Die Homöopathie erhebt den Anspruch, eine „Arzneitherapie“ zu sein, deren Arzneien spezifische Wirkungen haben. Ihre Vertreter beharren auf dieser spezifischen Wirkung – und stehen damit in der Beweispflicht. Wie sieht es nun damit aus?

Das Problem der als solche verstandenen homöopathischen „Arzneien“ liegt im Herstellungsprozess begründet. Homöopathische Arzneien werden durch „Potenzieren“ hergestellt.
Eine Wortwahl, die im Zusammenhang mit einem Verdünnungsvorgang seltsam anmutet – aber gemeint ist die Annahme, bei diesem Vorgang würde die immer geringere Konzentration des Urstoffes eine immer stärkere Wirkung hervorbringen.

Der Vorgang des Potenzierens im homöopathischen Sinne umfasst zwei Teilschritte:

  • Die Verdünnung, einen wohlbekannten, alltäglichen Vorgang und
  • die „Dynamisierung“ durch Schütteln nach einem bestimmten Ritual.

Die Verdünnung wirkt sich auf den materiellen Anteil der homöopathischen Arznei aus. Bereits bei tiefen Potenzgraden, die noch geringe Mengen der „Ursubstanz“ (Ausgangsstoff für die Potenzierung) enthalten, sind aber arzneiliche Wirkungen nicht mehr möglich. Und bei den Hochpotenzen sind überhaupt keine Reste der Ursubstanz mehr vorhanden – es sei denn, sie sind als Verunreinigungen mit der Verdünnungslösung zurückgekommen.

Zumindest bei den Hochpotenzen – darüber hinaus bei einem großen Teil der Tiefpotenzen – kann von einer materiellen Wirkung nicht mehr ausgegangen werden.

Wie erklärt sich die Wirkung der homöopathischen Arzneimittel denn dann? Wir Kritiker haben unsere Erkenntnisse dazu, die bereits an vielen Stellen, hier in den Rubriken unserer Netzwerkseite und in der „Homöopedia“ (www.homöopedia.eu), veröffentlicht wurden. An dieser Stelle soll uns aber interessieren, wie die Homöopathen selbst die Wirksamkeit erklären.

Zunächst muss man feststellen, dass es keine „offizielle“ und vor allem auch keine einheitliche Erklärung von Seiten der Homöopathen gibt. Manchmal wird die Wirkung über „die Energie“ erklärt, die den Arzneien (Globuli, Tropfen, Salben, Injektionen) innewohne, manchmal über „die Information“, die in den Arzneien noch vorhanden sei. Die Erklärung von Hahnemann selbst lautet „geistartige Arzneikraft“:

„... Durch diese mechanische Bearbeitung, wenn sie nach obiger Lehre gehörig vollführt worden ist, wird bewirkt, daß die, im rohen Zustande sich uns nur als Materie, zuweilen selbst als unarzneiliche Materie darstellende Arznei-Substanz, mittels solcher höhern und höhern Dynamisationen, sich endlich ganz [1] zu geistartiger Arznei-Kraft subtilisirt und umwandelt, welche an sich zwar nun nicht mehr in unsere Sinne fällt, für welche aber das arzneilich gewordene Streukügelchen, schon trocken, weit mehr jedoch in Wasser aufgelöst, der Träger wird und in dieser Verfassung die Heilsamkeit jener unsichtbaren Kraft im kranken Körper bekundet.“

Hahnemann hat hinter dem Wort „ganz“ eine Anmerkung eingefügt:

