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Generell gilt: Die Fehler der Medizin machen die Homöopathie nicht automatisch zu einem wirksamen Verfahren.

 

Dass Fehler und Missstände in der Medizin mehr Schaden verursachen, als es gemeldete Fehler in der Pseudomedizin gibt, ist unstrittig und wird von uns an keiner Stelle bezweifelt.

Dennoch muss man feststellen:

 

  1. Die Fehler der Medizin sind nicht so zahlreich, wie häufig - gerade auch von pseudomedizinischer Seite - behauptet wird. Im Vergleich zu der enormen Vielzahl der jährlichen Arzt-Patienten-Kontakte und Behandlungen weltweit ist die prozentuale Fehlerquote außergewöhnlich klein (Keine Frage: Jeder Fehler ist einer zu viel und zu bedauern!).
    "... Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern bestätigten demnach 2.132 Behandlungsfehler fürs Jahr 2015. In 1.774 Fällen haben Patienten dadurch einen Gesundheitsschaden erlitten, der einen Anspruch auf Entschädigung begründet. 2014 waren rund 2.250 Behandlungsfehler registriert worden. Gemessen an der Gesamtzahl der Behandlungsfälle liege die Zahl der festgestellten Fehler im Promillebereich (...).
    Insgesamt gingen bei den Ärztekammern im vergangenen Jahr mehr als 11.800 Patientenbeschwerden wegen vermuteter Behandlungsfehler ein - rund 230 Anträge weniger als im Jahr davor. Für Fehler und Komplikationen machen Ärztevertreter die steigende Arbeitsbelastung in Kliniken und Praxen mitverantwortlich. So habe sich die Zahl der ambulanten Behandlungsfälle zwischen 2004 und 2014 um 152 Millionen auf 688 Millionen Fälle erhöht. Im stationären Bereich seien 2014 mehr als 19 Millionen Patienten behandelt worden ..." (1). 

  2. Die Fehler der Medizin sind Zufallsfehler: Menschliches Versagen, technisches Versagen, Verkettung unglücklicher Umstände, Schicksal (Schicksal ist natürlich kein "Fehler"). Menschliches Versagen ist dem Arzt anzulasten, aber nicht "der Medizin". Unsere Medizin ist es jedoch wiederum, die einen Fehler als Fehler erkennt und sie ist die einzige Institution, die einen Fehler als Fehler überhaupt erkennen kann. Auf jeden Arzt, von dem ein Fehler bekannt wird, kommt ein medizinischer Gutachter, der diesen Fehler benennt!

  3. Die Fehler der Pseudomedizin - unser Thema ist hier zwar nur die Homöopathie, aber die Aussage gilt für alle pseudomedizinischen Verfahren - sind hingegen "Systemfehler".

  4. Fehler in der Medizin sollten zu Verbesserungen in der Medizin führen und nicht zum Einsatz von Pseudomedizin. Auch, wenn die Medizin keinen 100%igen Erfolg liefert (wo in aller Welt gäbe es so etwas?), sind doch ihre Erfolgsquoten die höchsten, die wir Menschen derzeit bekommen können. Sämtliche Erfolgsquoten sämtlicher pseudomedizinischer Verfahren sind deutlich geringer als die der Medizin.

Innerhalb der Medizin besteht ein großes Problembewusstsein. Dies mag nicht bei jedem einzelnen Arzt vorliegen, aber das ganze Vorhaben der EbM (Evidenzbasierten Medizin), die Errichtung des IQWIG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen), die gesetzliche Bindung der Leistungen der Krankenkassen an den "Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse" (ausgenommen die "besonderen Therapierichtungen" wie der Homöopathie) oder Initiativen wie MEZIS oder Choosing Wisely sind Ausdruck des Bewusstseins von diesen Missständen in der normalen Medizin. Weiterhin verfügt unser Gesundheitswesen über viele Institutionen und Instrumente, um solchen Fehlern auf die Spur zu kommen oder sie besser gar nicht erst entstehen zu lassen:

  • Es gibt eine Approbationsordnung bei der Ausbildung der Ärzte, die von einem entsprechenden Ausschuss laufend auf ihre Eignung hin überprüft, bzw. angepasst wird, wenn sich eine Regelung nicht bewährt.
  • Es gibt die Ärztekammern, die einem ungeeigneten Arzt die Approbation entziehen können.
  • Es gibt Schiedsstellen, an die man sich wenden kann, wenn etwas schiefgegangen ist.
  • Es gibt ein recht umfassendes Berichtswesen über Problemfälle, auch in den Medien.
  • Es gibt Leitlinien für bestmögliche Behandlungsempfehlungen unter Einbeziehung des jeweils aktuellsten Wissens in der Medizin. Und es gibt Kommissionen, die sie erstellen und jeweils auf aktuellem Stand halten, sprich negative Erfahrungen einarbeiten.
  • Pharmazeutika und auch Medizinprodukte durchlaufen nicht nur einen Zulassungsprozess, sondern müssen im Markt auf Problemfälle beobachtet werden. Zulassungen für Medikamente können bei Häufung von Schadensmeldungen entzogen werden.
  • Geeignete Korrektur- und Abhilfemaßnahmen müssen im Fall eines Problems dokumentiert eingeführt und deren Wirksamkeit überprüft werden.
  • Dass man die letzten beiden Punkte auch durchführt, wird in jährlichen Audits von staatlich akkreditierten Agenturen überprüft. Wenn da was nicht stimmt, steht die Produktion und der Vertrieb, Produkte werden vom Markt zurückgezogen, Warnmeldungen gehen an Kunden.

