Tierhomöopathie ist weit verbreitet und wird hoch gelobt. Doch zunächst ist sie ein Gebäude, das erst von Hahnemanns Nachfolgern gezimmert worden ist. Von ihm selbst gibt es nur einen kurzen, von ihm nie veröffentlichten Text, in dem er die Idee andeutet, Arzneimittelprüfungen und Materia medica auch für Tiere durchzuführen bzw. aufzustellen. Er ist nicht darauf zurückgekommen – heute sind die Angebote von Tierhomöopathen und Homöopathie praktizierenden Tierheilpraktikern gleichwohl überall zu finden.

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass Hahnemann die nachstehenden Probleme im Kern bewusst waren und er deshalb die Einsicht hatte, auf die Etablierung einer Tierhomöopathie zu verzichten, was manchen seiner Nachfolger jedoch keineswegs davon abgehalten hat.

  • Die Physiologie der Tiere ist von der des Menschen, zusätzlich auch noch innerhalb der Tierrassen sehr unterschiedlich. Viele Erkrankungen im Tierreich kommen überhaupt nur artenspezifisch vor, was eine ungeheure Differenzierung bei der Erfassung von Krankheitsbildern voraussetzt. Zu Hahnemanns Zeiten kannte man natürlich schon tierspezifische Erkrankungen, konnte sie aber noch nicht im Hinblick auf eine unterschiedliche Physiologie deuten.
  • Deswegen hätte es einer völlig neuen Basis neben der homöopathischen Methode für Menschen bedurft: Arzneimittelprüfung an Tieren, tierspezifischer Materia Medica und homöopathischer Anamnese am Tier. Wäre das überhaupt - abgesehen davon, dass dies für jede Tierrasse einzeln hätte geschehen müssen - nach den Anforderungen des Organon leistbar gewesen? Diese Frage wird man verneinen müssen.
  • Wie soll bei Tieren, zumal bei völlig unterschiedlichen Arten, eine homöopathische Anamnese als detailliertes Gesamtbild vom körperlichen, geistigen und seelischen Zustand des Patienten unter Einbeziehung aller kleinster Einzelheiten seiner Symptomatik durchführbar sein, wie sie im Organon gefordert wird? Gleiches gilt natürlich auch für die Arzneimittelprüfung, die ja nur ein Spiegelbild der Anamnese auf der Grundlage genauester Erfassung der kleinsten Befindlichkeitsstörung am Probanden ist. Immerhin ist das Tier nicht in der Lage, so detailliert Auskunft zu geben, wie es die Methode nun einmal erfordert. Viele Symptome bei Veterinärerkrankungen zeichnen sich ohnehin dadurch aus, dass sie sehr spät offen in Erscheinung treten.
  • Die praktizierenden Tierhomöopathen zeigten - im Gegensatz zu ihrem spiritus rector - so wenig Einsicht in diese Problemlagen, dass man sich bis heute mit mehr als dünnen Hilfskonstruktionen zufriedengab. Und zwar insofern, als Arzneimittelprüfung wie auch anamnestische Erhebung in Ermangelung sprachlicher Kommunikation durch "Beobachtung" des Tieres und gegebenenfalls Befragung des Tierhalters durchgeführt wurde und wird (moderner Ausdruck dafür: Anamnese by proxy). Es erschließt sich nicht, dass die Forderungen des Organon zur Methodik durch eine derartige "Krücke" erfüllt werden könnten.
  • Heute gibt es eine Unzahl von Methoden und Veröffentlichungen zur Arzneimittelprüfung und Anamnese an Tieren. Allein dieses Abgleiten ins Uferlose und Beliebige ist ein klares Zeichen für eine fehlgeleitete Methode. Und steht mal kein Nachschlagewerk für den Einzelfall zur Verfügung, so muss es der analoge Rückgriff auf die Repertorien zur menschlichen Behandlung tun, notfalls wieder die viel bemühte Erfahrung.
  • So kann es auch nicht verwundern, dass die Studienlage zur Wirksamkeit von Tierhomöopathie katastrophal ist - was sogar die Carstens-Stiftung einräumt.

Gleich ob bei Mensch oder Tier - die homöopathische Methode ist weder wirksam, noch schonend oder ganzheitlich. Zudem besteht aus den angeführten Gründen bei homöopathischer Behandlung von Tieren noch ein weitaus höheres Risiko von Fehldiagnose/Fehlbehandlung als beim Menschen. Das Tier kann sich nicht selbst versorgen, ist auf Gedeih und Verderb der Verantwortung seines Halters angewiesen. Dieser kann man nur gerecht werden, wenn dem Tier evidenzbasierte Veterinärmedizin zugänglich gemacht wird. Alles andere ist unethisch, das Wort Tierquälerei durchaus am Platze.

Noch ein Wort zu Antibiotika in der (Massen-)Tierhaltung: Antibiotika aus zuchtspezifischen Gründen sind abzulehnen. Dazu gehört auch die vorbeugende und regelmäßige Gabe aufgrund von unzureichenden Haltungsbedingungen. Antibiotika aus veterinärmedizinischen Gründen sind im Bedarfsfall aber selbstverständlich dem "Nichtstun" durch Homöopathika vorzuziehen.

Lesen Sie mehr zur Homöopathie bei Tieren.

 

Autor und Bild: Udo Endruscheit 

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