Uns hat ein Bericht über eine "Fortbildungsveranstaltung" für pharmazeutisches Personal erreicht, die von der DHU (Deutsche Homöopathie Union) durchgeführt wurde, dem deutschen Marktführer für Homöopathika. Diese Veranstaltungen -auch für andere Personenkreise- sind keine Seltenheit, neben Verkaufsförderung verfolgen sie auch die Absicht, das Verbot von Indikationsangaben bei registierten Homöopathika zu unterlaufen - wir sind schon früher darauf eingegangen. Ach ja, und Fortbildung soll es auch sein - immerhin honoriert mit zwei Fortbildungspunkten der örtlich zuständigen Apothekerkammer.

Wir möchten dazu gar nichts weiter kommentieren - machen Sie sich einfach selbst ein Bild:

Die Deutsche Homöopathieunion (DHU) hatte geladen: Zu einer Fortbildungsveranstaltung für pharmazeutisches Personal zum Thema „Homöopathie für die Brennpunkte des Körpers“.

Schauplatz ist ein Businesshotel in Heidelberg, am Buffet vor der Veranstaltung gibt es nichts auszusetzen: Lachshäppchen und anderes leckeres Fingerfood. Soweit noch nichts, was sich von Veranstaltungen dieser Art unterscheidet .

Etwa 130 TeilnehmerInnen jeglichen Alters, darunter drei Männer, der Conferencier der DHU spricht von 190 Anmeldungen. Die Weiterbildung beginnt mit einer Lektion, wie Verkaufsförderung funktioniert: Mit Aufstellern, Schaufenstergestaltung, Kundenbroschüren – aber vor allem durch gezielte Platzierung der DHU-Mittelchen bei den entsprechenden wirksamen Medikamenten: Okoubaka bei den Antibiotika, Alumina beim Dulcolax. So wird zusätzlicher Umsatz generiert, indem Kunden gleich die unwirksamen zu den wirksamen Mitteln empfohlen werden.

Den Anwesenden (überwiegend PTA) wird nahegelegt, zuerst eine „Anamnese“ mit gezielten Fragen durchzuführen: Kunden legten viel Wert auf Kommunikation und Beratung. Eine leider nicht näher belegte „Studie“ zeige, dass 75% der Kunden ein zusätzliches Produkt gekauft hätten, wenn es ihnen angeboten worden wäre. Immerhin, PTA haben normalerweise eine bessere Ausbildung als Heilpraktiker, die sich sonst für die Anamnese zuständig erklären. Trotzdem dürften ihre Kenntnisse nicht für eine vernünftige Diagnose ausreichen.

Allerdings heben sich auf die Frage des Referenten, wer denn schon aktiv Homöopathika empfehle, keine zehn Hände. Da gibt es wohl noch viel zu tun für die DHU.

Der Referent – ein Apotheker und Heilpraktiker – erzählt viel über die segensreiche Wirkung von Robinia pseudocacia D6, Arsenicum album D12, Alumina D12 (hier spricht er auch von „Aluminiumkindern“, deren „Konstitution“ prädestiniert sei für die Gabe dieses Mittels) und Opium D12 bei Verdauungsproblemen bis hin zu offensichtlich schwerwiegenden Śymptomatiken mit Panikattacken durch die Erkrankung. Besonders  Nux vomica D12 hat es ihm angetan, das anscheinend für alles und jedes nützt. Am Schluss dieser Ausführungen wird deutlich, warum ihm gerade dieses Mittel so wichtig ist: Es darf in Zukunft mit einer Indikation („Gegen Verdauungsbeschwerden“) vertrieben werden, was normalerweise für Homöopathika nicht zulässig ist. Eine Begründung dafür spart er sich, dafür erzählt er sehr ausführlich und unappetitlich von der unterschiedlichen Konsistenz der Ausscheidungen bei Durchfall, Erbrechen und Obstipation.

Immerhin eine Erkenntnis: Es gibt doch wahrhaftig homöopathische Mittelchen, die gegen ein Symptom (in diesem Fall Durchfall), aber genauso gut gegen sein Gegenteil (Verstopfung) wirken sollen.

Einige seiner Originaltöne:

„D6 und D12, etwas Anderes brauchen Sie nicht.“ (Anmerkung: D6 bedeutet eine Verdünnung eins zu einer Million. D12 ist nicht etwas das Doppelte, sondern nochmal eine Million mal stärker verdünnt).

„Mit zehn oder fünfzehn Mitteln kann man in der Apotheke schon wahnsinnig beraten“.

„C30 oder C200 braucht man nicht im Apothekenalltag, diese Potenzierungen rufen starke emotionale Reaktionen hervor.“

„Falls es nicht funktioniert, geben sie eine Potenz höher“.

„Darmstillstand nach Schreck“.

„Die Lebenskraft muss man auch in der Nacht stärken“.

Überhaupt die „Lebenskraft“. Sie taucht in mindestens jedem dritten Satz auf, wahlweise „energetisch“, „geschwächt“, „zusammenbrechend“ oder „am Boden liegend“. Man sieht geradezu die geistartigen Phantome durch den Raum wabern bei seinen Beschreibungen.

In der Pause beschließen wir, genug gehört zu haben, und wir sind nicht die einzigen, die die Veranstaltung verlassen. Damit versäumen wir leider die Ausführungen zur Gabe geeigneter Mittel bei Erkrankungen des Bewegungsapparates, Reizblase, Konjunktivitis und Verletzungen der Haut.

Fazit 1: Das medizinische Menschenbild des Referenten scheint wie die Homöopathie selbst etwa 200 Jahre alt zu sein. Bakterien, Viren, Physiologie kommen nicht vor. Es wird aus der zielgerichteten Befragung der Kunden nach Symptomen (die man zuvor aus den Mittelbeschreibungen/Arzneimittelprüfungen auswendig gelernt hat) auf ein geeignetes Mittelchen geschlossen.

Man sitzt in einem modernen Seminarraum mit aktueller technischer Ausstattung und hört einem Vortrag zu, der nahezu unverändert im 18. Jahrhundert verstanden worden wäre. Beim Hinausgehen erwarte ich fast eine Pferdekutsche vor der Türe, die den Referenten nach Hause bringt.

Fazit 2: Ein klassischer Fall von Verkaufsförderung, nicht von Weiterbildung. Die DHU ist eben auch nur eine ganz normale Pharmafirma.

P.S. Als Giveaway bekommen wir einen roten Kugelschreiber mit DHU-Aufdruck und ein Büchlein „Homöopathisches Repetitorium“, und natürlich ein Teilnahmezertifikat, das zwei Fortbildungspunkte der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg bescheinigt.


Bildnachweis: Fotolia_138207212_XS

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