Dünne Luft

Ausgehend von unserer Kritik am "neuen" WissHom Reader zur Lage der Studien zur Homöopathie (hier), hatte der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) uns geantwortet (hier).

Wir freuen uns über das Interesse des DZVhÄ an unserer Arbeit und möchten auf diesem Wege Folgendes klarstellen:

Wissenschaftliche Unredlichkeit hat viele Erscheinungsformen. Man darf dem Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) durchaus zutrauen, dass es diese Formulierung mit Bedacht gewählt hat. Denn im Falle der Homöopathie ist entscheidend, dass der Öffentlichkeit immer wieder suggeriert wird, es gäbe jetzt endlich handfeste Belege für eine gezielte Wirksamkeit der homöopathischen Arzneien. So geschehen während des letzten Homöopathiekongresses in Bremen, bei dem die WissHom einen sogenannten "Forschungsbericht" vorgestellt hat. Es handelt sich um das aus dem Zylinder gezauberte Kaninchen: Nichts Neues unter der Sonne! Dem nicht informierten Publikum aber wird - so auf der für Patienten geöffneten Seite des Zentralvereins - folgendes erzählt:

"Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebo-kontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung potenzierter Arzneimittel." (Quelle).

Daran kann nur glauben, wer sich nicht mit den Grundfragen wissenschaftlicher Methodik beschäftigt hat. "Experimente aus Grundlagenforschung" klingt toll, es geht dabei aber im Falle der Homöopathie um die von Beginn an sinnlosen Versuche, das Nichts (ultraverdünnte Urtinkturen) als das Revolutionäre, die Naturwissenschaften sprengende Heilsubstanz zu verkünden. Und es schert den Zentralverein nicht, dass in Australien, England, der Schweiz und den USA unabhängig voneinander hochkarätige wissenschaftliche Gremien bezüglich der Behandlungsstudien immer wieder zu demselben Ergebnis gekommen sind: Homöopathika kommen nicht über Placeboeffekte hinaus. Wie ist es zu bewerten, dass diese für das Gesamtbild wichtigen Informationen den Patientinnen und Patienten vorenthalten werden?

Umso unglaublicher sind die Versprechungen auf den Homepages führender Homöopathinnen und Homöopathen. Wir zitieren die Vorsitzende des Zentralvereins, Frau Bajic: "Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen." (Quelle).

Das ist so irreführend und unethisch gegenüber Patientinnen und Patienten mit den genannten Erkrankungen, dass einem die Worte fehlen, denn genau das ist nirgends jemals belegt worden. Ist diese Aussage also redlich?

Und noch einmal zur WissHom. Man beruft sich auf Meta-Analysen wie die von Linde u. a. aus dem Jahr 1997 und "vergisst" zu erwähnen, dass Linde 2005 im Lancet geschrieben hat: "Unsere Metaanalyse von 1997 wurde unglücklicherweise von Homöopathen als Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie missbraucht. Wir stimmen zu, dass die Homöopathie höchst unplausibel ist und dass die Belege aus placebokontrollierten Studien nicht überzeugend sind." (Linde, Klaus et al.: Lancet 2005; 366, 2081-2).

Oder man bemüht die jüngste Meta-Analyse von Mathie von 2014 - "vergisst" jedoch wieder zu zitieren, was die der Homöopathie alles andere als negativ gegenüberstehenden Autoren letztlich schreiben: "Die niedrige oder unklare Qualität der vorliegenden Evidenz erfordert Vorsicht bei der Interpretation der Befunde. Neue methodisch hochwertige randomisierte kontrollierte Studien sind erforderlich, um eindeutigere Interpretationen zu ermöglichen." (Mathie, R.T. et al.: Systematic Reviews 2014, 3:142, 1-16).

Nun sind wir vom Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) zwar nicht der Meinung, dass man neue Studien (RCTs) benötigt, um den Glaubenskrieg um die Homöopathie endlos weiterzuführen. Die Schlacht ist geschlagen, seit 200 Jahren, zuletzt noch einmal umfassend im Jahr 2015, als die australische Gesundheitsbehörde ihre mehrere Hundert Seiten starke, aber von der WissHom ignorierte Analyse der Nachweislage vorgelegt hat. Dort sind, ebenso wenig wie in irgendeiner anderen der von der WissHom angeführten Übersichtsarbeiten, keinerlei hinreichende Belege gefunden worden, die eine Anwendung der Homöopathie für irgendeine Indikation rechtfertigen würden. Gut gemachte RCTs mit positivem Ergebnis in Sachen Homöopathie sind Fehlanzeige. Und die Forderung nach "Grundlagenforschung" ist nichts anderes als ein kläglicher Versuch, das Akzeptieren dieser Tatsache zu vermeiden. Wenn etwas nachweislich keine Wirkung über Placeboeffekte hinaus zeigt, warum sollte es dann sinnstiftend sein, zu untersuchen, wie es wirkt?

Wir überlassen es den Leserinnen und Lesern dieser Erwiderung und der vielen Einzelnachweise auf unseren Webseiten, sich ein Bild davon zu machen, wer hier unredlich argumentiert - fortlaufend, unbelehrbar und aus nur allzu transparenten Gründen.

 

Weiterführende Links:
http://www.netzwerk-homoeopathie.eu
http://www.homöopedia.eu
http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de

 

Verfasst und gezeichnet im Namen des INH:

Dr.-Ing. Norbert Aust, Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie
Prof. Dr. Edzard Ernst, Emeritus, Universität Exeter, UK
Dr. med. Natalie Grams, Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie
Amardeo Sarma, Vorsitzender GWUP
Prof. Dr. Norbert Schmacke, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen

 

Bild: Udo Endruscheit

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