Homöopathie in England verbannt

Der National Health Service (NHS), der Träger des Gesundheitssystems in Großbritannien, hat die Verschreibungsfähigkeit von Homöopathika (und 17 weiteren Mitteln, durchweg pflanzliche Remedien) beendet. Der Schritt erfolgte wegen "geringer klinischer Wirksamkeit" und/oder "geringer Kosteneffizienz". Ein ebenso konsequenter wie überfälliger Schritt. Der "Guardian" und der "Telegraph" berichten.

Die Good Thinking Society, die Vereinigung der englischen Skeptiker, begrüßte diesen Schritt des NHS nachdrücklich: "Das ist eine sehr willkommene Nachricht. Jede glaubwürdige medizinische Institution ist sich sicher, dass homöopathische Heilmittel schlicht und einfach keinerlei Wirksamkeit haben, unter keinen Umständen - und es ist toll, dass diese klare und starke Aussage vom NHS offiziell als Tatsache anerkannt wird."

Natürlich spielt auch der wirtschaftliche und finanzielle Druck auf den NHS hier eine Rolle. Das schmälert die Bedeutung dieses Schrittes aber in keiner Weise. Wir hoffen, dass es hier bei uns nicht erst zu einer solchen Drucksituation kommen muss, bis erkannt wird, dass im öffentlichen Gesundheitssystem kein Platz für unwirksame Mittel und Methoden ist, nicht nur und im Grunde nicht einmal vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen.

Schon 2009 kam das Science and Technology Committee des House of Commons (englisches Unterhaus) in seinem "Evidence Check 2: Homeopathy" zu dem Ergebnis: "Homeopathy should not be funded on the NHS and the MHRA should stop licensing homeopathic products.... We conclude that the Government’s policies on the provision of homeopathy through the NHS and licensing of homeopathic products are not evidence-based."

Hieraus wurden nun die Konsequenzen gezogen. Kernaussage des NHS: "Homöopathie ist im besten Falle Placebo". Dem können wir uns nur anschließen.

 

 

Bildnachweis: Fotolia_62171586_S

Bekenntnisse einer Ex-Homöopathin im Nürnberger Planetarium (Veranstalter: Kortizes).

Jetzt als Video auf YouTube (ca. 40 Min):

https://www.youtube.com/watch?v=2I-1HICyz9g

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Viele Menschen fühlen sich zu pseudomedizinischen Methoden wie u.a. auch der Homöopathie hingezogen, weil sie einer falschen Vorstellung von "Natürlichkeit" unterliegen. Diese falsche Vorstellung steigert sich oft bis hin zur Forderung, doch bitte sanfte Medizin "ganz ohne Chemie" zu bekommen, nur "natürlich behandelt" zu werden und sich und seine Kinder vor "Chemiebomben" bewahren zu wollen. Eine Haltung, die durchaus Gefahren bergen kann, nämlich dann, wenn eine notwendige Behandlung mit pharmazeutischen Mitteln ihretwegen aufgeschoben wird oder gar ganz unterbleibt. Die Werbung für altenativmedizinische Mittel und Methoden hat sich darauf längst eingestellt.

Aber ist hier nicht irgendwo ein ganz grundlegender Denkfehler verborgen? Dieser neue Blogartikel mit dem etwas ironischen Titel "Für mich bitte keine Chemie" versucht eine Antwort.

Aus der zugehörigen Pressemitteilung: Anlässlich des in Leipzig stattfindenden Weltkongresses der Homöopathen haben die "Leipziger Skeptiker" und die "gbs Leipzig" dem Samuel-Hahnemann-Denkmal am Richard-Wagner-Platz einen Alu-Hut aufgesetzt. Mit ihrer Aktion wollen die beiden wissenschaftsfreundlichen Gruppen auf die Nicht-Wirksamkeit der Homöopathie hinweisen.

