Viele Menschen nehmen an, dass homöopathische Mittel aus pflanzlichen Stoffen hergestellt werden.
Sieht man sich jedoch die langen "Arzneimittellisten" der Hersteller von Homöopathika an, wird schnell klar, dass Homöopathie und Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) zwei völlig verschiedene Dinge sind. In pflanzlichen Arzneimitteln sind die Inhaltsstoffe in medizinisch wirksamen Konzentrationen vorhanden, in der modernen Pflanzenheilkunde wird die Ursache-Wirkungs-Beziehung mit wissenschaftlichen Methoden untersucht, und nicht zuletzt unterliegen sie im Gegensatz zu homöopathischen Mitteln dem Arzneimittelrecht und müssen ihre Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nachweisen.
Anders in der Homöopathie: Nur ein Teil der verwendeten Grundsubstanzen sind pflanzlicher Natur und selbst unter diesen finden sich einige, die schon in geringer Dosierung gesundheitsgefährdend sein können, etwa das Pfeilgift Curare, der Fliegenpilz oder Schierling.

Man kann froh sein, dass durch die hochgradige Verdünnung in den verwendeten Mitteln nichts oder zumindest keine wirksame Konzentration der Ausgangsstoffe mehr vorhanden ist.

Dies wird selbst von den Autoren von Arzneimittellisten betont (1).

In den Zutatenlisten finden sich aber auch gänzlich unpflanzliche Dinge wie Polio-Viren ("sterilisiert"), "Brummen von Kornkreisen", Aluminium, Quecksilber und alle anderen Metalle, Chlor, der magnetische Nordpol, Meteorstaub aus Arizona, Mikrowellen, Plutonium, Erreger von Tripper und Syphilis, sogar Pocken- und Pesterreger (Yersinia pestis), wahlweise die Berliner oder die Chinesische Mauer - und last but not least auch Zucker, der millionen- oder milliardenfach verdünnt auf Globuli (die selbst nur aus Zucker bestehen) aufgesprüht wird. Da aber homöopathische Mittel mit ihrer lateinischen oder vereinzelt zumindest englischen Bezeichnung im Handel sind, wissen die wenigsten, was sich hinter den wissenschaftlich klingenden Namen verbirgt. Wer erkennt schon, dass Cimex lectularius die gemeine Bettwanze ist, Porcellanum misniense Meißner Porzellan, Gunpowder comp. reines Schießpulver oder Excrementum caninum nichts anderes als Hundekot?

Viele der Ursprungsmaterialien waren zu Hahnemanns Zeiten unbekannt. Er selbst beschreibt in der letzten Auflage der 'Reinen Arzneimittellehre' 1833 ganze 70 Substanzen, die er für seine Zubereitungen verwendete. Schon damals waren dies aber nicht nur pflanzliche Grundstoffe, sondern auch Quecksilber, Gold, Silber, Zinn und Wismut, Schwefel, Phosphorsäure oder Kohle.

Die Systematik der Zutaten orientiert sich zumindest in Teilen noch an den Ansichten über die Natur, wie sie zu Hahnemanns Zeiten geläufig waren, nimmt aber auch moderne Taxonomien auf.

Unterschieden werden von den Autoren der Arzneimittellisten:

Belebte Naturreiche:
Tiere
Pflanzen
Pilze
Protisten (alle Einzeller, die keinem anderen Reich zugehören)
Bakterien

Unbelebte Naturreiche:
Viren
Mineralien (alle chemischen Elemente, die aber mit Homöopathie-spezifischen Abkürzungen versehen werden)
Energiefelder (physikalische Strahlungen wie das Licht des Polarsterns, Energiefelder von Orten)

Wie kommen nun die Hersteller der Globuli und die „Erfinder“ neuer Rezepturen auf die möglichen Substanzen, wenn sie neue Mittel auf den Markt bringen? Immerhin gibt es inzwischen über 7.000 Zutaten, die für homöopathische Zubereitungen verwendet werden.

Die Auswahl, welche Dinge zur Herstellung von neuen Homöopathika verwendet werden, geschieht völlig willkürlich durch Intuition der Entwickler. Grundlage ist die Signaturenlehre, die ihren Ursprung im Altertum hatte und im späten Mittelalter weite Verbreitung in Europa fand. Sie nimmt an, dass Ähnlichkeiten von Merkmalen natürlicher Objekte auf innere Zusammenhänge zwischen ihnen hinweisen. Diese Merkmale können jede denkbare Eigenschaft sein: Form, Farbe, Verhalten, Charakter, Geruch, Geschmack, Standort, Entstehungszeit, Farben, astrologische Zuordnungen - jegliche Aspekte, die man in die Dinge hineinlesen will.

Ein beliebtes Beispiel ist die Walnuss, deren Form an das menschliche Gehirn erinnert und die deshalb bei Erkrankungen des Gehirns eingesetzt wird, oder die Bohne, die aufgrund ihrer nierenähnlichen Form bei Nierenerkrankungen helfen soll. Es gibt aber auch homöopathische Mittel wie „Terra“ (normale Erde, eins zu 10 hoch 30 verdünnt), die bei Heimatvertriebenen, aber auch anderen „Entwurzelten“ wie Geschiedenen verwendet wird.
Dass diese phänomenologischen Ähnlichkeiten nichts mit strukturellen, funktionalen oder physikalischen Zusammenhängen zu tun haben und einem vorwissenschaftlichen Weltmodell entsprechen, dürfte schon Grundschülern klar sein.

Auch völlig individuell-subjektive Beobachtungen aus dem Alltag können für die Auswahl der Grundsubstanz herangezogen werden, wenn etwa vom vermeintlich erhöhten Bedürfnis nach Schokolade während der Menstruation auf einen Zusammenhang mit Kreislauf und Hormonsystem geschlossen wird (natürlich ohne irgendwelche empirischen Belege dafür zu haben).

Fazit: Die Auswahl homöopathischer Grundsubstanzen ist zufällig, subjektiv, rein intuitiv und durch keinerlei Logik, Forschung oder wissenschaftliche Herleitung belegt. Das Verständnis von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen ist im besten Fall unwissenschaftlich und entspricht oft magischem Denken.
Die Schlussfolgerungen folgen einer induktiven Logik, in der von Gefühlen, Einzelbeobachtungen oder esoterischen Hypothesen auf Gesetzmäßigkeiten geschlossen wird, ohne dass diese irgendwie empirisch belegt werden können.

 

 

(1) „In der Liste der homöopathischen Mittel genannte Gifte, Medikamente oder Krankheitserreger sind nur im Sinne eines nach homöopathischen Regeln potenzierten Mittels zu verstehen, d.h. die von den genannten Herstellern angebotenen und in Arzneimittelprüfungen oder Artikeln besprochenen homöopathischen Arzneimittel enthalten die genannten Stoffe (Gifte, Medikamente, Krankheitserreger) nicht im chemischen oder biologischen Sinne, sofern die Potenzstufe C12, D24 oder höher ist.“ Quelle 

 

Autorin: Dr. Susanne Kretschmann (Dipl.-Psych.)

Bild: Andreas Weimann

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