[1] „Man wird diese Behauptung nicht unwahrscheinlich finden, wenn man erwägt, daß bei dieser Dynamisations-Weise (deren Präparate ich nach vielen mühsamen Versuchen und Gegen-Versuchen als die kräftigsten und zugleich mildest wirkenden, d. i. als die vollkommensten befunden habe) das Materielle der Arznei sich bei jedem Dynamisations-Grade um 50.000 mal verringert und dennoch unglaublich an Kräftigkeit zunimmt, so daß die fernere Dynamisation der in 125.000.000.000.000.000.000 erst zur dritten Potenz, zum Kubik-Inhalt erhobnen Cardinale, (50.000), wenn man letztere mit sich selbst multiplicirt und so in stetiger Progression bis zum dreißigsten Grade der Dynamisation fortschreitet, einen Bruchtheil giebt, der sich kaum mehr in Zahlen aussprechen lassen würde. Ungemein wahrscheinlich wird es hiedurch, daß die Materie mittels solcher Dynamisationen (Entwicklungen ihres wahren, innern, arzneilichen Wesens) sich gänzlich in ihr individuelles geistartiges Wesen auflöse und daher in ihrem rohen Zustande, eigentlich nur als aus diesem unentwickelten geistarigen Wesen bestehend betrachtet werden könnte.“

 [Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunst, 6. Auflage, §270, Seiten 249 bis 250]

Wie man sieht, war Hahnemann selbst Chemiker genug, um den Haken bei der Sache zu erkennen. Er war aber zugleich auch genug Kind seiner Zeit, um für die weitere Deutung einigermaßen unbekümmert auf die zu seiner Zeit noch völlig gängige These einer „Allbeseeltheit“ aller Materie, den "Vitalismus", zurückzugreifen. Damit machte er den Schritt von der Materie zur „Nicht-Materie“. Und genau da liegt das eigentliche Problem: Bei der „Schnittstelle“ zwischen Materie und Nicht-Materie.

Die häufig zu hörende Erklärung, den homöopathischen Globuli (pars pro toto; gleiches gilt auch für Tropfen, Salben oder Injektionen) liege eine Energiekomponente bei, ist aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig. Energie gehört zur Materie im weitesten Sinne und ist nicht immateriell. „Energie“ im physikalischen Sinne ist exakt definiert, man kann Energie nachweisen und messen. In Globuli ist eine Energie, die eine spezifische Wirkung erklären würde, nicht nachzuweisen (natürlich sind Globuli zimmerwarm und enthalten bereits aus diesem Grunde Energie; es ist aber eine unspezifische Energie, die keine spezifischen arzneilichen Wirkungen haben kann). Jedwede physikalische Energie, die eine spezifische Arzneiwirkung erklären würde, wäre physikalisch nachweisbar. Weil sie nicht nachzuweisen ist, bedeutet das, es ist keine spezifische Energie vorhanden.

Homöopathen benutzen das Wort „Energie“ offenbar ganz anders als Physiker. Sie schreiben ihrer Form von Energie Eigenschaften zu, die physikalische Energieformen nicht haben. Insofern ist das Wort „Energie“ von den Homöopathen falsch, aber nicht ungeschickt gewählt; es löst nämlich Assoziationen zum echten physikalischen Begriff der „Energie“ aus, die man sich instinktiv als etwas Wirkmächtiges vorstellt. Diese Assoziationen sind gewollt. Sie verwirren und desinformieren. Die Eigenschaften der „homöopathischen Energie“ sind übrigens von den Homöopathen nicht einheitlich definiert. Und es müssen ja Eigenschaften sein, die in der Lage sind, den Physikern zu entgehen. Da stellt sich die Frage, woher Homöopathen diese Eigenschaften kennen, wenn sie physikalisch nicht nachweisbar sind. Und dazu gehört schon etwas, wenn die Physik heute in der Lage ist, Masse und Ladung eines einzelnen Elektrons zu berechnen und durch Messung zu bestätigen.

Nicht umsonst schreibt Prof. Edzard Ernst in seinem Blog, dass das Wort „Energie“ bei Homöopathen sehr viel öfter gebraucht werde als bei einer Vorstandssitzung eines großen Energieunternehmens.

