Die Reaktionen auf das Positionspapier des Wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Akademien zur Homöopathie sind europaweit zu spüren. Die Homöopathievertreter versuchen, in Eile Gegenpositionen aufzubauen.

Die französische Ausgabe des Nachrichtenportals 20minutes hat hierzu bereits mehrfach Beiträge erscheinen lassen – und für den neuesten auch Natalie Grams befragt. Hier die Übersetzung des Originalbeitrages:

 

 Mangelnde Wirksamkeit, Schadenspotenzial, Illusion von Wirksamkeit... Warum widersteht die Homöopathie allen Kontroversen?

Die Homöopathie hat viele begeisterte Anhänger, obwohl ihr vorgehalten wird, wirkungslos zu sein, sogar potentiell schädlich, indem sie Patienten von der normalen Medizin fernhält...

  • Ein am 20. September veröffentlichter Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Akademien - EASAC verweist auf die Schädlichkeit und Ineffektivität der Homöopathie.
  • Die Experten fordern, dass homöopathische Mittel nicht mehr von Krankenkassen erstattet werden und dass auch die Werbung für Homöopathie vom wissenschaftlichen Wirkungsnachweis abhängig gemacht wird. 
  • Obwohl die meisten Studien darauf hindeuten, dass Homöopathie keine anderen Ergebnisse als Placebo aufweist, erhöht sich die Anhängerschaft der Methode - enttäuscht von der „normalen“ Medizin.

Eine Wunderheilung oder ein Trank aus einem Zauber- oder Hexenbuch dürfte wohl ebenso viele Anhänger und Kritiker auf den Plan rufen wie die Homöopathie. Der jüngste Bericht des Wissenschaftlichen Beirates der Akademien der europäischen Wissenschaften (EASAC), der am 20. September veröffentlicht wurde, kommt nicht nur zu dem Schluss, dass es "keine stichhaltigen Beweise" für die Wirksamkeit homöopathischer Produkte gibt, sondern weist auch auf deren potenzielle Schädlichkeit hin. Eine Überdosierung homöopathischer Mittel kann zwar die Gesundheit nicht schädigen, aber verhindern, notwendige medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen.

Umstrittene Wirksamkeit

Natalie Grams glaubte felsenfest an die Homöopathie. Sie hatte ihren Beruf daraus gemacht, bevor sie Gegnerin der Methode wurde. Die ehemalige Homöopathin, heute in Deutschland eine Institution zu Informationen über diese alternativmedizinische Methode, beharrt darauf, dass "keine wissenschaftliche Studie jemals die Wirksamkeit der Homöopathie gezeigt hat. Vielen Anhängern ist völlig unbekannt, dass bei all den homöopathischen 'Behandlungen' keinerlei Wirkstoffe im Endprodukt, dem homöopathischen Arzneimittel, enthalten sind".

"Dies war mir als Homöopathin durchaus bewusst, aber es war mir nicht wichtig, weil ich davon überzeugt war, dass diese Mittel irgendeine wirksame Form von Energie oder Heilkraft enthielten. Ich erkannte, dass dies nicht stimmt, als ich selbst recherchierte ", erinnert sie sich.

Wissenschaft versus persönliche Erfahrung

„Warum hat die Homöopathie in den letzten vierzig Jahren jeder Kontroverse standgehalten?“ fragt Florent Martin, Mitglied des Observatioire Zététique (einer französischen Skeptikervereinigung, die sich vor allem mit der Entlarvung „paranormaler Phänomene“; aber auch mit Pseudomedizin beschäftigt).

