Justiz

Nein. Die Homöopathie "verbieten" können und wollen wir nicht. Wir haben aber gute Gründe, warum wir sie innerhalb der Medizin nicht für sinnvoll oder hilfreich halten. Natürlich kann jeder Mensch die Homöopathie für sich privat anwenden - und sie auch privat bezahlen. Wir möchten aber dafür sorgen, dass diese Menschen auch wissen, was Homöopathie denn nun wirklich ist. Denn gerade bei Homöopathie-Befürwortern herrscht da oft eine erstaunlich hartnäckige Unwissenheit. Die Hoffnung, dass Homöopathie wirken möge, ist berechtigt und in jedem Einzelfall verständlich. Dass sie jedoch so wirkt, wie Hahnemann sich das vor 200 Jahren ausgedacht hatte und wie es auch heute immer noch viele Homöopathen glauben, stimmt nicht. Wir verfügen heute über gute Erklärungsmodelle für die "Erfolge" der Homöopathie, die mit den Homöopathika selbst jedoch nur wenig zu tun haben. Wir möchten uns dafür einsetzen, dass Sie darüber mehr Informationen erhalten können.

Wir finden wichtig, dass Sie wissen, dass ein Festhalten an der Homöopathie nicht für eine bessere Medizin steht. 

Homöopathie steht heute für:

  1. Verlust der naturwissenschaftlichen Kompetenz
    Die Naturwissenschaften sind eindeutig in ihrem Urteil: Homöopathie kann aus naturwissenschaftlichen Gründen nicht wirken. Naturwissenschaften werden an Schulen und Hochschulen gelehrt. Wir sollten hier nicht Wissen und Glauben miteinander verwechseln und in falscher Toleranz beides lehren.
  2. Verlust der erkenntnistheoretischen philosophischen Kompetenz
    Die philosophische Frage "Wie können wir Wissen bekommen?" ist eine wichtige Frage. Es gibt Regeln, die dafür sorgen, dass wir uns nicht ständig irren. Regeln, die uns vor Fehlschlüssen und Fehlentscheidungen schützen. Wenn wir Homöopathie anerkennen, dann missachten wir die erkenntnistheoretischen Regeln - und gewöhnen uns zudem einen falschen Umgang mit wichtigen Regeln an.
  3. Beliebigkeit
    Naturgesetze werden nicht von Menschen gemacht. Die Naturgesetze sind vorhanden; wir Menschen können sie lediglich erkennen (oder auch nicht erkennen). Wir können sie nicht ändern. Wer Homöopathie akzeptiert, der akzeptiert auch, dass sich Naturgesetze beliebig verändern und an eigene Bedürfnisse anpassen lassen. Wer Homöopathie akzeptiert, hat keine Argumente mehr, wenn es um die Existenzfrage von Einhörnern, Trollen, Feen, Elfen und anderen Märchenwesen geht. 
  4. Verlust der Entscheidungsfreiheit
    Wer an Homöopathie glaubt, der ist all ihren Verheißungen hilflos ausgesetzt. Er hat keine gültigen Entscheidungskriterien, anhand derer er selbst entscheiden kann, ob etwas sinnvoll ist oder möglich, unsinnig oder unmöglich.
  5. Es gibt keine friedliche Koexistenz
    Aussagen wie "Man kann doch beides nutzen - Medizin und Homöopathie" oder "Medizin und Homöopathie können doch friedlich nebeneinander existieren" zeugen von Unkenntnis und Unverständnis der Homöopathie. Man kann nicht "Sinn" mit "Unsinn" kombinieren und hoffen, dass es besser wird. Die beste "Mischung" aus Sinn und Unsinn ist 100 % Sinn und 0 % Unsinn! Alles andere ist eine Verwässerung und Verschlechterung - vor allem für Sie als Patient.
  6. Falsche Gesundheitserziehung
    Kinder, die bei allen Wehwehchen Globuli bekommen, lernen, dass es gegen jede kleine Befindlichkeitsstörung einen homöopathischen "Ausschalter" gibt. Man wird zur Unachtsamkeit seinem Körper gegenüber erzogen und lernt, dass man für alles ein "Medikament" bräuchte. Das ist aber doch eher das Gegenteil von natürlichem Großwerden.

