Bei Science/ApA (Österreich) geht um das aktuelle Thema: Fakten zu den Akten?

Sie haben für einganzes Dossier zum Thema auch Natalie Grams interviet. Hier einige Auszüge. Das ganze Dossier gibt es hier

Bei kaum einem Thema könnte der Spalt zwischen wissenschaftlichem Konsens und der öffentlichen Wahrnehmung größer sein als bei der Homöopathie. Sogar der Nachweis ihrer Nichtwirksamkeit könne die alte Heilpraxis "nicht so einfach aus der Medizin katapultieren", so die ehemalige Homöopathie-Ärztin Natalie Grams, die sich mittlerweile als Leiterin des Informationsnetzwerks Homöopathie und als Kommunikationsmanagerin der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften der wissenschaftlichen Aufklärung über Homöopathie verschrieben hat. Damit werde es natürlich umso schwerer, deren gesellschaftliche Verankerung anzugehen bzw. sogar aufzulösen: "Die Homöopathie ist sozusagen die erste Verschwörungstheorie mit gesellschaftlicher und politischer Adelung der vollen Akzeptanz."
Zwar sei ein Trend zu einer kritischen Darstellung wahrnehmbar, ärgerlich sei jedoch der ehrenhaft gemeinte Anspruch von Journalisten, im Namen einer ausgewogenen Berichterstattung auch immer einen Befürworter der Homöopathie zu Wort kommen zu lassen. Das ergebe ein "Pro-Contra-Handgemenge, das den Patienten ratlos zurücklässt". Bei tatsächlich falschen Behauptungen ("Homöopathie wirkt mehr als ein Placebo", "Homöopathie heilt feinstofflich"), so Grams, sollten die Patienten auch eindeutig informiert werden. Die sozialen Medien würden dazu führen, dass man nicht abschätzen kann, welchen Wert, welche Qualität, und damit welche Verlässlichkeit Informationen haben - alles wird gleich.
"Falsche Behauptungen sollten nicht stehen gelassen werden", so die Autorin, die sich hier auch ein "Aufstehen z.B. der Ärzte gegen Pseudomethoden in ihrer eigenen Profession" wünscht. Leider wüssten aber viele Ärzte selbst nicht um die dramatischen Falschbehauptungen verschiedener Methoden wie der Homöopathie. Langfristig sei hier nur durch bessere Bildung (der Bevölkerung, Schüler, Studenten) und Ausbildung (der Ärzte, Apotheker, anderer Wissenschafter) etwas zu erreichen. Grams: "Es muss klarer zwischen Fakten und Meinung unterschieden werden - und man sollte lernen, das eine vom anderen zu unterschieden. Auch und gerade im Internet und in den sozialen Medien."

In der Zeitung "Junge Welt" schreibt unser Unterstützer Christoph Lammers über die Gefahren der Globulisierung.

"Immer mehr Menschen misstrauen der konventionellen Medizin und setzen auf alternative Heilmethoden, deren Wirksamkeit nicht erwiesen ist. Der Grund für die Ausbreitung der Glaubensmedizin liegt nicht zuletzt im neoliberalen Gesundheitssystem."

Unser Unterstützer und HNO-Arzt Dr. Lübbers löste mit einem kleinen Tweet einen viralen Sturm (an Beifall und Entrüstung) aus - er hatte bei einer 4-jährigen Patientin mit Mittelohrentzündung 10 Globuli aus dem Ohr entfernen müssen und das auf Twitter mit den Worten "Homöopathie wirkt - Dummheit potenziert sich" kommentiert. Hier finden Sie die ganze Geschichte.

Am 9. Januar 2017 war Dr. Natalie Grams zu Gast beim MDR mit einem interessanten "Fakt ist!"-Talk über das Thema Heilpraktiker und Homöopathie. Sie können das Video in der MDR- Mediathek nachschauen (hier). 

Welche Konsequenzen will man hierzulande aus dem Beschluss der Amerikanischen Handelsbehörde FTC ziehen, wonach Homöopathika als das gekennzeichnet werden müssen, was sie sind: Mittel, deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen ist.

Will man überhaupt Konsequenzen ziehen? Sieht man überhaupt eine Notwendigkeit, etwas zu tun?

Das wollen wir von "der Politik" und "den Verbraucherschützern" wissen. Demzufolge haben wir einen Brief verfasst, in dem wir die hiesige Situation darstellen (s. unten) und um Auskunft bitten, welche Impulse man davon ableitet. Dieser Brief ging jeweils an die höchste Leitung von:

• Bundesinstitut für Arzneimittel
• Bundesamt für Verbraucherschutz
• Bundesinstitut für Risikobewertung
• Verbraucherzentralen der Länder sowie der Bundesverband
• die jeweils für Gesundheitspolitik zuständigen Minister im Bund und in den Ländern
• die Vorsitzenden und soweit benannt deren Stellvertreter der für die Gesundheitspolitik zuständigen Ausschüsse des Bundestages und der Landesparlamente
• die für die Gesundheitspolitik zuständigen Sprecher der Fraktionen im Bundestag und in den Landtagen, sofern nicht in einer der obigen Funktionen schon abgedeckt

Insgesamt sind es 134 Adressaten, die den folgenden Brief erhalten haben, der übrigens vom gesamten Wissenschaftsrat der GWUP mit unterzeichnet wurde:

--------------------Brief

Kennzeichnung von Homöopathika

[Anrede]

wie in den Medien berichtet wurde, hat die US-amerikanische Wettbewerbsbehörde kürzlich entschieden, dass Homöopathika in den USA durch einen zusätzlichen Hinweis gekennzeichnet werden müssen. Die Verbraucher sollen damit eindeutig und unmissverständlich darauf aufmerksam gemacht werden, dass für die Wirksamkeit von Homöopathika weder ein sinnvolles Erklärungsmodell noch eindeutige Nachweise einer Wirksamkeit vorliegen. Die Federal Trade Commission (FTC) möchte damit sicherstellen, dass die Verbraucher ihre Kaufentscheidung aufgrund objektiv zutreffender Sachverhalte fällen können.

