Was geschieht, wenn wissenschaftliche Fakten auf Weltanschauungen treffen?

 

Auf der Seite homoeopathie-online.info des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) wird aktuell ein Artikel aus dem Jahre 2015 erneut veröffentlicht, der die angeblich schlechte, falsche und ungerechte Behandlung der Homöopathie im Online-Lexikon Wikipedia beklagt, die mehr oder weniger einer "Verschwörung der Skeptiker-Szene" zugeschrieben wird.

Ist das so?

  • Gleich in der Einleitung des DZVhÄ-Artikels wird gefragt: "Was geschieht, wenn wissenschaftliche Fakten auf Weltanschauungen treffen?" - Wodurch ohne Zweifel der Homöopathie die Rolle der wissenschaftlichen Fakten und der Kritik der Katzentisch der Weltanschauung zugeschrieben wird. Angesichts der Tatsache, dass sich die Ablehnung der Homöopathie als wissenschaftliche Heilmethode auf die überwältigende Mehrheit der weltweiten Wissenschaftsgemeinde stützt - viele Einzelbelege hierfür sind auf dieser Webseite zu finden - ist das ein mehr als gewagtes Statement. 
  • Nach unserer Ansicht ist der Wikipedia-Artikel eigentlich ein gutes Beispiel eines an wissenschaftlichen Grundsätzen orientierten Beitrags. Er stellt über den größten Teil seines Umfangs in vorbildlicher Neutralität das Gedankengebäude der Homöopathie - die Ausgangshypothese -, basierend auf Hahnemanns Verlautbarungen dar, und zwar unter Einbeziehung wesentlicher "Lehrmeinungen" und Varianten wichtiger Exegeten. Erst dann folgt, woran sich der Eifer des DZVhÄ vor allem entzündet: Die Abschnitte "Kritik an der Homöopathie" und "Risiken der Homöopathie". Aus diesen Abschnitten wird - als Rechtfertigung für die nachfolgenden Klagen - zu Anfang des DZVhÄ-Artikels selektiv zitiert. Dem Leser, der mit dem Wikipedia-Artikel nicht vertraut ist, wird suggeriert, dieser würde sich gleich zu Anfang oder gar vollständig nur mit der Kritik der Methode befassen.
  • Das Verlangen des DZVhÄ nach Konsens und die daraus abgeleitete Forderung nach ausgewogener Darstellung wissenschaftlicher Themen ist nicht wünschenswert, sondern eine Untugend, mit der Werbung für Unsinn gern verbrämt und Beliebigkeit sowie Unsicherheit statt Information gefördert wird.
    Ein wissenschaftlicher Anspruch, wie er von den Homöopathen so gern reklamiert wird, fordert die Darstellung der Ausgangsthese unter Anführung von abweichenden bzw. kritischen Standpunkten. Würde nur Kritik dargestellt, hätte diese gar keine Basis. Genau einer solchen wissenschaftlichen Darstellungsform folgt der Wikipedia-Artikel. Man könnte nach der Darstellung im Artikel des DZVhÄ meinen, es sei umgekehrt – Thema sei die Kritik an der Methode und deren Darstellung folge - wenn überhaupt - irgendwo marginalisiert. Um sich vom Gegenteil zu überzeugen, genügt ein unvoreingenommener Blick in die Wikipedia.
  • Nach Überzeugung des DZVhÄ sei "Wikipedia (...) in Bezug auf die Homöopathie eine Plattform, auf der eine Gruppe von Menschen ihre persönliche Überzeugung unter dem Deckmantel der Wissenschaft vorträgt". Mutmaßlich handele es sich hierbei "um Mitglieder der sog. Skeptikerbewegung", einer Organisation, die in dogmatischer Art und Weise eine materialistische Weltanschauung verficht und sämtliche Phänomene zu leugnen versucht, die sie mit ihr im Konflikt sieht. Für die aus den USA stammende Ursprungsbewegung sind zudem Verbindungen zur Pharmaindustrie aufgezeigt worden."
    Diese Ausführungen zeigen alle Merkmale einer Verschwörungstheorie, einschließlich von Angriffen ad hominem und auf nicht existente "böse Ritter". Geradezu grotesk müssen diese Behauptungen vor dem Hintergrund erscheinen, dass die Homöopathiehersteller - in den USA wie auch in Deutschland - Bestandteil der Pharmaindustrie sind, allen ihren Vereinigungen und Verbänden angehören und - wie kürzlich zu vernehmen war - diese Verbände und Vereinigungen sich deutlich gegen eine Einschränkung der Homöopathie als Kassenleistung aussprechen.
  • Natürlich darf der Verweis auf die angeblich unterdrückte positive Studienlage zugunsten der Homöopathie nicht fehlen. All diese Studien sind - wie schon mehrfach dargestellt - wertlos für einen evidenten Wirkungsnachweis der Homöopathie. Und wenn sie, wie der Artikel des DZVhÄ erwähnt, in "Fachkreisen" hoch gehandelt werden, so handelt es sich bei diesen "Fachkreisen" um einen verschwindenden Bruchteil der weltweiten Wissenschaftsgemeinde.
  • Die Ansicht, auch der darstellende Teil des Wikipedia-Artikels sei manipulativ, falsch dargestellt und weitgehend belegfrei, teilen wir nicht. Der Artikel verweist auf sage und schreibe 265 Einzelnachweise, dazu auf Literatur und Quellen erheblichen Umfanges, darin Originalquellen zur Homöopathie und die Internetauftritte der homöopathischen Lobbyverbände.

Zurück zum Artikel und zu dessen Schlusszitat: "Glücklicherweise scheint die Meinungsmache im Internet keinen bedeutenden Einfluss auf die Patienten zu haben: Die Homöopathie steigt nach wie vor in der Beliebtheit der Bevölkerung. Kein Wunder, denn ihre Heilerfolge lassen sich nicht wegdiskutieren!" Bei diesem doch positiven Fazit stellt sich die Frage nach der Motivation des DZVhÄ-Artikels. Um Marketing geht es offenbar nicht. Es ist wohl der Wunsch nach wissenschaftlicher Reputation, der fast verzweifelt anmutende Ruf nicht nur nach Erfolg, sondern auch nach Anerkennung. Diese kann aber in der heutigen Medizin eben nur durch evidenzbasierte Nachweise nach wissenschaftlichen Kriterien erreicht werden. Diese ist man bislang schuldig geblieben. Und das steht eben auch auf Wikipedia.

 

Zum Homöopathie Artikel auf Wikipedia.

 

 

Text und Bild für das INH: Udo Endruscheit

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