Wir sind nicht einfach nur "gegen" die Homöopathie, wir setzen uns auch für eine bessere Medizin ein.

Selbstverständlich möchten Menschen als Individuen gesehen und behandelt werden und nicht etwa als "Fälle" oder gar "Nummern". Wir können hier etwas von der Homöopathie und ihrem Umgang mit Patienten lernen. Doch die Alternative zu einer schlechten Medizin ist nicht Unsinn und ein letztlich unhaltbares Versprechen, sondern eine bessere Medizin. Wirksame Medizin und wieder mehr Menschlichkeit im Medizinbetrieb! 

Aus unserer Sicht gibt es an vielen Ecken etwas zu verbessern: 

  1. Patienten
    Die Patienten dürfen sich über die Homöopathie informieren. Sie sollten dabei die naturwissenschaftliche Basis unseres Wissens nicht leichtfertig durch esoterische Glaubenssätze verwässern oder gar ersetzen - auch wenn letztere sich irgendwie gut anhören/anfühlen.
  2. Krankenkassen
    Krankenkassen sollten Homöopathie und Homöopathika nicht bezahlen. Andernfalls handelt es sich um Veruntreuung von Versichertengeldern. Nur, weil den Patienten die Homöopathie gefällt, ist dies kein ausreichender Grund, sie zu erstatten. Besser wäre, wenn stattdessen auch Ärzte wieder längere Gespräche mit ihren Patienten führen könnten (und dies auch abrechenbar wäre), man die psychosomatische Grundversorgung weiter ausbauen würde und sich Patienten in der Medizin dadurch wieder wohler fühlen könnten. Dass die Homöopathie-Erstattung zu sinkenden Kosten führen sollte, ist übrigens nicht eingetreten. Das Geld stünde für sinnvollere Therapien zur Verfügung. 
  3. Ärztekammern
    Die Ärztekammern sollten weder Weiterbildungen noch Fortbildungen für Homöopathie anbieten oder mit Fortbildungspunkten "belohnen". Die Prüfungskommissionen sollten sämtliche Prüfungsfragen zum Thema "Homöopathie" aus den medizinischen Staatsexamina verbannen. Stattdessen sollten zwischenmenschliche Kompetenzen mehr Raum in der Aus- und Fortbildung bekommen. 
  4. Universitäten
    Die Medizinischen Fakultäten der Universitäten sollten keine Homöopathie-Kurse anbieten. Einzige Ausnahme: Historische Betrachtungen zur Homöopathie im Fach "Geschichte der Medizin". Sie sollten allerdings auch versuchen, ihr Wissen den Menschen besser zu vermitteln. Oft kommen sie als zu "kalt und abweisend" daher. 
  5. Politik
    Die Politik sollte den Binnenkonsens der "besonderen Therapierichtung" wieder aufheben. Von allen Medikamenten verlangen die Behörden Wirksamkeitsnachweise. Nur nicht von Medikamenten der "besonderen Therapierichtung", zu denen Homöopathika zählen. Bei diesen "Medikamenten" reicht es, wenn sich die Homöopathen gegenseitig die Wirksamkeit bescheinigen - einfach so. Das wäre vergleichbar mit einer kleinen Gruppe von "Teppichpiloten", die sich gegenseitig bescheinigen, dass man auf fliegenden Teppichen fliegen kann. Wir treten entschieden gegen dieses Zweiklassenprinzip der Medizin ein! 

 

(Autor: Dr. med. Wolfgang Vahle)

Foto: Pixabay 677940 Ajel

 

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Kommentare  

# Tunika 2016-08-17 12:06
Find ich vollkommen in Ordnung!

Nur eine Frage würde ich noch gerne erklärt haben, da war mir den Gedankensprung zu groß: wie kommt man von H. zu Trollen und Feen?
# Dr. Wolfgang Vahle 2016-08-17 12:50
Herzlich willkommen! Und Danke für Ihre Zustimmung!