Dass es für Homöopathika keinen Nachweis einer Wirkung gibt, hat zuletzt die australische Gesundheitsbehörde 2014 in einer sehr umfangreichen Übersichtsarbeit festgestellt. Dass es keine befriedigende Modellvorstellung einer Wirksamkeit gibt, ist selbst unter Homöopathen unbestritten.

Wir, das Informationsnetzwerk Homöopathie, würden von Ihnen als [Stellung_2] [Organisation] gerne wissen, ob Sie dies zum Anlass nehmen werden, in Deutschland ähnliche Schritte anzuregen. Aus unserer Sicht wäre dies dringend geboten, denn die Täuschung der Verbraucher über die wahre Natur homöopathischer Zubereitungen ist hierzulande wesentlich wirkungsvoller als in den USA oder in Australien:

• Im Arzneimittelgesetz ist festgelegt, dass Homöopathika als Arzneimittel ohne jeden Wirkungsnachweis registriert und damit marktfähig werden können. Alleine die Angaben auf den Verpackungen (" Registriertes homöopathisches Arzneimittel ... Apothekenpflichtig ... Arzneimittel für Kinder unzugänglich aufbewahren") suggeriert dem Kunden eine Wirksamkeit, auch wenn auf dem Beipackzettel keine Indikation angegeben wird.

• Hersteller von Homöopathika unterlaufen das Verbot aus §5 Heilmittelwerbegesetz, wonach nicht mit den Anwendungsgebieten der Präparate geworben werden darf, indem sie nicht nur Ärzte, Apotheker, Heilpraktiker, Hebammen in der Anwendung von Homöopathika schulen, sondern auch entsprechende Vorträge für ein Laienpublikum sponsern und Webseiten im Internet mit entsprechendem Inhalt präsentieren.

• In den Printmedien werden, so berichtete kürzlich Spiegel online, in großem Umfang vermeintliche redaktionelle Beiträge lanciert, die die Vorzüge und Anwendungsgebiete homöopathischer Mittel beschreiben.

• Das im Heilmittelwerbegesetz verfolgte Ziel, den Patienten vor Fehlentscheidungen beim Arzneimittelgebrauch zu bewahren, wird damit vollkommen ausgehebelt. Zusammen mit der in großem Umfang vorhandenen Ratgeberliteratur wird die Kenntnis über Anwendung der jeweiligen Mittel in der Bevölkerung verbreitet, auch ohne dass es dazu einer Angabe auf oder in der Packung bedarf.

• Dass die Krankenkassen vermehrt im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung die Kosten einer homöopathischen Therapie übernehmen, die Universitäten Lehrveranstaltungen zur Homöopathie anbieten und die Ärztekammern die Zusatzbezeichnung 'Homöopathie' vergeben, muss die Patienten zur Überzeugung führen, die Homöopathie sei eine wirkungsvolle Therapie - sonst würden diese Dinge ja sicher nicht geschehen.

• Homöopathisch arbeitende Ärzte behaupten in ihren Werbeaussagen, die Homöopathie sei bei allen Krankheitsbildern einsetzbar, würde ja sogar auch dann erfolgreich eingesetzt, wenn die konventionelle Medizin am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt sei.

In Deutschland herrscht demnach eine für den Kunden wesentlich undurchsichtigere Situation als in den USA vor, die verhindert, dass man den Stellenwert der Homöopathie zutreffend einschätzen kann. Dies gilt nicht nur für den Kauf homöopathischer Präparate als vermeintlich wirksame Arzneimittel, sondern auch bei der Entscheidung für homöopathische Therapien bei schwereren Erkrankungen. Der finanzielle Schaden, Geld für ein wirkungsloses Mittel bzw. eine fragwürdige Therapie ausgegeben zu haben, ist dabei vermutlich gegenüber dem gesundheitlichen Risiko eher das kleinere Problem.

Wir alle verfolgen das Ziel des mündigen Bürgers, der aufgrund seiner Kenntnis des tatsächlichen Sachverhalts in der Lage ist, Risiken zutreffend einzuschätzen und in seinen Entscheidungen angemessen zu berücksichtigen. Daher bitten wir Sie um Auskunft, ob und gegebenenfalls welche Schritte Sie bezüglich der Homöopathie unternehmen werden, dies zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen

Für das INH

Dr. Norbert Aust
Prof. em. Dr. Edzard Ernst
Dr. Natalie Grams
Amardeo Sarma
Prof. Dr. Norbert Schmacke

Für den Wissenschaftsrat der GWUP

Prof. Dr. Michael Bach
Prof. Dr. Dr. Ulrich Berger
Lydia Benecke
Prof. Dr. Peter Brugger
Prof. em. Dr. Edzard Ernst
Prof. Dr. Dittmar Graf
Dr. Natalie Grams
Prof. Dr. Wolfgang Hell
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann
Prof. Dr. Johannes Köbberling
Prof. Dr. Walter Krämer
Prof. Dr. Martin Lambeck
Dr. Rainer Rosenzweig
Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer
Dr. Barbro Walker
Dr. Christian Weymayr
Dr. habil. Rainer Wolf

------ Briefende

 

Man wird sehen müssen, welche Antwort wir erhalten. Wir gehen davon aus, dass wir auf jeden Fall im Januar noch einmal nachfassen müssen. 

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