Beweise in der Naturwissenschaft

"Naturwissenschaftlich bewiesen" oder "naturwissenschaftlich widerlegt", sind zwar Aussagen, die man häufig hört, sie sind jedoch nicht präzise. Richtiger wäre die Formulierung "nach bisherigen Erkenntnissen" – oder ausführlicher "nach bisherigen, mit naturwissenschaftlichen Methoden gewonnenen, Erkenntnissen belegt, die sich wegen ihres außerordentlich hohen Erklärungspotenzials bewährt haben". (1). Aussagen wie "Homöopathiewirkungen sind beweisbar" oder "Homöopathiewirkungen sind widerlegbar" kann man nicht rein formallogisch entscheiden, also unter Missachtung aller Beobachtungen. Ebenso wenig kann man rein formallogisch entscheiden, ob unsere Beobachtungen richtig sind! Aussagen über Richtigkeiten sind immer mit dem Makel behaftet, dass wir keine hundertprozentige Sicherheit bekommen können. Irrtümer sind niemals auszuschließen. Auch eine innere Widerspruchsfreiheit ist keine Garantie für Richtigkeit ("Wahrheit"). Das ist die Theorie.

Die Praxis ist jedoch, dass wir außer dem widerspruchsfreien System der - bisher (streng genommen also "vorläufig") als gültig erachteten - Naturgesetze kein zweites in sich widerspruchsfreies System von Naturgesetzen kennen - und es uns noch nicht mal vorstellen können! Und dass die bisher als gültig erachteten Naturgesetze das höchste Erklärungspotenzial haben, das wir kennen. Die Physiker haben zwar noch jede Menge unerklärter Phänomene auf ihrer "To-Do-List", aber sie haben (wiederum: bis jetzt) offenbar keinen Bedarf an weiteren "Werkzeugen" (kein Physiker scheint eine fünfte Grundkraft zu vermissen). Auch wenn noch nicht alles erklärt ist: Das Erklärungspotenzial der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse (wichtig: es sind unsere "Erkenntnisse") ist außerordentlich hoch. Es gab bis heute keinen einzigen Grund, Natürliches mit Übernatürlichem zu erklären. Auch wenn man das für die Zukunft nicht "sicher" ausschließen kann: Wenn man es "erfahrungsgemäß" ausschließt, dann reicht das völlig. Mit dem Restfehler kann man gut leben: Er ist extrem klein.

Mehr als unsere sorgfältig gewonnene Erfahrung brauchen wir auch nicht (damit ist jedoch nicht persönliche Einzelerfahrung gemeint, sondern das Portfolio sämtlicher wissenschaftlich gewonnener Beobachtungsdaten). Wir müssen uns in unserem Kosmos zurechtfinden. Und diese Aufgabe erledigen wir mit unserem "Satz an Erkenntnissen" bravourös. In diesem Kosmos benötigt kein Lebewesen ein "Gefühl" (Erkennungsmöglichkeit) für eine 4. oder 5. Dimension. Mit unserer Erkenntnisfähigkeit für maximal 3 Dimensionen können wir überleben. An diesem Ziel gemessen, darf man behaupten: Die Evolution, die uns "nur" drei Dimensionen erkennen lässt, hat offenbar nicht viel falsch gemacht.

Die Homöopathie und das "Beweisen"

Homöopathie ist kein Glasperlenspiel. Es geht nicht darum, die Homöopathie oder andere Therapien mit formallogischen und "haarspalterischen" Methoden eine theoretisch mögliche Gültigkeit zu bescheinigen oder abzusprechen. Homöopathie kann rein formal nicht "á priori" für ungültig erklärt werden – Genauigkeitsfreaks mögen sich daran erfreuen und sich damit zufriedengeben. Für die wichtigen Fragen der praktischen Anwendung in der täglichen Praxis reicht es, wenn die Homöopathie "á posteriori" für ungültig erklärt wird: Es gibt keine nachweisbaren Phänomene einer Wirksamkeit über den Placeboeeffekt hinaus. Und Homöopathie verstößt gegen unsere bisher als gültig angesehenen und bewährten Erkenntnisse.

Wer sich darauf verlassen möchte, dass für die Homöopathie in Zukunft ein neues, in sich widerspruchsfreies System von Erkenntnissen dafür sorgen wird, dass die Homöopathie doch noch möglich ist - weil sie in das neue System hineinpassen wird -, der darf auch mit gleicher Berechtigung darauf vertrauen, dass dann auch für die Gravitation ein neues System gefunden wird. Er kann dann ja schon mal im Vertrauen auf diese Zukunftserkenntnisse vom Empire-State-Building springen (ach was, ein 10-m-Turm reicht völlig aus). Wir beteiligen uns nicht an diesen Spekulationen und bleiben lieber solange am Boden, bis dass die Gravitation tatsächlich abstoßende Kräfte hat ...

