Andreas Gassen von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung spricht uns in der Vertreterversammlung vom 22.09.2017 aus dem Herzen - in vielerlei Hinsicht:


"Für die Zeit nach der Wahl erhoffe ich mir im Übrigen auch eine Überarbeitung des Heilpraktikergesetzes. Es ist einfach absurd, welcher Wildwuchs hier nonchalant toleriert wird, der – machen wir uns nichts vor – nicht selten eine reale Patientengefährdung darstellt. Für uns Vertragsärzte gelten höchste Qualitätsstandards und eine kontinuierliche Fortbildungsverpflichtung – und ein Heilpraktiker kann seine Heilstätte aufmachen, wo er will, und auch noch die Preise selbst bestimmen? Wenn ich an das LSG-Urteil zur Mischpreisbildung denke und an die Regressgefahr, in der sich unsere Kollegen ständig befinden, kommt mir bei dem Thema die Galle hoch. Mal ganz abgesehen von der Frage nach der Haftung, die uns Ärzte ständig mit einem Bein im Gefängnis bzw. im finanziellen Ruin stehen lassen.

Ich habe für meine Aussage zur Homöopathie nach der VV im Mai sehr viel Zuspruch, aber auch Kritik geerntet. Deswegen möchte ich hier noch einmal klarstellen: Ich habe nichts gegen eine ärztliche Komplementärbehandlung dieser Art. Wir haben viele Kollegen, die sie mit Augenmaß und Abstimmung mit ihren Patienten mit durchaus guten Erfahrungen anwenden. Dennoch spreche ich mich gegen die Erstattung solcher Angebote durch die gesetzliche Krankenversicherung aus. Jedes neue Medikament muss einen aufwendigen Prozess im G-BA durchlaufen, ehe es von uns verordnet werden kann – und selbst dann können wir finanziell haftbar gemacht werden. Aber für die neuesten Kügelchen, für die keine standardisierte Nutzenbewertung gilt, blättert so manche Kasse ohne mit der Wimper zu zucken Hunderte von Euros hin? Es tut mir leid, aber hier hört für mich der Spaß auf. Solange in Deutschland 15 bis 20 Prozent der erbrachten ärztlichen Leistungen nicht bezahlt werden, ist das nicht akzeptabel."

Quelle: http://www.kbv.de/html/31160.php

 

Der Wissenschaftliche Beirat der Europäischen Akademien (EASAC) ist eine der höchstrangigen wissenschaftlichen Gemeinschaften Europas, die 29 nationale und internationale wissenschaftliche Akademien in Europa vertritt (darunter die Royal Society des Vereinigten Königreichs und die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften). Eines ihrer Ziele ist es, Einfluss auf Politik und Regulierung in der gesamten Europäischen Union im Hinblick auf wissenschaftliche Fundierung von Entscheidungen und Regelungen zu nehmen. Die EASAC hat ein wichtiges und lang erwartetes Urteil zur Homöopathie gefällt.

Die Zusammenfassung der Stellungnahme der EASAC geben wir nachfolgend in deutscher Übersetzung wieder (vollständiger Text hier):

 

Homöopathische Produkte und Methoden: Bewertung der Beweise und Sicherstellung der Konsistenz zur Regelung medizinischer Anwendungen in der EU

Die EASAC veröffentlicht diese Erklärung, um auf den jüngsten Arbeiten ihrer Mitgliedsakademien aufzubauen und die Kritik an den gesundheitspolitischen und wissenschaftlichen Behauptungen für homöopathische Produkte zu untermauern. Analysen und Schlussfolgerungen basieren auf den exzellenten wissenschaftlich fundierten Bewertungen, die bereits von maßgeblichen und unparteiischen Stellen veröffentlicht wurden. Die grundlegende Bedeutung, die der Möglichkeit von Verbrauchern zukommt, eine Wahl zu treffen, setzt zur Unterstützung einer solchen Wahlmöglichkeit voraus, dass die Verbraucher und Patienten mit evidenzbasierten, genauen und klaren Informationen versorgt werden. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, einen einheitlichen, wissensbasierten Rechtsrahmen für die Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität von Produkten sowie für saubere Werbepraktiken in der gesamten Europäischen Union (EU) einzuführen.

In unserer Stellungnahme untersuchen wir folgende Punkte:

Wissenschaftliche Wirkmechanismen - wo wir zu dem Schluss kommen, dass die Behauptungen zur Homöopathie unplausibel und mit etablierten wissenschaftlichen Konzepten unvereinbar sind.

Klinische Wirksamkeit - Wir erkennen an, dass ein Placebo-Effekt bei einzelnen Patienten auftreten kann, aber wir stimmen mit früheren umfangreichen Evaluierungen überein, die zu dem Schluss kommen, dass es keine bekannten Krankheiten gibt, für die es robuste, reproduzierbare Beweise gibt, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus wirksam ist.