Mario Grunert, Mitglied der „Leipziger Skeptiker“: „Es ist unverständlich, dass eine 200 Jahre alte These, die schon längst widerlegt ist, jeder Kritik strotzt und trotzdem von den Krankenkassen finanziert wird, während Brillen und Zahnersatz nur teilweise finanziert werden. Dank erfolgreicher Lobbyarbeit müssen Hersteller homöopathischer Mittel keinen Wirkungsnachweis erbringen.“

Normalerweise müssen Pharma-Unternehmen die Wirksamkeit ihrer Medikamente über wissenschaftliche Studien beweisen, damit die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen getragen werden. Die Studien kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass homöopathische Mittel keinen über den bloßen Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung entfalten. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) forderte erst im Mai, dass die gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich keine homöopathischen Leistungen finanzieren dürften.

Die Begriffe Alu-Hut oder Alu-Hut-Träger werden metaphorisch verwendet, um Anhänger von Verschwörungstheorien oder einfach nur sehr leichtgläubige Menschen zu bezeichnen.

Nach Meinung von Jana Steinhaus (gbs Leipzig) passt daher der Alu-Hut sehr gut auf den Kopf von Samuel Hahnemann, der eine Zeit lang in Leipzig lebte und als Begründer der Homöopathie gilt, wie die Inschrift des Denkmalsockels verrät: "Bei der Homöopathie handelt es sich um eine rein glaubensbasierte Ideologie. Leider hat diese auch gefährliche Folgen: Die Propaganda der Homöopathen beflügelt leider das wachsende Misstrauen der Bevölkerung in die Schulmedizin. Immer wieder setzen Patienten daher nur auf Globuli oder andere Pseudo-Medikamente und geraten dadurch in Lebensgefahr oder sterben sogar, wie kürzlich ein siebenjähriger Junge in Italien. Da die Kosten von manchen Krankenkassen erstattet werden, müssen auch noch alle Beitragszahler diesen Hokuspokus mitfinanzieren."

Jens Tobias (gbs Leipzig) weißt auch darauf hin, dass "Kinder durch die Homöopathie frühzeitig daran gewöhnt werden, bei jedem Wehwehchen Pillen einzuwerfen. Dies ist eine gefährliche Entwicklung."

Die kleine Kunstaktion währte leider nicht lange. Am Abend soll ein Empfang der Kongressteilnehmer am Hahnemann-Denkmal stattfinden. Eine Organisatorin des Kongresses, eine Leipziger Kinderärztin, verlangte die Entfernung des Alu-Hutes bis spätestens 18:00 Uhr. Hierzu waren die Aktiven nicht bereit – immerhin sollten gerade die Homöopathen selbst auf die Irrationalität ihres Glaubens hingewiesen werden. Kurzerhand entfernten die Kongressorganisatoren den Alu-Hut daher selbst von dem etwas über 4 Meter hohen Denkmal.

Die "Leipziger Skeptiker" stehen der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) nahe. Mitglied in deren Wissenschaftsrat sind unter anderem Prof. Dr. Edzard Ernst und Dr. Natalie Grams – beides Wortführer der deutschsprachigen Kritik an Homöopathie.

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Foto: Maximilian Steinhaus 

Zum homöopathischen Weltärztekongress haben wir zahlreiche Interviews gegeben. 

In Leipzig trafen sich Homöopathen aus der ganzen Welt, für die Hahnemann “ein Gott” oder zumindest “wie Jesus” ist und das Organon “die Bibel”, darüber hinaus solche, die mit Homöopathie Krebs heilen wollen, und eine Kongress-Präsidentin Bajic, die weiter nach übersinnlichen Erklärungen für "das Phänomen Homöopathie" sucht.

Wir bitten Sie in diesem Ausnahmefall, den Berichten, Ereignissen, kritischen Stimmen, TV- und Radiobeiträgen auf dem GWUP-Blog zu folgen. Oder besuchen Sie unsere öffentliche Facebook-Seite, auf der Sie alle Links finden. 

Einen Blick auf die Kongressthemen, die Homöopathie eine Wirkung bei Autismus, Krebs, Osteomyelitis und Epedemien nachsagen, können Sie hier wagen. 

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