Ihre Frage ist sehr gut; auch ich habe einige Zeit benötigt, um diesen Vergleich zu finden.

Der Gedankensprung von der Homöopathie zu Trollen und Feen ist aber im Prinzip gar nicht so groß.

Trolle und Feen sind Märchenfiguren, der menschlichen Phantasie entsprungen. Diese Figuren - die Liste ließe sich fortsetzen: Heinzelmännchen, Rübezahl, Zwerge, Rumpelstilzchen, Pokemons - existieren nicht in der physikalischen Realität, lediglich in der Phantasiewelt. Sie sind mit wissenschaftlichen Methoden nicht beweisbar. Zudem widersprechen die den Märchenwesen zugeschriebenen Fähigkeiten (Zauberei, Voraussagen der Zukunft, Erfüllung von Wünschen etc.) den Naturgesetzen.

Bei der Homöopathie ist es nicht anders: Sie ist der menschlichen Phantasie entsprungen und existiert nicht in der physikalischen Realität, lediglich in der Phantasiewelt. Die Homöopathie ist mit wissenschaftlichen Methoden nicht beweisbar. Die der Homöopathie zugeschriebenen Fähigkeiten (Wirkung in Abwesenheit, Fernwirkungen etc.) widersprechen den Naturgesetzen.

Allerdings gibt es doch einen Unterschied: Die Homöopathie ist weit verbreitet. Märchenwesen kommen nur im Märchen vor, nicht aber im täglichen Leben. Und obwohl beide Prinzipien sich hinsichtlich der Physik und der Phantasie nicht unterscheiden, ist die Homöopathie anerkannt. Aussagen über Märchenwesen nimmt man amüsiert zur Kenntnis und erfreut sich an der Phantasie des Märchenerfinders. Aussagen über Homöopathie hält man ernsthaft für wahr und erfreut sich am Forschergeist des Erfinders (Hahnemann).

Hahnemann hat aus seiner Sicht die Homöopathie zwar "erforscht". Diese "Forschung" hat aber nichts zu tun mit der wissenschaftlichen Forschung heute. Wissenschaftler stellen sich und ihre Theorien permanent in Frage in der Hoffnung, noch bessere Theorien zu finden. Wissenschaftler akzepteren bewiesene Fakten, auch, wenn sie intuitiv nicht dem Wunsch des Forschers entsprechen. Bei Hahnemann ist das anders: Hahnemann und seine Jünger haben sich selbst noch niemals in Frage gestellt. Sie akzeptieren nur Ideen, die ihrem Wunsch entsprechen und lassen sich durch gegenteilige Fakten nicht von ihrem Glauben abhalten.

Homöopathie - Feen - Trolle: Phantasiegebilde ohne Realitätsbezug. Fazit: Auch die weite Verbreitung der Homöopathie macht sie nicht richtig oder wirksam. An die Wirksamkeit der Homöopathie zu glauben ist ebenso unvernünftig wie an die Existenz von Trollen oder Feen zu glauben. Es hilft nicht, wenn der falsche Glaube weit verbreitet ist.
# Pewa 2016-09-04 08:20
Welche Fernwirkungen bzw. Wirkungen in Abwesenheit soll es in der klassischen Homöopathie geben?
Mit freundlichen Grüßen
# Dr. Wolfgang Vahle 2016-09-04 13:48
In homöopathischen Arzneimitteln oberhalb einer Grenze von etwa D24 oder C12 sind keine Wirkstoffmoleküle mehr enthalten. Die behauptete Wirkung dieser Arzneimittel wäre dann eine Wirkung in Abwesenheit der Wirkstoffmoleküle - oder zumindest eine Fernwirkung, denn die Wirkstoffmoleküle werden durch den Potenzierungsvorgang nicht vernichtet, sondern räumlich getrennt - weit getrennt - vom Arzneimittel.
# Medizin 2016-09-11 11:03
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