Untersuchung

Viele Menschen denken: Placebos ("Scheinmedikamente") wirken doch nur bei Patienten, die sich Krankheiten einbilden, bei labilen Personen, die sich leicht beeinflussen lassen. Aber das stimmt nicht. Placebos wirken bei allen Menschen - mehr oder weniger stark. Die Gesundheitsforschung weiß, dass 20-90% aller Patienten auf ein wirkstofffreies Medikament ansprechen. Im klinischen Alltag würden Placebos geschätzt jedem Zweiten helfen. Wir alle lassen uns also sicherlich dann und wann durch Scheinmedikamente oder Scheinmethoden beeinflussen - ohne, dass wir es merken.

Die Placebo-Wirkung der homöopathischen Anamnesen ist hoch spannend. Neurobiologisch fundierte Placebo-Forschung offenbart, wie mächtig suggestive Worte bei körperlichen oder auch bei seelischen Schmerzen sein können (1,2). Werden bei Schmerzen Scheinmedikamente mit den Worten verabreicht "Diese Tabletten nehmen Ihnen den Schmerz", so spüren Betroffene meistens eine Linderung ihrer Schmerzen (3). Bei ihnen wird offenbar nach Placebogabe im Nucleus accumbens Dopamin ausgeschüttet, woraufhin im Gehirn schmerzhemmende Endorphine freigesetzt werden (4). Placebos - bzw. suggestive Worte - bewirken also biochemische Reaktionen, sie verändern quasi die Gehirnaktivität. Ein Homöopath, der bedeutungsschwer äußert: "Diese Globuli passen genau zu Ihnen. Sie werden sehen, das hilft Ihnen nun endlich, nachdem die Schulmedizin versagt hat", therapiert eventuell tatsächlich - durch seine Worte und durch die Art, wie er sie sagt. In der Psychotherapie ist bekannt, dass psychotherapeutische Interventionen insoweit Veränderungen bei Patienten hervorrufen können, als Worte Veränderungen in den Gehirnen von Patienten erzeugen (5,6). Doch solche Effekte werden in der Psychologie viel besser bedient und erforscht - auch dafür brauchen wir die Homöopathie nicht. (Anmerkung: Viele Kritiker sagen, Homöopathie sei so etwas wie Psychotherapie light und ohne die Stigmatisierung "einen an der Klatsche zu haben". Allerdings kennen viele Homöopathen im Gegensatz zu den Psychotherapeuten nicht die Grenzen ihres Einflusses - und nutzen dies schamlos aus, um Patienten zu manipulieren. Hier sehen wir große Gefahr, gerade im Heilpraktiker-Bereich.)

Placebos sind erstaunlich: Gibt man Patienten "unwirksame" Placebo-Tabletten als angebliche Schmerzmittel, dann geht es ihnen sogar besser, als wenn man ihnen "echte", bewährte Schmerzmittel mit ihrer Nahrung verabreicht, ohne es ihnen zu sagen. Selbst wenn der Patient weiß, dass er Placebos bekommt, haben sie noch eine gewisse Wirkung. Placebos sind also keine "Medikamente für Dumme". Und dass sie helfen, ist keine Einbildung: Sie mobilisieren die körpereigenen Selbstheilungssysteme, solange der Patient im Grunde seines Herzens dem Therapeuten vertraut - selbst wenn er dabei oberflächlich Skepsis empfindet. Denn was wir bewusst glauben, kann etwas anderes sein als das, was wir unterbewusst fürchten und hoffen. Veränderungen können Placebos also durchaus bewirken - allerdings nicht spezifisch und verlässlich. Mit Einbildung haben sie jedoch nichts zu tun.

 

(Autoren: Dr. habil. Rainer Wolf, Dr. med. Natalie Grams)

Foto: Shutterstock 25693528 Lisa F. Young

 

(1) Zum Weiterlesen: "Wie Worte wirken": http://uexkuell-akademie.de/wie-worte-wirken/
(2) Roth G, Strüber N (2014) Wie das Gehirn die Seele macht. Stuttgart, Klett-Cotta, S. 331
(3) Schedlowski M, Enck P, Rief W, Bingel U (2015) Neuro-Bio-Behavioral Mechanisms of Placebo and Nocebo Responses: Implications for Clinical Trials and Clinical Practice. Pharmacol Rev 67(3): 697–730
(4) Wager TD, Scott DJ, Zubieta JK (2007) Placebo effects on human (micro)-opioid activity during pain. Proc Natl Acad Sci USA 104: 11056–11061
(5) Saxena S, Gorbis E, O’Neill J, Baker SK, Mandelkern MA, Maidment KM, Chang S, Salamon N, Brody AL, Schwartz JM, London ED (2009) Rapid effects of brief intensive cognitive-behavioral therapy on brain glucose metabolism in obsessive-compulsive disorder. Mol Psychiatry 14(2): 197–205
(6) Kandel ER (1979) Psychotherapy and the single synapse. The impact of psychiatric thought on neurobiologic research. N Engl J Med 301: 1028–1037

 

 

 

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