"Auf der einen Seite haben wir Wissenschaftler, die beweisen, dass Homöopathie unwirksam ist und auf der anderen Seite haben wir eine Öffentlichkeit, die aufgrund persönlicher Erfahrungen jeden Tag zum gegenteiligen Schluss kommt - 'in der Praxis'. Das Problem liegt darin, dass die beiden Lager unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Wissenschaftler messen die eigene spezifische Wirksamkeit der Mittel (gegen ein Placebo), während die Öffentlichkeit einfach nur Zufriedenheit äußert. Doch man kann durchaus mit einem Produkt zufrieden sein, das nicht funktioniert oder wirkt, darauf beruht die ganze Daseinsberechtigung (und die Stärke) von Marketing und Werbung. Die Menschen fühlen sich besser und schreiben diese Verbesserung der Homöopathie zu, während sie in 8 von 10 Fällen „spontan“ geheilt wurden, weil das Problem nicht ernsterer Natur war. Hunderte von klinischen Studien zeigen jedoch, dass das Niveau der Zufriedenheit bei der Verabreichung eines Placebos (Rohglobuli, auf denen keine homöopathische Lösung aufgebracht ist) gleich ist. Eben dies lässt Wissenschaftler sagen, dass es keine eigenen, spezifischen Wirkungen der Homöopathie gibt."

In seinem Bericht fordert der EASAC, dass Globuli nur erstattet werden dürfen, wenn sie nachweislich sicher und wirksam sind und dies durch strenge Tests nachgewiesen wurde. In Deutschland haben die Krankenkassen (gemeint ist die neue Witt et al.-Studie) die Wirtschaftlichkeit der Homöopathie unter die Lupe genommen und die Ergebnisse ihrer Befragungen zeigen, dass sie nicht nur medizinisch ineffektiv ist, sondern auch die Gesundheitskosten nicht senkt!

Die potenzielle Schädlichkeit der Homöopathie

Homöopathische Arzneimittel sind zwar nicht gesundheitsschädlich, wenn die Einnahme über die üblicherweise winzigen Mengen an Wirkstoff nicht hinausgeht. Obwohl der EASAC-Bericht auf den "Mangel an soliden und reproduzierbaren Beweisen für die Wirksamkeit" der Homöopathie hinweist, kann diese Alternativmedizin doch eine potenziell schädliche Wirkung haben.

Die Öffentlichkeit ist enttäuscht von der Allgemeinmedizin: „Ärzte haben sehr wenig Zeit für Patienten, die den Eindruck haben, nur eine Nummer auf einer langen Liste zu sein", sagt Natalie Grams. Wenn Sie zu einem Homöopathen gehen, der Zeit für Sie hat, um Ihnen zuzuhören, werden Sie schnell das Gefühl haben, dass es Ihnen schon besser geht. Und die Menschen fühlen sich zu dieser Art ‚magischen Denkens‘ hingezogen, das die Homöopathie vermittelt, es hat einfach etwas Tröstliches.“

Verzögerung einer ärztlichen Konsultation oder unangemessene Behandlung der Krankheit

„Außerdem ist der Rückgriff auf die Homöopathie für einige Menschen neben einer Reaktion auf eine als ‚kalt‘ empfundene moderne Medizin eine Möglichkeit, ihren Widerstand gegen eine als ‚Chemie‘ angesehene Medizin zum Ausdruck zu bringen", ergänzt Florent Martin. Ein Gedankengang, der nicht ohne Folgen ist, "indem er den rechtzeitigen Gang zum Arzt oder den Beginn einer angemessenen Behandlung verzögern kann", befürchtet Natalie Grams.

Im Mai letzten Jahres starb ein siebenjähriger Junge an den Folgen einer ausschließlich homöopathisch behandelten Mittelohrentzündung. "Nicht die Homöopathie hat diesen kleinen Jungen getötet, sondern die Illusion ihrer Anwender, man würde damit angemessene Fürsorge leisten – diese Illusion kann tödlich sein", warnt Florent Martin, der auch Vorträge über Homöopathie hält. „Die Irrationalität der Homöopathie hilft nie weiter, denn sie beruht auf einem Glauben", ergänzt er. „Und in der Medizin geht es nicht darum zu glauben, sondern zu wissen.“

Verkauf von Medikamenten an nicht kranke Menschen

Die Boiron Laboratoires, der weltweit führende Homöopathiekonzern, ärgern sich über die "Kritiker der Homöopathie [die] immer dasselbe sagen", wie der Geschäftsführer des Familienunternehmens Christian Boiron, erklärt. Konfrontiert mit dem Vorwurf der Vermarktung von Produkten, die therapeutisch nicht mehr leisten als ein Placebo, präsentierte Boiron am 4. und 5.10.2017 die Ergebnisse einer großen Studie, nach der Verwender homöopathischer Mittel "in der Regel eine bessere körperliche Gesundheit aufweisen (...), mehr Wert auf eigenverantwortliche Gesundheitsvorsorge legen und einen allgemein ganzheitlicheren Gesundheitsansatz haben".

