden), manchmal berufen sie sich sogar auf klar fehlerhafte, längst zurückgezogene (Linde) oder gefälschte Studien (siehe Benveniste oder Leipziger Homöopathieskandal). Für die Homöopathie ungünstige Experimente und Studien - wie der Nürnberger Kochsalzversuch von 1835, die von den Nationalsozialisten veranlassten Studien unter Leitung von Fritz Donner, die Cephalalgia Kopfschmerzstudie von 1995, die Shang-Egger Studie von 2005, mehrere Studien von Prof. Edzard Ernst (Professor am Institut für Komplementärmedizin in Exeter) oder die neue NHMRC-Australien Studie von 2015 - werden von Homöopathen einfach ignoriert oder nach Gutdünken uminterpretiert. Eine ausführliche Stellungnahme des INH finden Sie hier.

  • MYTHOS 3: "Homöopathie ist eine ganzheitliche, naturnahe, billige und nebenwirkungsfreie Therapie" +

    Irrtum! Laut homöopathischem Repetitorium der DHU (Deutsche Homöopathie-Union) gilt folgender Satz zur Findung des passenden Mittels:
    Folgende stereotype Frage ist abwegig: Was gibt es in der Homöopathie z. B. gegen eine Neuralgie? (Anmerkung: Homöopathie kennt keine Krankheiten).
    Die Fragestellung muss vielmehr heißen: Von welcher Art und Lokalisation ist der Schmerz? Welche sind seine Modalitäten (Anmerkung: Umwelteinflüsse auf die Symptome)? Sind bestimmte Leitsymptome (z. B. Durst) vorhanden? Bestehen bestimmte Anfälligkeiten (wie etwa Migräne)?
    Die Homöopathie kennt keine Krankheitsmodelle (abseits der Miasmen), Organfunktionen, Krankheitserreger oder Hormone. Homöopathie kennt lediglich Symptome, die in einem eingehenden Gespräch festgestellt werden müssen. Doch die Anamnese alleine hat mit Ganzheitlichkeit nicht viel zu tun, sie ist nur ein Teilaspekt auf dem Weg zu einer richtigen Diagnose und der daraus resultierenden wirksamen Therapie. Mit der Anamnese allein oder durch Anwendung von scheinmedizinischen Diagnoseverfahren - wie etwa Kinesiologie -, lassen sich keine zuverlässigen Diagnosen stellen.

    Homöopathie ist auch nicht naturnah (oder rein pflanzlich) orientiert. Denn Homöopathen potenzieren alle möglichen und unmöglichen Absurditäten, wie etwa Hundekot, Vakuum, Mondstrahlen, Berliner Mauer oder gefährliche Schwermetalle. Sie ist auch nicht immer harmlos, wie gelegentliche Vergiftungen mit niedrig potenzierten Schwermetallen zeigen. Ganz besonders bedenklich ist außerdem die Tatsache, dass viele Homöopathen gegen Impfungen polemisieren und damit zur Impfmüdigkeit beitragen. Patienten, die allzu gläubig auf Homöopathie setzen, sind auch in Gefahr, den richtigen (frühzeitigen) Zeitpunkt einer Therapie bei bösartigen Erkrankungen zu versäumen.

    Billig ist Homöopathie ebenfalls nicht, denn ein Kilogramm Zucker kostet im Supermarkt rund einen Euro, inhaltslose Zuckerkügelchen hingegen 1000 Euro. Dazu addieren sich die Kosten für die langen Anamnesen und im schlimmsten Fall die Kosten für eine richtige, aber oftmals zu spät begonnene Therapie, wenn eingesehen wird, dass die Homöopathie nicht helfen konnte.

  • MYTHOS 4: "Die zwei Hauptprinzipien der Homöopathie - das Ähnlichkeitsprinzip (Ähnliches kann durch Ähnliches geheilt werden) und das Prinzip vom Potenzieren -, sind immer noch gültige Grundprinzipien. Sie können auch heute noch die Medizin bereichern +

    (Anmerkung: der als Schimpfwort gedachte unsinnige Begriff "Schulmedizin" geht auf den Homöopathen Franz Fischer zurück, der 1835 diesen Ausdruck für die damals unwirksame Medizin prägte. Wir benutzen ihn hier nicht. Im Gegenteil, wir bezeichnen Homöopathie und Co. als Pseudomedizin).