Und was sagt die Philosophie dazu?

Wir können den Philosophen (Wissenschafts-, Erkenntnistheoretikern) gern zugestehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen "Sicherheit - in philosophischer und formallogischer Strenge" und "Sicherheit - im alltäglichen Sprachgebrauch". Aber: "Sicherheit - in philosophischer und formallogischer Strenge" ist ein unerreichbares Ziel für alles. Den Begriff kann man außerhalb der Formallogik nicht gebrauchen: Es gibt nichts, das diesen Anspruch erfüllen könnte. Mit philosophisch und formallogisch strenger Sicherheit kann man auch den Yeti nicht ausschließen oder Feen, Elfen, Heinzelmännchen ...

Interessant ist aber, dass genau diejenigen, die beim "Nicht-Ausschließen-Können" philosophisch streng genau sind und diese Strenge auch einfordern, in der daraus abgeleiteten beliebten Schlussfolgerung „Alles, dessen Existenz nicht auszuschließen ist, ist existent“ absolut nachlässig sind. Diese Schlussfolgerung ist philosophisch unhaltbar und schlicht falsch!

Wäre eine solche Schlussfolgerung korrekt, dann wäre Denken ein "Schöpfungsakt": Ich denke mir etwas aus. Niemand kann die Nicht-Existenz des Ausgedachten beweisen. Also ist das Ausgedachte existent und real. Falsch. Für den Begriff "Sicherheit - in philosophischer Strenge" kann man sich "nichts kaufen". Der Begriff schwebt lediglich als Begriff in den geistigen Höhen. Er ist für die Entscheidungsfindung im Alltagsleben so wertvoll wie Vermögenswerte, die auf einem Planeten im Andromedanebel deponiert sind.

Wenn wir sagen, dass die Homöopathie widerlegt ist, dann meinen wir die "schwache" Widerlegung im alltäglichen Sprachgebrauch - und sind uns mit mehr als extremer Wahrscheinlichkeit sicher, dass wir keinen relevanten Fehler machen. Sich auf die "Genauigkeit des alltäglichen Sprachgebrauchs" zu beschränken, wenn die höherwertige "philosophisch strenge Genauigkeit" prinzipiell - ausnahmslos - unerreichbar ist: Das ist nicht tadelnswert. Es ist im Gegenteil eine notwendige Bedingung dafür, dass wir uns überhaupt über irgendetwas verständigen können. Wollten wir auf hundertprozentige Sicherheit warten, dann müssten wir in ewiger Tatenlosigkeit verharren.

 

(1) Anmerkung: Beweise in der Mathematik werden nach strengen logischen Regeln erstellt, Regeln, die man auf die "reale Welt" nicht automatisch übertragen darf. Der mathematische Beweis z. B., dass es unendlich viele Primzahlen gibt, ist von einem ganz anderen Kaliber als "Beweise" in den Naturwissenschaften. Die Ansprüche, die die Mathematik an Beweise stellt, können von den Naturwissenschaften nicht erfüllt werden.

Mathematiker sind sich noch nicht mal einig, ob die Mathematik in der Natur immanent verankert ist oder ob es sich um eine menschliche Erfindung handelt, die lediglich - völlig unerklärlich - geeignet ist, Naturphänomene präzise zu beschreiben. Mathematik selbst gehört zwar zu den MINT-Fächern, aber eine Naturwissenschaft im eigentlichen Sinne ist sie wohl nicht.

Und obwohl die Mathematik durch rein logische Schlussfolgerungen viel mehr beweisen kann als die Naturwissenschaften durch Beobachtung mit theoretischer Aufbereitung, ist es auch der Mathematik nicht möglich, innerhalb eines Axiomensystems gleichzeitig "Wahrheit" (= "Richtigkeit der Annahmen") und "logische Konsistenz" zu erzielen. Das ist vom Logiker Kurt Gödel in seinen "Unvollständigkeitssätzen" gezeigt worden. Streng formallogisch wahre Aussagen gibt es nicht innerhalb eines Systems, sondern nur von außen, gewissermaßen von "höheren Standpunkten" aus.

Und wenn man sich bereits auf einem "höchsten Beobachterstand" befindet? Dann muss man sich leider damit zufriedengeben, dass streng formallogisch die Wahrheit einer Aussage nicht bewiesen werden kann. Das gilt letztendlich auch für die Aussagen "Homöopathiewirkungen sind beweisbar" oder "Homöopathiewirkungen sind widerlegbar": streng formallogisch ist das nicht möglich.

 

Autor: Dr. med. Wolfgang Vahle

Foto: Pixabay 677940 Ajel

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