Florent Martin sagt, damit ist man weit von der Realität entfernt. Die Stärke der Homöopathie-Lobby bestehe darin, Medikamente, die zur vorbeugenden Behandlung angeboten werden, an Menschen zu verkaufen, die nicht krank sind und die davon überzeugt sind, dass sie gerade wegen der Homöopathie gesund sind", sagt er. (Was uns überrascht – Homöopathika zur Prävention werden zwar in Deutschland auch angeboten, dürften aber nur ein Randphänomen darstellen. Hier bezieht man sich offenbar auf Boirons Produkt Oscillococcinum, das auch zur Prävention von Grippe eingestzt wird - aber als Entenleber C200 wohl nichts ist als Zucker.

Diese Beobachtung wird von den europäischen Experten geteilt, die fordern, dass homöopathische Produkte wie alle anderen Arzneimittel "überprüfbare und objektive Beweise" sowohl für Sicherheit als auch für Qualität vorweisen müssen.


 

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang auch ein weiterer Artikel auf dem gleichen Portal, der sich mit der erwähnten Boiron-Studie zur „Wirksamkeit“ der Homöopathie befasst. Wir geben ihn übersetzt auszugsweise wieder:

20 minutes / 4.10.2017

Homöopathie: Neuer Bericht zeigt Ineffektivität und Schädlichkeit

[...]

Die von Boiron gesponserte Studie mit dem Namen EPI 3 sollte eine Einschätzung für die Rolle der Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen liefern, ist aber nicht imstande, die allgegenwärtige Frage nach der Wirksamkeit der Homöopathie zu beantworten.

Von 2005 bis 2012 wurden 825 Ärzte und 8.559 Patienten mobilisiert und drei Indikationen behandelt: Infektionen der oberen Atemwege, Muskel-Skelett-Schmerzen und Angst- und Schlafstörungen, die zusammen 50% der Behandlungsfälle bei Allgemeinärzten in Frankreich ausmachen.

Es zeigt sich, dass bei diesen drei Indikationen homöopathisch behandelte Patienten den gleichen klinischen Verlauf und die gleichen Komplikationen aufweisen wie konventionell behandelte Patienten. Aber mit einem Medikamentenkonsum, der halb so hoch ist (oder sogar -bei Psychopharmaka - dreimal geringer).

Die Studie stellt jedoch fest, dass "die Patienten von homöopathischen Ärzten im Allgemeinen eine bessere körperliche Gesundheit zeigen (...) und häufiger psychische Beschwerden zum Ausdruck bringen. Sie schätzen ihre eigene Beteiligung an der Gesundheitsvorsorge höher ein und haben einen allgemein ganzheitlicheren Ansatz in Gesundheitsfragen.“ [...]

"Ich bin seit 47 Jahren im Unternehmen und Homöopathiekritiker sagen immer dasselbe", sagte Christian Boiron, Geschäftsführer des Familienunternehmens, auf die Frage nach dieser Kritik. "Ich werfe ihnen aber gar nicht vor, dass sie die Homöopathie kritisieren, sondern dass sie die Kritik nur unzureichend begründen.“ (sic!) [...]

"Wir waren überrascht, dass wir so gute Ergebnisse erzielen konnten", sagte Valérie Poinsot, Executive Vice President von Boiron. Diese Studie "zeigt, dass homöopathische Arzneimittel wirksam sind. Für Ärzte, die Homöopathie anwenden, stellen wir Medikamente her, die ihnen eine gute Behandlung ermöglichen.“ Ferner stellt die Studie fest, dass ein homöopathisch behandelter Patient der Sozialversicherung 35% weniger kostet, unter Berücksichtigung der Kosten für Behandlung/Beratung und Verordnung. [...]


