An die TK

Die Techniker Krankenkasse (TK) erstattet im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung seit Jahren die Ausgaben für homöopathische Präparate. Unter gewissen Bedingungen ist es heute sogar möglich, praktisch die gesamten Kosten einer homöopathischen Therapie erstattet zu bekommen.

Man kann, wie es die TK offensichtlich geplant hatte, durch diese zusätzliche Leistung versuchen, das Abwandern besser Verdienender in private Krankenkassen zu verhindern. Darin könnte man ein zumindest auf den ersten Blick verständliches betriebswirtschaftliches Kalkül sehen. Die TK geht aber - wie viele andere Krankenkassen auch - den Weg, die Homöopathie noch zusätzlich als sinnvolles Therapiekonzept zu bewerben. Zahlreiche Studien belegten die Wirksamkeit von Verfahren der Alternativmedizin, ist zu lesen, die TK erstatte Kosten der Alternativmedizin und orientiere sich da an den harten wissenschaftlichen Fakten [1]. Die Homöopathie heile Erkrankungen ohne Nebenwirkungen, wobei die Heilungsmechanismen darauf beruhen sollen, dass die Selbstheilungskräfte des menschlichen Organismus aktiviert werden, heißt es in einem neu herausgegebenen Flyer zur homöopathischen Versorgung [2].

Man sollte annehmen, dass die TK also über harte Fakten verfügt, aus denen zu schließen ist, das Geld der Versicherten, das sie als Krankenkasse ja verwaltet, sei sinnvoller für Homöopathika auszugeben als beispielsweise für Brillen oder Zahnersatz, bei denen man bekanntlich kaum ohne eine beträchtliche eigene Zuzahlung zu befriedigenden Lösungen kommt.

Erstaunlich ist dann, dass die TK in Diskussionen im Internet nicht in der Lage zu sein scheint, eben diese Fakten überzeugend einem kritischen Publikum nahezubringen, sondern im Gegenteil nachgefragt wird, ob es denn Studien gäbe, die die Unwirksamkeit bewiesen. Dass die Nicht-Existenz von etwas nicht beweisbar ist, sei nur kurz an einem Beispiel illustriert: Ich kann behaupten, mein Name stünde in der Wikipedia. Wenn das stimmt, kann ich ohne Weiteres dafür einen Nachweis liefern, indem ich die Textstelle genau nenne. Können Sie ermessen, wie Sie vorgehen müssten, um mir das Gegenteil zu beweisen, dass mein Name nicht in der Wikipedia steht, wenn es wie im realen Leben keine Suchfunktion gäbe?

Dabei sollte Ihnen ein anderer Sachverhalt zu denken geben, nicht als ein "Beweis" sondern als ein sehr starkes Indiz: Wenn die Homöopathie das potente Therapieverfahren wäre, für das ihre Unterstützer sie halten, dann müsste es ein Leichtes sein, dies auch in Studien mit signifikanten Ergebnissen und insbesondere mit therapeutisch relevanten Effektstärken vorzuführen. Man kann sicher davon ausgehen, dass die bisherigen Studien zum Nachweis einer Wirksamkeit seitens der Homöopathen an Krankheitsbildern durchgeführt wurden, von denen man annahm, dies sei dort am einfachsten zu erreichen. Dennoch ist die Evidenzlage bislang mehr als dürftig, wie alle systematischen Übersichtsarbeiten aufgezeigt haben. Zuletzt die umfangreichste Arbeit dieser Art, die 2014 von der australischen Gesundheitsbehörde vorgelegt wurde. In keiner der betrachteten insgesamt 58 verschiedenen Indikationen konnte eine therapeutische Wirksamkeit der Homöopathie überzeugend aufgezeigt werden [3].

Warum nimmt die TK diese Faktenlage nicht zur Kenntnis und zieht ihre Schlüsse daraus?

Warum werden die Patienten nicht eindeutig hierüber informiert?

Die TK schreibt auf ihren Seiten zwar durchaus richtig, dass der wissenschaftliche Nachweis fehle, stellt aber die nicht nachvollziehbaren Behauptungen der Homöopathen praktisch gleichwertig gegenüber. Warum beschreibt die TK das wissenschaftlich völlig unsinnige Konzept der Informationsübertragung auf Wasser, das in den fertigen Präparaten ohnehin nicht mehr vorhanden ist, in "Form einer Veränderung des Energiemusters" [4]?

Sie verwenden unter anderem die Kassenbeiträge zahlreicher Mitglieder nicht dazu, Ihren Versicherten Brillen und Zahnersatz in vernünftigem Rahmen zu bezahlen, sondern suchen vielmehr, Ihre Ertragsposition durch das Einwerben "günstiger Risiken" zu verbessern. Was sich, wenn man einer entsprechenden Untersuchung unter Ihren Mitgliedern glaubt, als Trugschluss erwiesen hat [5]. Wäre es da nicht an der Zeit, wieder umzusteuern? Die Nicht-Erstattung der Homöopathika und der homöopathischen Therapie als ein Alleinstellungsmerkmal herauszustellen und denjenigen eine Option zu bieten, die darauf Wert legen, dass ihre Beiträge nicht für Quacksalberei verwendet werden? Oder zumindest sollten Sie, selbst wenn Sie die Homöopathie aus Aspekten des Marketings heraus in Ihrem Leistungskatalog führen wollen, Ihren Patienten klar aufzuzeigen, um was es sich dabei handelt?

Wäre vielleicht zunächst ein Pilotprojekt denkbar? Wir erhalten regelmäßig Anfragen von Leuten, die entsprechende Möglichkeiten suchen. Auch wenn die Gesetzeslage es zulässt, wirkungslose Homöopathika aus Mitteln der Beitragszahler zu erstatten, dann ist es immer noch eine Frage, ob der Beitragszahler selbst damit einverstanden ist. Vielleicht könnte die TK sich hier einen Markt bei rational denkenden Menschen erschließen, die nicht wollen, dass ihre Beiträge für Pseudomedizin „verschleudert“ werden.

Insgesamt sind wir - gerade nach der gestrigen Aktion - erfreut, dass die TK zumindest eine gewisse Selbstkritik erkennen ließ und wir setzen weiter darauf, dass Sie sich durch Wissenschaft und Fakten leiten lassen. Wir bieten uns dabei gerne erneut als Gesprächspartner an.

Mit freundlichen Grüßen im Namen des Informationsnetzwerks Homöopathie und der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP),

Dr. Norbert Aust
Prof. em. Dr. Edzard Ernst
Dr. Natalie Grams
Dr. Christian Lübbers
Amardeo Sarma
Prof. Dr. Norbert Schmacke
Dr. Wolfgang Vahle

 

 

[1] https://www.tk.de/tk/medizin/alternativ-heilen/was-ist-alternativmedizin/917968 

[2] https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/808104/Datei/61924/308119.pdf

[3] http://consultations.nhmrc.gov.au/public_consultations/homeopathy_health

[4] https://www.tk.de/tk/alternative-therapien/therapien-a-z/homoeopathie/916362

[5] http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0134657

 

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