Homoeopathie StatistikEin vielfach bemühtes Argument pro Homöopathie (das allerdings mit der Wirksamkeit nichts zu tun hat) ist, dass homöopathische Behandlungen zu weniger Verschreibungen konventioneller pharmazeutischer Arzneimittel führen. Dies hört man allerorten und immer wieder. Spontan braucht man nur an die Vorstellung der EPI 3-Studie in Frankreich durch die Fa. Boiron zu denken, an die jüngsten Äußerungen der französischen Gesundheitsministerin Mme. Buzyn, die den entscheidenden Vorteil der Homöopathie gerade in der Vermeidung „toxischer Medikamente“ sah und ganz aktuell an die gerade stattgefundenen „Berliner Wirtschaftsgespräche“ vom 19.04.2018, wo die entsprechenden Ergebnisse von Mitgliederbefragungen innerhalb des Zentralvereins homöopathischer Ärzte mit Nachdruck ins Feld geführt wurden.

Nun kann man mit Recht diesem Gesichtspunkt zunächst einmal damit begegnen, dass es ja immerhin systemisch zu erwarten sei, dass ein homöopathiegeneigter Arzt auch weniger „konventionelle“ Arzneimittel verschreibe, ähnlich wie in dem einleuchtenden Beispiel, dass ein Bäcker sicher weniger Fleisch verkaufe als ein Metzger und umgekehrt. Alles andere wäre im Falle einer korrekten Untersuchung immerhin recht verwunderlich. Soweit – wie vielfach der Fall - Homöopathie bei selbstlimitierenden geringeren Gesundheitsstörungen eingesetzt wird, könnte man allerdings auch annehmen, dass sowohl Homöopathika als auch pharmazeutische Mittel in beiden Fällen besser durch ein verantwortliches Abwarten ersetzt worden wären. Was eine bessere Verschreibungspraxis nicht-homöopathischer Ärzte erfordern, aber nicht die Homöopathie rechtfertigen würde. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Obwohl wir erst einmal wenig Verwunderliches in der Annahme sehen, Homöopathie-Ärzte würden weniger und niederschwelliger pharmazeutische Arzneimittel verordnen, wäre es gut, dazu belastbare Erkenntnisse zu haben. Mitgliederbefragungen von homöopathisch orientierten Ärzteverbänden mit anschließendem Abgleich zu statistischen Durchschnittszahlen sind dies nämlich ebensowenig wie Teilergebnisse von Studien mit keinen oder fragwürdigen Vergleichsgruppen . all dies liefert nämlich nur erwartbare Ergebnisse im Sinne selbsterfüllender Prophezeihungen..

Ein Team der Universität Oxford um Ben Goldacre und Edzard Ernst hat sich um eine systematische Aufarbeitung dieses Themas bemüht und eine Studie dazu am 18.04.2018 im Journal of The Royal Society of Medicine veröffentlicht. [1] Diese Studie hatte sich weit mehr vorgenommen als eine rein quantitative Betrachtung. Vielmehr sollte in einem weiteren Sinne herausgearbeitet werden, ob sich Ärzte, die (auch) Homöopathie verschreiben, im Sinne der Beachtung des „Best Practice“, also der Summe der aktuellen Standards für ambulante ärztliche Behandlungen, von anderen unterscheiden. Natürlich – es ist eine einzelne Studie, die grundsätzlich weiterer Bestätigung bedarf. Sie ist aber von hohem Interesse, weil ein derart großer methodischer Aufwand, um zu aussagefähigen Ergebnissen zu kommen, bislang noch nie betrieben wurde.

Das Ergebnis gleich zu Anfang: Ärzte, die Homöopathie verschreiben, neigen dazu, eine Reihe von Best-Practice-Richtlinien zu missachten. Und das wohl überraschendste Teilergebnis gleich hinterher: Erstversorger (also Allgemeinärzte), die ihren Patienten alternative Medizin anbieten, setzten auch im Übermaß Antibiotika ein.

Die neueste Studie betrachtete alle 7618 Erstversorger-Praxen in England. Die Datenbasis stammte aus einer umfangreichen Datenerfassung zur Analyse der Medikamentenverordnung innerhalb des National Health Service, einem System, das im Vorfeld von den Studienautoren entwickelt worden war.

Die Kriterien des Best Practice wurden aufgrund von 70 gewichteten Einzelfaktoren evaluiert. Die Summe der Ergebnisse für die homöopathischen Praxen (nicht ganz 10 Prozent aller Praxen, nämlich die, die nach wie vor trotz des Ausstiegs des NHS homöopathische Mittel in den der Studie vorausgegangenen sechs Monaten verordnet hatten) zeigten bei der Gesamtbetrachtung über alle Kriterien hinweg etwas schlechtere Ergebnisse als die anderen Praxen.

Den Schwerpunkt, der zu diesem vergleichsweise schlechteren Best-Practice-Ergebnis führte, war eindeutig die Verordnungspraxis. Nicht nur, dass ein Übermaß von Antibiotikaverordnungen festgestellt wurde – es gab auch noch andere Mängel. So wurden cholesterinsenkende Mittel nicht leitliniengerecht, teilweise in unwirksamen Dosen, verordnet. Weit überdurchschnittlich war der Rückgriff auf teure Originalmedikamente, obwohl gleichwertige Generika verfügbar waren.

Die Autoren betonen, dass sie zwar keinen unmittelbaren Kausalzusammenhang zwischen den Ergebnissen und der Homöopathie-Affinität konstruieren, aber selbst eine geringe Verordnungsrate von Homöopathika sei mit einer qualitativ schlechteren Praxisleistung bei einer Reihe von Standardkriterien verbunden. Statt eines einfachen Kausalzusammenhangs müsse eher eine tiefere multikausale Basis angenommen werden, deren Faktoren schwerer zu messen seien. Ursachen und Wirkungen dürften sich vielfach gegenseitig bedingen. Zweifellos sei aber die Neigung zur Homöopathie mit einer geringeren Wertschätzung und Umsetzung evidenzbasierter ärztlicher Praxis und / oder einer geringeren Qualität der fachübergreifenden Teamarbeit bei der Optimierung der Behandlung korreliert.

Gleichwohl: Der „harte“ Zahlenteil bei der Verschreibungspraxis überrascht – und lässt sich auch nicht wegdiskutieren. Jedenfalls weckt die Studie – zumal sie sehr aufwendig designt und durchgeführt wurde – Zweifel an dem Pauschalargument, homöopathische Ärzte würden durchweg der Krankenversicherung Geld und den Patienten die Einnahme konventioneller Arzneimittel ersparen. Das Ergebnis der Studie deutet eher auf eine qualitativ unterdurchschnittliche Verschreibungspraxis, ausgedrückt sowohl in Über- wie in Unterversorgung von Patienten. Und das ist sicher – auch im Hinblick auf langfristige Auswirkungen – heikel.

 

[1] http://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0141076818765779


 Auch interessant zum Weiterlesen: Zur Kostenstudie von Witt et al. und der Techniker Krankenkasse zur Homöopathie (Link)


 

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