"Ich nehme lieber Globuli statt Antibiotika."

"Ärzte setzen viel zu viel ungezielt Antibiotika ein."

"Wenn ich zu viel davon einnehme, dann werde ich für spätere Erkrankungen resistent sein."

Diese Sätze hört man in dieser oder ähnlicher Form sehr häufig. Alle drei Sätze sind jedoch falsch. Schauen wir sie einzeln an:

 

1. Ich nehme lieber Globuli statt Antibiotika.

Lieber Globuli einzunehmen als Antibiotika ist ein verständlicher Wunsch. Es ist aber ein falscher Vergleich. Wenn es nach mir ginge: Ich zum Beispiel würde lieber im Lotto gewinnen als Antibiotika einzunehmen.

Antibiotika sind hochwirksame Medikamente, die in der Lage sind, bestimmte Krankheitserreger (Bakterien) abzutöten oder deren Vermehrung zu verhindern. Obwohl "anti bios" die Bedeutung hat "gegen das Leben gerichtet", sind Antibiotika nicht gegen alles Leben wirksam: Parasiten und Viren können nicht antibiotisch behandelt werden. Auch bei Mensch und Tier müssen wir nicht befürchten, dass sie von Antibiotika getötet werden. Auch sind nicht alle Antibiotika gegen alle Bakterien wirksam. Bakterien können „sensibel“ (empfindlich) oder „resistent“ (unempfindlich) gegen Antibiotika sein.

Es gibt viele Antibiotikagruppen, deren Vertreter untereinander chemisch nicht verwandt sind. Sie haben keine gemeinsamen "Wurzeln", sondern ein gemeinsames Ziel: Die Reduzierung der Anzahl krankmachender Keime im Wirtsorganismus; die "Senkung der Keimlast". Zu jedem Antibiotikum kann man angeben, welche Bakterien bezüglich dieses Antibiotikums sensibel oder resistent sind. Und zu jedem Bakterium kann man angeben, gegen welche Antibiotika es sensibel oder resistent ist. Bezogen auf krankmachende ("pathogene") Keime hat jedes Antibiotikum ein "Wirkungsspektrum".

Der Einsatz von Antibiotika ist also prinzipiell nur sinnvoll, wenn es sich um eine Erkrankung handelt, die von Krankheitskeimen verursacht wird, welche im Wirkungsspektrum eines Antibiotikums liegen. Wenn man ein - bezogen auf die pathogenen Keime - wirksames Antibiotikum einsetzt, dann senkt man die Keimlast im Wirtsorganismus. Das Immunsystem des Wirtsorganismus kann unter diesen verbesserten Bedingungen die Heilung herbeiführen. Die Stärkung des Immunsystems wird nur durch die Keime selbst induziert. Eine unspezifische Stärkung des Immunsystems durch Fremdsubstanzen ist nicht nachgewiesen - weder für Präparate wie "Echinacin" noch für Globuli. Ein ungezielter Einsatz von Antibiotika - gar von unwirksamen bei resistenten Keimen oder bei Viren - kann nicht zur Senkung der Keimlast führen und deshalb das Immunsystem auch nicht unterstützen.

Gelegentlich gibt es Studien, die zeigen (sollen), dass Antibiotika nicht besser wirken als homöopathische Arzneien. Zum Beweis dieser falschen Behauptung werden dann in der Vergleichsgruppe Antibiotika eingesetzt bei Krankheiten, die gerade nicht auf Antibiotika ansprechen. Es ist also nicht verwunderlich, dass Antibiotika in diesen Studien schlecht abschneiden. Das bedeutet aber nicht, dass Globuli Antibiotika vorzuziehen seien, sondern nur, dass das Studiendesign schlecht war.

Jeder Einsatz von Antibiotika hat aber noch eine zweite Komponente: Unter dem Einfluss von Antibiotika und dem dadurch erhöhten "Selektionsdruck" können empfindliche Bakterien resistent oder schneller resistent werden. Diese beschleunigte Resistenzentwicklung betrifft auch Keime, die nicht - noch nicht! - krankmachend sind und erst durch ihre antibiotikuminduzierte Resistenz gefährlich werden können. Der Einsatz von Antibiotika bei Viruserkrankungen ist also nicht nur unsinnig, weil unwirksam, sondern sogar schädlich, weil resistenzfördernd. Die Medizin als Wissenschaft weiß das und lehrt das. Aus diesem Grund sind Antibiotika bei uns verschreibungspflichtig. Wenn es im Einzelfall Ärzte gibt, die sich an die Vorgaben der Medizin nicht halten, dann ist das ein Versäumnis des Arztes und nicht ein Versäumnis der Medizin. Im Falle eines diesbezüglichen Gerichtsverfahrens würde die Medizin als Zeugin gegen den Arzt auftreten.

2. Ärzte setzen viel zu viel ungezielt Antibiotika ein? Warum glaubt man das?