Eine vergleichbare Diskrepanz tritt mit dem Begriff der „Information“ auf. Auch der Begriff „Information“ ist fest definiert. „Information“ ist das Objekt der Informatiker. „Information“ ist ein Maß für die Ordnung bzw. Unordnung eines Systems. „Information“ selbst ist zwar nicht materiell, aber sie ist an Materie gebunden. Das ist übrigens auch eine klare Erkenntnis der Quantenphysik: Information braucht einen Träger!

Erst recht braucht es einen Träger, um Informationen zu speichern. Dafür braucht man auch noch Speichermedien mit „festen Adressen“, an denen man die Informationen ablegen und später wieder auslesen kann. Wasser ist als Informationsspeicher nicht geeignet, da es keine „festen Adressen“ gibt. Informationen, die in Wasser geschrieben werden, werden etwa eine Billion mal pro Sekunde gelöscht und mit Zufallswerten neu überschrieben, die dann wieder gelöscht und wieder überschrieben werden. Eine Nutzung von Wasser als Informationsspeichermedium ist unmöglich. [http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Wasserged%C3%A4chtnis]

Letzten Endes bedeutet die Verwendung des Energie- wie auch des Informationsbegriffes durch die Homöopathen nichts anderes als die Wiedereinführung des Vitalismus „durch die Hintertür“.

Das eben besprochene eigentliche Problem, die Schnittstelle zwischen Materie und Nicht-Materie, war wohl schon Hahnemann bewusst. Er schreibt ja in der oben zitierten Anmerkung, dass sich die Materie gänzlich in ihr „individuelles geistartiges Wesen auflöse“. Er postuliert damit einen Vorgang, für dessen Existenz es keinerlei Hinweise gibt. In dieser Formulierung findet sich implizit auch die Annahme wieder, dass die Materie beim Verdünnungsvorgang verschwinde. Das ist aber keineswegs der Fall! Die Materie der Ursubstanz ist nach den Verdünnungsschritten nicht „aus der Welt“, sondern nur aus dem Fläschchen verschwunden. Sie verteilt sich nur neu – auf die Lösungen der vielen Zwischenschritte der Potenzierung, die in der Regel weggeschüttet werden. Da die Materie der Ursubstanz auch bei den Verdünnungsschritten vollständig erhalten bleibt, ist schon deshalb eine rückstandslose Umwandlung der Materie in ein „individuelles geistartige Wesen“ unmöglich.

Wenn aber andererseits ein „individuelles geistartiges Wesen“ für seine Entstehung nichts benötigt, was zuvor einmal materiell war, dann erhebt sich die Frage, warum dennoch eine materielle Ursubstanz anwesend sein und mit hohem Aufwand „verarbeitet“ werden muss, damit ein „individuelles geistartiges Wesen“ entstehen kann. Und wie soll denn der Prozess des Verschüttelns in diesen Entstehungsprozess eingreifen? Schütteln ist etwas Handfestes und zweifelsfrei Materielles!

Materie und Nicht-Materie haben keine Möglichkeit, miteinander Wechselwirkungen auszutauschen. Aus physikalischer Sicht lässt sich die Frage, ob es „Geist“ im Sinne von „immateriellen Wesenheiten“ gibt, nicht beantworten. Geist lässt sich physikalisch nicht messen und ist deshalb weder nachzuweisen noch auszuschließen. Wobei auch dieser „Geist“ wieder eine nicht zu fassende Begrifflichkeit ist, zu dem sich zweifellos auch die Homöopathen viele unterschiedliche Vorstellungen machen.

