Unter der Flagge Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland bewerben die „Homöopathen ohne Grenzen“ zusammen mit der Initiative „Homöopathie in Aktion“ ein bundesweites Netzwerk von Homöopathieangeboten für die „Behandlung von Geflüchteten“. Immer wieder tauchen damit zusammenhängende „Angebote“ bei Flüchtlingshilfevereinigungen auf, die - offenbar in völliger Unkenntnis dieser Zusammenhänge- so etwas als sinnvolle Hilfsangebote fehlinterpretieren und gern annehmen.

So kann man beispielsweise in einer Ankündigung eines solchen Vereins lesen:

…“Leider werden zur Linderung der Beschwerden viel zu häufig Tabletten gewünscht und eingesetzt. Für psychotherapeutische Behandlungen gibt es viel zu wenig Therapieplätze. Im zweiten Teil des Abends möchten wir zwei kostenlose Therapieangebote aus dem naturkundlichen Bereich vorstellen.
Frau Dr. med. … und Frau …, MS, Heilpraktikerin, werden das Projekt „Homöopathie für Flüchtlinge in Deutschland“ vorstellen.
Jeden Freitag bieten ÄrztInnen und HeilpraktikerInnen in den Räumen von … homöopathische Behandlungen an – als ganzheitliche Behandlungsmethode bei körperlichen und seelischen Problemen, bei Bedarf auch mit Unterstützung von Dolmetschern.
…Die Behandlung führt zur Reduktion von Stress und Stresssymptomen und hat eine ausgleichende, entspannende Wirkung, so dass viele danach mit Stress und Gedanken an Traumata besser zurecht kommen.“

Die Aktivitäten der „Homöopathen ohne Grenzen“ (eine Partizipation am guten Namen der „Ärzte ohne Grenzen“) stießen bekanntlich vor nicht allzulanger Zeit in Westafrika auf kritischen Verstand. Dort wurden sie mit ihrem Ansinnen, Ebola mit Homöopathie behandeln zu wollen, konsequent abgewiesen. Offenbar gehört gezielt der Einsatz unter der Flagge humanitärer Hilfe zum Geschäftsmodell der Homöopathen ohne Grenzen. Auch die Süddeutsche Zeitung berichtete bereits über entsprechende Aktivitäten im Münchner Raum.
Ganz abgesehen von der therapeutischen Wertlosigkeit dieser „Maßnahmen“, stellt sich uns die Frage, ob sich hier nicht neben dem medizinischen ein besonderes ethisches Problem ergibt.

Fakt ist: Hilfsbedürftige Menschen aus einem fremden Kulturkreis, die in der Regel nicht als "mündige Patienten" im Sinne unseres Gesundheitssystems angesehen werden können, werden für homöopathische „Methoden“ regelrecht akquiriert. Menschen, die schwere Traumata zu verarbeiten haben – was explizit „Ziel“ der Aktionen der Homöopathen ohne Grenzen ist. Keine Frage: All diese Menschen psychologisch und psychotherapeutisch fachgerecht zu versorgen, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Aber das Angebot einer Scheintherapie kann doch wohl keine Lösung sein! Bei traumatisierten Menschen, oft Kindern?

Sicher wird sich der eine oder andere vordergründige „Erfolg“ einstellen, gerade wegen der psychologisch besetzten Gesamtsituation. Aber eine nicht fachgerechte Behandlung psychischer Störungen löst nicht das Problem. Weder gibt es eine sorgfältige Differenzialdiagnose („Trauma“ ist keine Diagnose), noch wird nachhaltig etwas für den Patienten getan, noch gewinnt man Erkenntnisse über eventuelle Fremd- oder Eigengefährdungen aufgrund einer psychischen Störung. In der hier wohl hauptsächlich betroffenen Altersgruppe wird man eventuell auch mit Borderline-Störungen rechnen müssen, deren Behandlung mit Scheinmedikamenten haarsträubend ist. Wir erinnern uns ungern an die Behandlung des Attentäters von Ansbach mit einer völlig unzulänglichen „Therapie“ – hier durch einen Heilpraktiker, mit verheerendem Fazit.

Die unspezifische "Behandlung" schwerer psychischer Erkrankungen mit homöopathischen Placebos statt mit leitliniengerechten Medikamenten sprengt unseres Erachtens jeden noch irgendwie tolerierbaren Rahmen. Gerade bei schweren Depressionen kann das Ausbleiben einer spezifischen wirksamen Behandlung wegen einer möglichen Suizidgefahr im schlimmsten Fall sogar tödlich enden. Nicht selten ist ein traumatisierter oder schwer depressiver Mensch erst mithilfe einer individuell durch einen Facharzt eingestellten medikamentösen Unterstützung überhaupt therapiefähig.

Selbst der Aspekt des Placeboeffekts muss in diesem Zusammenhang kritisch gesehen werden. Die Sprachbarriere und die Herkunft aus einem anderen Kulturkreis, auch und gerade im Zusammenhang mit psychischen Problemen lassen es unvorhersehbar erscheinen, ob und wie ein Placeboeffekt eintreten wird. Da möglicherweise die Patienten in diesem Fall die „Behandlung“ gar als übergriffig oder autoritär empfinden könnten, ist sogar ein Noceboeffekt denkbar.

Ist es wirklich so unmöglich, niederschwellige Hilfsangebote (Skills) für die Betroffenen bereitzustellen statt untätig dabei zuzusehen, wie hier nicht nur unwirksame, sondern gefährliche Scheintherapien angeboten werden? Und sei es – wie dies ja auch für deutschsprachige Patienten besonders in Notlagen oder in „Wartestellung“ geschieht – als Informationsbroschüren in den entsprechenden Sprachen und altersgerecht, die Betroffenen erst einmal helfen können, ihr Erleben zu verstehen und zu sehen, dass auch andere Menschen nach vergleichbaren Erlebnissen Ähnlich erleben?

Wir meinen:

Hier zeigt sich die Konsequenz von sozialer Reputation und politischer „Adelung“ der Homöopathie auf verheerende Weise. Unter dem Deckmantel von Hilfsbereitschaft und Unterstützung von Flüchtlingsinitiativen verbreiten die „Homöopathen ohne Grenzen“ ihre Propaganda für unwirksame Behandlungsmethoden. In diesem speziellen Fall in hohem Grade unverantwortbar. Die Hilfsvereine, die hier als Vehikel für den Transport der „Botschaft Homöopathie“ dienen, können die Tragweite dieser „Hilfsangebote“ gar nicht einschätzen und verlassen sich auf den „guten Ruf“ der Homöopathie und die gezeigte Hilfsbereitschaft. Eine rechtliche Handhabe, dies zu unterbinden, dürfte fehlen. Wie immer läuft es letztlich darauf hinaus, dass die Homöopathie ja im öffentlichen Gesundheitswesen verankert ist.

Und weil laut Bundesgesundheitsministerium „in einem durch Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Pluralität geprägten Gesundheitswesen“ die Bewertung von Behandlungsmethoden „nicht in der Zuständigkeit des Ministeriums, sondern bei den dieses Gesundheitswesen repräsentierenden Institutionen und Einrichtungen liege“. Was uns offenbar von den Staaten Westafrikas unterscheidet.

Sollte das angesichts derartiger Auswüchse nicht endlich einmal revidiert werden?

 

 

Autoren: Monika Kreusel, Udo Endruscheit 

Bild: Fotolia_106344027_XS1

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