    Das ist unwahr! In der gesamten etablierten Medizin spielen beide Prinzipien keine Rolle. Denn aus Form oder Farbe einer Pflanze können keineswegs Rückschlüsse auf deren Wirksamkeit gezogen werden und der oftmals behauptete Vergleich des Ähnlichkeitsprinzips mit Impfungen oder Desensibilisierungen ist an den Haaren herbeigezogen und entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.
    Das Prinzip des Potenzierens (Dynamisierens) ist noch ein ganzes Stück unsinniger. Denn Potenzieren bedeutet, dass eine Wirksubstanz ("Ursubstanz") in Wasser oder Alkohol fortlaufend verdünnt wird, wobei zwischen jedem Verdünnungsschritt die Mixtur zehnmal zum Erdmittelpunkt hin geschüttelt wird. Das Potenzieren kann sowohl in Dezimalschritten (10-fache Verdünnung pro Verdünnungsschritt, sie wird mit dem Buchstaben D gekennzeichnet) oder in Centesimalschritten (100-fache Verdünnung pro Verdünnungsschritt = C-Potenz) erfolgen. Konkret entspricht beispielsweise D20 dem Auflösen einer Tablette Aspirin im Wasservolumen des gesamten Atlantik und C60 ist vergleichbar mit der Verdünnung eines Salzkorns in 10.000 Milliarden Kugeln von der Größe unseres Sonnensystems. In einem Fläschchen Belladonna D24 findet sich also kein einziges Molekül von Belladonna, aber viele Atome und Moleküle von diversen Verunreinigungen.

    Im Weltbild der Homöopathen gilt folgendes Dogma: "Je höher eine Ursubstanz - z.B. Arsen - potenziert wird, desto stärker und tiefgreifender ihre Wirkung und Nebenwirkung." Doch genau hier liegt das, auch für Homöopathen, unlösbare Dilemma des Potenzierens. Denn in jeder Grundsubstanz - z. B. Hepar sulfuricum (Austernschale) - und jedem Lösungsmittel (Wasser oder Alkohol) befinden sich unzählige, dem Homöopathen stets unbekannte Verunreinigungen wie Spuren von Schwermetallen, diverse organische und anorganische Moleküle, die beim Vorgang des Potenzierens unweigerlich mitpotenziert werden und somit ebenfalls Wirkungen und Nebenwirkungen auslösen müssten. Wäre das oben genannte Grunddogma der Homöopathie richtig, dann würden Patienten nach der Einnahme von Hochpotenzen durch die vielen mitpotenzierten Moleküle schwere und unvorhersehbare Schäden erleiden. Doch die Einnahme von Höchstpotenzen in beliebiger Menge - z. B. Arsen C200 täglich, selbst über lange Zeiträume - verursacht keinerlei Nebenwirkungen, wie u.a. unzählige öffentliche Selbstversuche von Skeptikern beweisen.

    Das Potenzierungsdilemma ist vielen Homöopathen bewusst und sie versuchen die angebliche Wirkungsweise der Homöopathie mit "Informationsübertragung" zu erklären. Doch auch diese Erklärung ist unhaltbar, weil Wasser kein Gedächtnis besitzt und Informationen im Wasser wegen der Kurzlebigkeit der gebildeten Cluster nicht gespeichert werden können.

  • MYTHOS 5: "Wer heilt, hat recht und Wissenschaft ist nicht alles. Es gibt doch unerklärliche Dinge zwischen Himmel und Erde". Außerdem: "Es gibt auch Studien, die beweisen, dass Homöopathie einem Placebo überlegen ist". +

    Irrtum: Natürlich kann Wissenschaft nicht alles erklären, doch im 21. Jahrhundert müssen behauptete medizinische Wirkungen auch nachgewiesen werden. Die Veröffentlichung von subjektiv erlebten Einzelfällen kann seriös durchgeführte Studien (die alle zeigen, dass Homöopathie nur als Placebo bezeichnet werden kann) nicht ersetzen. Doch Studien sind nur dann aussagekräftig, wenn sie nach den harten Kriterien der EbM (Evidenzbasierte Medizin) durchgeführt werden. Doch die von den Nutznießern der Homöopathie präsentierten "positiven Studien" sind in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht aussagekräftig, weil sie so gut wie nie den harten Kriterien der evidenzbasierten Medizin standhalten. Dazu zählen: Doppelverblindung, Zufallszuteilung, große Zahl von Testpersonen und Überprüfung durch unabhängige Experten. Es kann aber auch gefragt werden, ob teure Studien zur Überprüfung für irrationale Scheintherapien überhaupt notwendig sind.