Angenommen, es gäbe diese geistartigen Arzneiwirkungen, dann stellen sich viele Fragen:

  1. Kann die immaterielle geistartige Arzneikraft in den materiellen Molekülen der Ursubstanz vorhanden, also „gespeichert“ sein?
  2. Benötigt die immaterielle geistartige Arzneikraft einen materiellen Träger?
  3. Kann man sie von diesem Träger, der Ursubstanz, lösen?
  4. Ist dazu ein einfaches Schütteln geeignet?
  5. Wie kam Hahnemann auf die Idee, gleich beim ersten Versuch die „richtige“ Methode der Trennung von Materie und Geist zu finden?
  6. Kann die immaterielle geistartige Arzneikraft ohne materiellen Träger existieren?
  7. Kann umgekehrt der materielle Träger ohne die immaterielle geistartige Arzneikraft existieren?
  8. Kann man immaterielle geistartige Arzneikraft von einer Ursubstanz auf eine „Gastgebersubstanz“ (Globuli) übertragen?
  9. Woher wissen die Homöopathen das? Wie stellen sie fest, dass das gelungen ist?
  10. Kann eine immaterielle geistartige Arzneikraft einen kranken Körper, der ja materiell ist, zur Gesundung bringen?
  11. Wie soll das gehen, wenn „Geist“ und „Materie“ nicht miteinander kommunizieren, miteinander wechselwirken, können?
  12. Und wenn die immaterielle geistartige Arzneikraft nicht auf den materiellen Körper selbst, sondern auf seine ebenfalls immaterielle und geistartige Lebenskraft einwirkt: Wie kann dann die immaterielle und geistartige Lebenskraft ihrerseits auf den materiellen Körper einwirken?

Der Erklärungswert des diesen Vorstellungen zugrunde liegenden „Vitalismus“ ist  gleich Null. Der Vitalismus, die Vorstellung einer allumfassenden „Beseeltheit“, gilt als eine längst überholte Theorie der vorwissenschaftlichen Zeit. Es gibt heute bessere (richtigere) Möglichkeiten, den Unterschied zwischen „lebendig“ und „tot“ zu erklären.
[Gebhardt, Karl-Heinz. "Die philosophischen Hintergründe der Homöopathie." Allgemeine Homöopathische Zeitung 250.03 (2005): 66-70.]
[Wuchterl, Kust. Lehrbuch der Philosophie. Utb, 1998.]
[Imhof, Beat W. "Bewusstsein und Psychisches." Edith Steins philosophische Entwicklung. Birkhäuser Basel, 1987. 173-181.]

Das Beharren der Homöopathen auf einer spezifischen Arzneiwirkung, die durch den physikalischen Verdünnungsvorgang nicht zerstört, aber durch simples Schütteln verstärkt werden kann, führt zu inneren Widersprüchen, die unauflösbar sind. Die oben genannten Fragen können nicht beantwortet werden – auch von Homöopathen nicht. Homöopathen können die Wirksamkeit der Arzneimittel nur erklären, wenn sie geistartige Kräfte annehmen, die

  1. nicht mit Materie reagieren dürfen (weil sie sonst nachweisbar oder widerlegbar wären und weil sie sonst beim Verdünnungsschritt verloren gehen würden)
  2. dennoch mit Materie reagieren müssen (weil sie sich sonst vom Schüttelprozess nicht beeinflussen lassen würden, weil sie nicht von den Globuli aufgenommen werden und den materiellen Patientenkörper nicht heilen könnten).

Dieser Widerspruch ist unauflösbar und wird es auch zukünftig bleiben. Bei aller Offenheit Fortschritten gegenüber, die in der Wissenschaft zukünftig noch zu erwarten sind, ist bereits heute klar, dass keine noch so geniale zukünftige Entdeckung in der Lage sein wird, einen derartigen Widerspruch aufzulösen.

„Homöopathische Arzneimittel“ sind keine Arzneimittel. Jedwede Wirkung einer homöopathischen Behandlung muss auf anderen Prinzipien beruhen, aber sie kann nicht Folge einer irgendwie gearteten Arzneiwirkung sein.

 

Autor: Dr. med. Wolfgang Vahle

Bildnachweis: Fotolia_113192841_XS

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