Es gibt damit zusammenhängende Bedenken im Hinblick auf Einverständniserklärungen der Patienten und zur Sicherheit, wobei letztere mit mangelnder Qualitätskontrolle bei der Herstellung homöopathischer Arzneimittel verbunden sind.

Förderung der Homöopathie - Wir stellen fest, dass diese dem Patienten erheblichen Schaden zufügen kann, wenn es zu Verzögerungen bei der Suche nach evidenzbasierter medizinischer Versorgung kommt, und dass generell die Gefahr besteht, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Art und den Wert wissenschaftlicher Beweise untergraben wird.

Veterinärmedizinische Praxis - Wir schließen ebenso, dass es keine belastbaren Beweise gibt, die den Einsatz von Homöopathie in der Veterinärmedizin rechtfertigen. Zudem ist es besonders besorgniserregend, wenn solche Produkte vorrangig vor evidenzbasierten Arzneimitteln zur Behandlung von Tierseuchen eingesetzt werden.

Wir geben die folgenden Empfehlungen ab.

  1. Es sollten einheitliche behördliche Vorschriften für den Nachweis der Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität aller Produkte für die Human- und Veterinärmedizin bestehen, die auf nachprüfbaren und objektiven Beweisen beruhen und der Art der geltend gemachten Behauptungen entsprechen. Ohne diese Beweise sollte ein Produkt von den nationalen Regulierungsbehörden weder zugelassen werden noch registrierungsfähig sein.
  1. Evidenzbasierte öffentliche Gesundheitssysteme sollten homöopathische Produkte und Praktiken nur dann erstatten, wenn sie nachweislich wirksam und sicher sind.
  1. Die Zusammensetzung der homöopathischen Mittel sollte auf ähnliche Weise wie bei anderen verfügbaren Gesundheitsprodukten gekennzeichnet werden, d. h. es sollte eine genaue, klare und einfache Beschreibung der Inhaltsstoffe und ihrer in der Zubereitung enthaltenen Mengen vorhanden sein.
  1. Werbung und Vermarktung homöopathischer Produkte und Dienstleistungen müssen den etablierten Standards von Genauigkeit und Klarheit entsprechen. Werbebezogene Ansprüche auf Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität dürfen nicht ohne nachweisbare und reproduzierbare Nachweise geltend gemacht werden.

Zitat Ende.

Aus unserer Sicht erübrigt sich dazu jeder weitere Kommentar.


Übersetzung: Udo Endruscheit

Bild: EASAC

Die Tochterzeitschrift "Gehirn und Geist" des Wissenschaftsmagazins "Spektrum der Wissenschaft" lässt in ihrer Oktober-Ausgabe ein großes Special über Homöopathie erscheinen, für das Natalie Grams und Nikil Mukerij verantwortlich zeichnen. Der Leitartikel, der sich mit Grundirrtümern und Denkfehlern der Befürworter der Homöopathie befasst, ist kostenlos online zugänglich

In der Heftausgabe gibt es dazu ein Interview mit Natalie Grams, unter anderem zu den Gefahren der Homöopathie. Zudem wird die Rolle des Placeboeffekts für die "Heilerfolge" der Homöopathie -und anderer pseudomedizinischer Methoden- näher beleuchtet. 

 

 

Naturheilkunde und Homöopathie

Die anhaltende Diskussion über eine deutschsprachige Kennzeichnungspflicht und eine möglicherweise daraus folgende Aufhebung des Apothekenmonopols für Homöopathika hat eine Vielzahl mehr oder weniger unsinniger Nebenaspekte einmal mehr ans Licht gebracht. Einer davon ist die ständige Gleichsetzung der Homöopathie mit Naturheilkunde, insbesondere Phytotherapie. Die Absicht ist klar: Es geht darum, das Image und den faktischen „Schutzraum“ des Begriffs Natur- und Pflanzenheilkunde auch für die Homöopathie zu reklamieren.

Dies allein ist schon Grund genug, dieser falschen Gleichsetzung deutlich zu widersprechen. Verwundern kann die weite Verbreitung dieser Fehlbeurteilung nicht, denn die Werbung für homöopathische Präparate setzt alles daran, das Image von „sanft und natürlich“ visuell massiv zu unterstützen. Schon bei einer Google-Bildersuche zum Begriff „Homöopathie“ wird klar, was gemeint ist. Schließlich ist der Aufschwung der Homöopathie in Deutschland seit den 1970er Jahren ja auch der Lobbyarbeit von Frau Dr. Veronika Carstens zu verdanken, die ganz gezielt das Image der „bunten Blümchenwiese“ um die Homöopathie herum aufbaute.

Ein bezeichnendes Licht auf die Pflege dieses Images wirft ein Vorgang, den wir zwar nicht  überbewerten wollen, der aber  deutlich den Aufklärungsbedarf zur Homöopathie belegt.