Eine systematische Aufarbeitung aller (!) auftretenden Probleme besonders in der Therapie fehlt - hier ist aufgrund der individuellen Therapiegeschehnisse sicherlich nie 100% Fehlerfreiheit zu erzielen. Und auf jeden Fall gibt es erheblich mehr Kontrollinstanzen, als es sie in der Homöopathie, insbesondere in der Ausprägung beim Heilpraktiker, gibt. Die Kritik der Homöopathie-Anhänger an der Medizin fällt letztlich auf sie selbst zurück - zeigt sie doch, dass es die Homöopathie seit 200 Jahren nicht geschafft hat, Kontrollinstanzen einzusetzen. Haben Sie je davon gehört, dass nach einer Arzneimittelprüfung Arzneien zurückgerufen wurden? Je von einem Homöopathikum, das nicht mehr verwendet werden darf? Je von einem Homöopathen, der die Homöopathie in Frage stellt? Je von einheitlichen Behandlungs- oder Diagnosekriterien? Je von Qualitätssicherung oder Beschwerdestellen, falls man sich als Homöopathie-Patient falsch behandelt fühlt oder gar Schaden durch eine homöopathische Behandlung erlitten hat? Wir nicht. 

 

(1) Quelle: http://www.spiegel.de/gesundheit/dia...a-1082603.html

 

(Autoren: Dr. Norbert Aust, Dr. med. Wolfgang Vahle, Dr. med. Natalie Grams)

Foto: Shutterstock 4004530 Tero Sivula

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Kommentare  

# Dr. Claudia Nowack 2016-11-20 14:49
Fehler und Missstände in der Medizin haben mit der homöopathischen Praxis mehr zu tun, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Die krasse Diskrepanz zwischen der GKV-Honorierung homöopathischer „Leistungen“ und der Leistungen einer konventionell arbeitenden Hausarztpraxis soll hier kurz dargestellt werden:
Der Hausarzt (im Bereich der KVWL) kann nur für ca. jeden 12. „Fall“ (= Kassenpatienten pro Quartal) ein 60-minütiges problemorientiertes Gespräch mit 56,40 € pro Quartal abrechnen. (Es besteht eine Abrechnungsobergrenze pro Fall und Quartal von 4,60 € für Gespräche über 10 Minuten.) Der Homöopath erhält für jede 60-minütige homöopathische Erstanamnese 90,00 €, für die Folgeanamnese à 30 min. einmal im Quartal 45,00 € und für die Beratung (Mindestdauer 7 min) bis zu 5 x im Quartal 10,00 €.
Insofern sind bei beiden Arten der Patientenversorgung schon die wirtschaftlichen Ausgangssituationen ohne jede Rechtfertigung extrem unterschiedlich. Was will man von einer 10-Minuten-Anamnese oder Beratung für jeden 2. Patienten erwarten? Wie soll die schnelle Nummer zu fehlerfreien Ergebnissen führen? Die Beiträge der Versicherten, die für Quacksalberei verbraten werden, stehen für die angemessene Honorierung seriöser Medizin ganz einfach nicht zur Verfügung. Seminare der KV zur „Honoraroptimierung“ kosten die unterbezahlten Kassenärzte viel Zeit, die dann eben nicht für medizinische Fortbildung genutzt werden kann. Auch hierin sehe ich eine mögliche Fehlerquelle. Die Honoraroptimierung wird dann von vielen Kollegen u.a. durch homöopathische Angebote erzielt. Man müsste große kognitive Dissonanz aushalten, wenn man sich in solchen Fällen die Homöopathie nicht auch unter verächtlichem Hinweis auf die Fehler der (unterbezahlten und daher nur als Massenbetrieb darstellbaren) konventionellen Medizin schönreden wollte.

Ben Goldacre formuliert es so: „Flaws in aircraft design do not prove the existence of magic carpets.” Wie wäre es denn, wenn endlich mal alle von ihren fliegenden Teppichen heruntergestoßen würden und sich in die Niederungen einer Medizin ohne Illusionen begäben? Dann könnte vielleicht die Aufgabe der Fehlervermeidung und Fehlerausmerzung solidarisch angegangen und auf mehr und breitere Schultern verteilt werden.

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