    Das geflügelte Wort: "Wer heilt, hat recht" ist irreführend; wer Derartiges behauptet, muss auch den Nachweis der durch sie bewirkten Heilung erbringen und genau das gelang der Homöopathie in 200 Jahren ihres Bestehens noch nie sicher. Zum Glück für die Homöopathie verlangt der Gesetzgeber in Deutschland seltsamerweise von homöopathischen Produkten, ganz im Gegensatz zu Arzneien der konventionellen Medizin, keinen Wirksamkeitsnachweis ("besondere Therapierichtung").

  • MYTHOS 6: "Homöopathie wirkt auch bei Tieren" +

    Richtig! Sie wirkt als Placebo und zwar infolge von Zuwendung des Tierhalters oder des Therapeuten. Doch die klassische Homöopathie ist bei Tieren deswegen nicht anwendbar, da ein langes Gespräch erforderlich wäre, um das "richtige" Mittel zu finden (siehe: Mythos 3). Leider gibt es aber auf der ganzen Welt keinen Tierarzt, der wie Dr. Dolittle die Sprache der Tiere perfekt beherrscht. Da ein langes Gespräch zwischen Therapeuten und Patienten das A und O der Homöopathie darstellt, hat auch der Kauf von Globuli in Eigenregie in Apotheken mit Homöopathie eigentlich nichts zu tun. Ein Widerspruch, der Homöopathen - wie so oft - nicht weiter stört.

  • MYTHOS 7: "Millionen Menschen können doch nicht irren" +

    Falsch! Sie können! Menschen glaubten lange Zeit, dass die Erde eine Scheibe im Mittelpunkt des Universums sei, oder an die Segnungen des Aderlasses - und sie irrten. Auch im 21. Jahrhundert ist - wie viele Umfragen zeigen - Aberglaube noch weit verbreitet und Wunschdenken ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Genau das nützt die homöopathische Pharmaindustrie, indem sie eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit betreibt und so den Eindruck vermittelt, dass Homöopathie ganzheitlich, sanft, naturverbunden und effizient sei (siehe: Mythos: 3).

  • MYTHOS 8: "Die Erstverschlimmerung nach der Einnahme von Homöopathika ist Zeichen ihrer Wirksamkeit" +

    Das Gegenteil ist der Fall! Homöopathen, die Derartiges behaupten, sind immer auf der sicheren Seite. Denn wird die Erkrankung besser - was bei banalen Erkrankungen durch Selbstheilung ja die Regel ist -, dann half angeblich die Homöopathie. Werden aber die Symptome schlimmer, dann ist das laut Homöopathen ebenfalls ein Zeichen der Wirksamkeit der verordneten Globuli. Glaubt man all diesen Behauptungen, dann besteht die Gefahr, dass eine Verschlimmerung der Symptome falsch gedeutet wird und dadurch gefährliche Erkrankungen nicht rechtzeitig medizinisch behandelt werden.

  • MYTHOS 9: "Homöopathie ist Alternativ-, Komplementär- oder Integrativmedizin" +

    Nein das ist sie nicht! Denn der Begriff "Alternativmedizin" bedeutet, eine echte Alternative zur etablierten Medizin zu sein, was sie nicht ist. "Komplementär" bedeutet nichts anderes, als sinnvolle therapeutische Ergänzung zur Medizin, z. B. durch bestimmte Pflanzenextrakte. Doch ob die Verordnung eines Placebos, wie es Homöopathie ist, als "Komplementär- oder gar Integrativmedizin" bezeichnet werden kann, darf hinterfragt werden. Warum wir den Begriff Alternativmedizin durch Pseudomedizin ersetzen wollen lesen Sie hier.

  • MYTHOS 10: "Die Kritiker der Homöopathie sind oftmals von der Pharmaindustrie bezahlte Mediziner und Wissenschafter" +

    So werden Kritiker mundtot gemacht. Diese perfide Behauptung ist nichts anderes als die etwas hilflose Verbreitung von Unwahrheiten in Anbetracht fehlender Möglichkeiten, sich mit der sachlichen Kritik der Kritiker auseinanderzusetzen. Dasselbe in der Luft hängende Argument könnte ebenso umgekehrt auf die Befürworter der Homöopathie angewendet werden. Im Übrigen ist auch die Homöopathie Teil der "bösen" Pharmaindustrie, allerdings mit dem Unterschied, dass die Markteinführung von Homöopathika nicht mit teuren Studien zum Nachweis von Wirkungen und Nebenwirkungen verbunden ist.

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Des Kaisers neue Kleider lassen schön grüßen.

(Autor: Dr. Theodor Much)

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