Die Dr. Willmar Schwabe / Deutsche Homöopathie-Union (DHU), die weltweite Marktführerin in Sachen homöopathische Mittel, unterhält im Karlsruher Raum einen nach allen denkbaren biologisch-ökologischen Gesichtspunkten bewirtschafteten Pflanzen- und Kräutergarten unter dem Namen „Terra Medica“.  Die „Kraichgau News“ berichteten:

„Stutensee-Staffort. Staatsminister a.D. … und FDP-Bundestagskandidat … besuchten Ende Juli 2017 die Freilandfläche „Terra Medica“ zum Heilpflanzenanbau der Arzneimittelhersteller Dr. Willmar Schwabe und Deutsche Homöopathie-Union (DHU) in Staffort. Dabei wurden die beiden FDP-Politiker von einer Gruppe von Liberalen aus der Region begleitet und kamen auch mit Unternehmens-Vertretern ins Gespräch, die sich sehr über den Besuch freuten.“

Rein zufällig natürlich, das glaubt man gern, dass man sich dort freute. War das doch eine unbezahlbare Gelegenheit, bei Vertretern der Politik das Natürlichkeitsimage der Homöopathie zu vertiefen.

Besonders bemerkenswert:
„Die ausschließlich per Hand geernteten Pflanzen bzw. Pflanzenteile werden im nahe gelegenen Hauptwerk der DHU in Karlsruhe zu homöopathischen Arzneimitteln weiter verarbeitet. Die jährliche Erntemenge beträgt bis zu 60 Tonnen.“

Es wird hier, ohne es auszusprechen, die Identität von Naturheilkunde, Phytotherapie und Homöopathie dem Leser aufs Stärkste suggeriert. Wobei allerdings die Frage bleibt, was man mit 60 Tonnen Rohmaterial für Homöopathika anfangen will… Das ist selbst für eine ausschließliche Herstellung von Niederpotenzen (darauf ist allerdings die DHU gerade nicht spezialisiert) eine astronomische Menge. Deshalb unterstellen wir fairerweise einmal, dass der größte Teil dieses Ertrages nicht in homöopathische Arzneimittel, sondern in die Produktion von Phytopharmaka geht – obwohl das aus dem Wortlaut durchaus nicht hervorgeht. Statt dessen wird dem unvoreingenommenen Leser eher das Gegenteil suggeriert. 

Die Homöopathie ist eine solitäre, eigenständige Gedankenkonstruktion, die mit anderen Ansätzen, insbesondere solchen der Natur- und Pflanzenheilkunde, nicht das Geringste zu tun hat. Weder ihre Grundannahmen noch ihre Praxis lassen sich irgendwie zu naturheilkundlichen Prinzipien in Beziehung setzen – man kann es offenbar nicht oft genug wiederholen.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Regionalgruppe Pfalz/Nordbaden der GWUP die Initiative ergriffen hat und dem zitierten Bericht eine Anzeige in der „Stutensee-Woche“, dem Amtsblatt der Gemeinde Stutensee, hat folgen lassen, die mit dem passenden Meme unseres Susannchens darauf hinweist, dass Homöopathie keine Naturheilkunde ist.

Auf dieser Webseite finden Sie grundlegende Informationen zu diesem Thema, beispielsweise hier und hier. Einen gut verständlichen und präzise begründeten Beitrag zur Frage, warum Homöopathie keine Naturheilkunde ist, hat vor kurzem die Seite „Susannchen braucht keine Globuli“ veröffentlicht. 


Bildnachweis: Privat

Neue Homepage Susannchen INH

Das Maskottchen des INH, das pfiffige Susannchen, hat ab sofort neben ihrer Facebook-Seite einen eigenen Webauftritt unter

www.susannchen.eu.

Der Webauftritt ergänzt die Facebook-Seite von Susannchen, ihrem Bruder Max und ihren vierbeinigen Freunden. Erhaltenswerte Beiträge, die auf der Facebook-Timeline allzu schnell kaum noch auffindbar sind, werden auf der Webseite erhalten und sollen nach und nach ein Kompendium von Informationen für Susannchens Zielgruppe -Eltern und alle, die für unsere Kleinen sorgen- bilden. Die Webseite verfügt über umfangreiche Such- und Findemöglichkeiten, die in den sozialen Medien so nicht zur Verfügung stehen. Eine Reihe früherer Beiträge der Facebook-Seite sind bereits auf der neuen Webseite abrufbar.

Eigene Beiträge vom Susannchen werden zukünftig zeitgleich auf der Webseite und auf Facebook veröffentlicht. Die Domänen des Facebook-Auftritts sind und bleiben daneben die tagesaktuellen Nachrichten und Links.  

Allen gegenwärtigen und zukünftigen Susannchen-Fans sei der Webauftritt als Sammlung interessanter und relevanter Informationen rund um das Familienleben ohne Pseudomedizin empfohlen.

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