Wir meinen:

Wie aus dem zitierten Ergebnis der Studie eine spezifische Wirksamkeit der Homöopathie herausgelesen werden kann, das bleibt das Geheimnis von Herrn Boiron. Erstaunlich auch sein Vorwurf an die Kritiker: Inzwischen 13 nationale und internationale wissenschaftliche Akademien oder größere Gremien weltweit haben inzwischen ein klar negatives Urteil über die Homöopathie gefällt, aber Herrn Boiron fehlt die Begründung. Dass die Kritiker immer das Gleiche sagen, kann auch daran liegen, dass die Homöopathie diese Argumente bislang nicht widerlegen konnte.

Ohne eine nähere Betrachtung der Studie drängen sich folgende Überlegungen auf:

  • Welchen Schluss soll man aus dem Ergebnis „gleicher klinischer Verlauf und gleiche Komplikationen“ ziehen? Allenfalls liegt nahe, dass es sich um Indikationen auf der Grenze zwischen Krankheit und Befindlichkeitsstörung gehandelt haben dürfte, die einer spezifischen Therapie oft kaum bis nicht zugänglich sind. Beim Vergleich mit einer Gruppe ohne jede Behandlung dürfte sich das gleiche Ergebnis eingestellt haben.

  • Wie man aus der Art der Darstellung des Ergebnisses schließen kann, handelt es sich wieder einmal um eine Beobachtungsstudie, die vom Ansatz her zum Nachweis spezifischer Wirkungen nicht geeignet ist.

  • Wenn die homöopathischen Patienten eine „bessere körperliche Gesundheit“ zeigen, steht schon einmal die Vergleichbarkeit mit der Verumgruppe in Frage.

  • Wenn die homöopathischen Patienten „häufiger psychische Störungen zum Ausdruck bringen“ und gleichzeitig die Gabe von Psychopharmaka in dieser Gruppe um ein Drittel geringer ist als in der Verumgruppe, stellt das nicht nur ebenfalls die Vergleichbarkeit in Frage, sondern könnte auch darauf hindeuten, dass homöopathisch versorgte Patienten schlicht und einfach keine adäquate Therapie für ihre psychischen Probleme erhalten haben.

  • Wie der mengenmäßige Vergleich zwischen Homöopathiegruppe und konventionell behandelter Gruppe bewertet wurde, ist nicht bekannt. Globuligaben, für die es keine feststehenden Dosierungsvorschriften gibt und pharmazeutische Medikamente von der "Menge" her zu vergleichen, ist problematisch. So haben ähnliche Untersuchungen teilweise die Verschreibungshäufigkeit, teilweise die Anzahl der eingenommenen Dosen, teilweise die Kosten der Verordnungen "verglichen". Außerdem dürfte es nicht überraschen, dass homöopathische Ärzte an ihre homöopathieaffinen Kunden mehr Homöopathika und weniger konventionelle Medikamente abgeben als konventionelle Ärzte - ähnlich dem Befund, dass ein Metzger seinen Kunden mehr Fleisch und weniger Brot verkauft als ein Bäcker.

  • Eine „höhere Einschätzung der eigenen Beteiligung an der Gesundheitsvorsorge“ ist ein ebenso a priori typisches Merkmal für homöopathiegeneigte Patienten wie auch der berühmte, nichtsdestoweniger auf einer Leerformel beruhende „ganzheitliche Ansatz“ - hat aber für die Frage der spezifischen Wirksamkeit der Homöopathie ebenfalls keinerlei Bedeutung.

Nichts von alledem enthält auch nur die Spur eines Hinweises für eine spezifische Wirkung von Homöopathie. Was die Aussage eines Kostenvorteils für die Homöopathie von 35 Prozent selbst für den Fall bedeutungslos macht, dass sie belastbar ermittelt worden wäre: Denn Nichts ist immer zu teuer.

 

Übersetzung: Udo Endruscheit
Kommentierung: Udo Endruscheit, Norbert Aust

 

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