Weil Ärzte über die Vor- und Nachteile von Antibiotika informiert sind, setzen sie diese Medikamente nur - nach ihrem Wissen und Gewissen - gezielt ein.

Bei manchen Infektionskrankheiten ist die bakterielle Ursache ohne großen Aufwand schnell zu erkennen. Andere Infektionskrankheiten erfordern eine aufwändige Diagnostik. Liegt eine bakterielle Infektion vor, dann sind entsprechende Antibiotika gerechtfertigt - auch, wenn der Weg zur Diagnose nur kurz war: auch kurze Wege können zielgerecht sein. Bei fehlerhaft ungezieltem Einsatz erhöht sich das Risiko einer Resistenzentwicklung von bis dahin empfindlichen Keimen. Je mehr resistente Keime es gibt, desto größer wird die allgemeine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung. Deshalb müssen Keime, die gegen ein Antibiotikum resistent sind, möglichst bald von einem anderen Antibiotikum abgetötet werden: Abgestorbene Bakterien können ihre Resistenzen nicht an die nachkommende Bakteriengeneration weitervererben.

Insbesondere bei Mischinfektionen mit einer Gruppe unterschiedlicher pathogener Keime kann es sein, dass selbst ein "Breitspektrum-Antibiotikum" nicht für alle Keime wirksam ist. In diesem Fall müssen dann mehrere verschiedene Antibiotika nacheinander eingenommen werden (die gleichzeitige Einnahme ist meistens problematisch, weil sich die verschiedenen chemischen Wirkmechanismen der Antibiotika eher gegenseitig behindern als fördern). Auch ein Antibiotikumwechsel zur Vermeidung von Resistenzbildungen ist keineswegs ungezielt, auch wenn sich die Notwendigkeit nicht allen Patienten erschließt. Und im Zweifelsfall bestimmt man Erreger und deren Resistenz im Labor.

3. Wenn ich zu viel davon einnehme, dann werde ich für spätere Erkrankungen resistent sein.

Der Begriff der Resistenz bezieht sich nur auf die pathogenen Keime, nicht auf den Wirtsorganismus, aus dem diese Keime eliminiert werden sollen. Die Wirtsorganismen sind "von Natur aus" resistent gegen Antibiotika. Das heißt: Nur eine chemische Substanz, gegen die Wirtsorganismen resistent sind, kann überhaupt erst auf eine eventuelle antibiotische Wirksamkeit untersucht werden. Substanzen wie "Zyankali" oder "Quecksilber" mögen gute Fähigkeiten haben, pathogene Keime abzutöten. Ein Einsatz dieser Substanzen als "Antibiotika" kommt nicht infrage: Menschen und Tiere sind nicht resistent gegen Zyankali oder Quecksilber. Für Menschen und Tiere sind Zyankali oder Quecksilber Gifte. Die von der Medizin eingesetzten Antibiotika dürfen für Mensch und Tier selbstverständlich nicht giftig sein.

Dass Mensch und Tier resistent sind gegen die verwendeten Antibiotika ist also kein Nachteil, sondern im Gegenteil Grundvoraussetzung für den Einsatz von Antibiotika. Nehmen wir - in einem Gedankenspiel - an, Menschen würden resistent werden können gegen z. B. Quecksilber: Dann hätten wir keinen Nachteil dadurch, sondern lediglich eine weitere Therapieoption bei Infektionskrankheiten durch quecksilbersensible Keime.

 

Fazit:  Ich nehme lieber Globuli statt Antibiotika?

Globuli sind "homöopathische Arzneien". Die Lehre der Homöopathie kennt keine Krankheitskeime, also ist für die Homöopathie ein Einsatz von Antibiotika schlichtweg unsinnig. Und deshalb ist umgekehrt die Gabe von Globuli bei Infektionskrankheiten aus Sicht der wissenschaftlichen Medizin nicht weniger unsinnig, weil genau die eigentlichen Ursachen der Infektionskrankheiten und die einzigen wirksamen Mittel dagegen von der Homöopathie kategorisch ignoriert werden. 

Eine antibiotische Behandlung bei Infektionskrankheiten - insbesondere bei schweren Infektionskrankheiten - ist keineswegs eine rein symptomatische Therapie, sondern eine Kausaltherapie ("Ursachenbehandlung"), die Leben retten kann. Ein Verzicht auf eine notwendige antibiotische Therapie kann schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen - durch Unterlassung.

Harmlose Erkrankungen hingegen erfordern weder Antibiotika noch Globuli. Homöopathische Arzneien sind bei allen Erkrankungen unwirksam und überflüssig.

 

Weiterführende Informationen finden Sie im Artikel Antibiotika auf Homöopedia

 

Autor: Dr. med. Wolfgang Vahle 

Bild: Dr. med. Wolfgang Vahle

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