Homöopathika enthalten zu wenig Wirkstoff, um überhaupt einen heilenden Effekt auslösen zu können, der von diesem Wirkstoff hervorgerufen werden könnte. Bei den Hochpotenzen ist spätestens ab D23 / C12 noch nicht einmal mehr ein Atom/Molekül Wirkstoff im Präparat enthalten. Auch bei niedrigen Potenzen reicht die empfohlene Tagesdosis nicht für eine pharmazeutische Wirkung aus: Eine Einnahme nach Empfehlung des Herstellers von höchstens sechs Mal täglich fünf Globuli ergibt schon in C1 bzw. D2 ganze 0,03 mg (Milligramm) des Ursprungsstoffes. Zum Vergleich: die empfohlene Tagesdosis etwa von "Dolormin Extra", einem Schmerzmittel, beträgt für Erwachsene 200 bis 400 mg des Wirkstoffes.

Dagegen wird gelegentlich das Argument vorgebracht, dass es sehr wohl Stoffe gibt, die auch in kleinsten Mengen eine Wirkung entfalten und von bestimmten Organismen wahrgenommen werden können. Aale riechen angeblich Phenylethylalkohol (das ist künstlicher Rosenduft) im Wasser, wenn davon nur ein Gramm auf die 60-fache Wassermenge des Bodensees verdünnt wurde, was immerhin schon einer Verdünnung entsprechend der Potenz D18 entspricht.

Dass dieses Argument an den realen Gegebenheiten vorbeigeht, kann man an einem kleinen Experiment überprüfen. Sie, lieber Leser, sind sicher in der Lage, aus den unteren beiden Bildern dasjenige herauszufinden, das mehr Kreuze zeigt, und wie groß der Unterschied ist:

Screenshot 2017 06 12 08.24.12

Das eine Kreuz soll einem Molekül Rosenduft entsprechen, das an den Riechzellen des Aals vorbeischwimmt. Wie erkennbar, fällt das einzelne Objekt sofort auf, wenn drum herum keine anderen sind und es sich mit hohem Kontrast von der Umgebung abhebt.

Dies gibt aber die Situation der Einnahme von Homöopathika nicht wieder. Unser Körper besteht aus einer Unmenge der verschiedensten Stoffe, ebenso unsere Nahrung. Ein Beispiel soll den Sachverhalt verdeutlichen:

Sie werden mir sicher zustimmen, dass Gold in der Natur sehr selten ist. Dennoch sind in einem Kubikkilometer Wasser durchschnittlich etwa 10 kg Gold enthalten, was der Konzentration einer D11-Potenz entspricht. Diese Zahl gilt zwar für Meerwasser, aber hier sei vereinfachend angenommen, dass es sich bei Süßwasser nicht wesentlich anders verhält. Täglich braucht man etwa drei Liter Flüssigkeit. Wenn Sie das trinken, dann trinken Sie die gleiche Menge Gold mit, wie Sie an Urtinktur (dem homöopathischen Mittel) Ihrem Körper zuführen, wenn Sie ein Homöopathikum in D8-Potenz einnehmen. Anders herum ausgedrückt: Von den in der Homöopathie üblichen Mitteln trinken Sie im Verlauf eines Tages wahrscheinlich wesentlich mehr als sie mit Globuli einnehmen, wenn Sie sich an die Einnahmevorschrift halten.

Nimmt man also ein Homöopathikum in einer niedrigen Potenz ein, dann hat man damit nicht etwa einen (vermeintlichen Wirk-) Stoff in seinen Körper neu aufgenommen, der vorher nicht vorhanden war. Man hat vielmehr die Menge nur geringfügig erhöht. Ganz extrem: Der Körper eines Erwachsenen enthält 150 g bis 300 g Speisesalz. Durch die Einnahme von Natrium chloratum D2 erhöht sich die Salzmenge im Körper beispielsweise von 200,000 000 g auf 200,000 030 g.

Dann aber ist der obige Bildvergleich nicht stichhaltig. Der Test, ob man ein einzelnes Objekt erkennen kann ist nicht aussagekräftig. Vielmehr muss man fragen, ob man den Unterschied merkt, wenn sich eine Menge geringfügig vergrößert, so wie in den folgenden Grafiken. Frage: Welches Bild enthält mehr Kreuze und wie viele mehr?

Screenshot 2017 06 12 08.24.22Dies wird man nur durch mühsames Auszählen der Kreuze feststellen können. Rein durch Augenschein kann man das nicht erkennen. Wobei dies hier verglichen mit den Verhältnissen bei den Homöopathika noch ein starker Unterschied ist: Das linke Bild enthält 101 Kreuze, das rechte nur 100. Das ist also ein Unterschied von immerhin 1 % - der dennoch nicht erkennbar ist.

Wenn man die Wirksamkeit kleinster Mengen eines Wirkstoffes beurteilen will, dann ist es nicht richtig, die minimale Menge zu betrachten, bei der eine Wirkung einsetzt, sondern man muss sich fragen, wie groß die zusätzlich zum Vorhandenen benötigte Menge ist, um einen Effekt zu erzielen. Um zu dem Aal zurückzukehren: Auch wenn er ein Gramm auf die 60-fache Menge des Bodensees erkennen kann, ist doch zu bezweifeln, dass er zwischen 1.000.000 g und 1.000.001 g unterscheiden kann.

Daraus folgt übrigens auch, dass es nicht zutreffend sein kann, dass Homöopathika über die Weitergabe irgendwelcher "Information" wirkt: Das was das Homöopathikum vielleicht zu sagen hätte, wird dem Organismus schon in einem riesengroßen Chor dauernd vorgesungen.

 

Autor: Dr. Norbert Aust 

Foto: Shutterstock 19499434 Sven Hoppe

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