Scientific Reports, durchaus ein medizinisches Journal von gutem Ruf, hat am 10.09.2018 eine Arbeit mit dem Titel Ultra-diluted Toxicodendron pubescens attenuates pro-inflammatory cytokines and ROS- mediated neuropathic pain in rats (Ultraverdünntes Toxicodendron pubescens schwächt entzündungsfördernde Zytokine und ROS-vermittelte neuropathische Schmerzen [1] bei Ratten) veröffentlicht. Die Arbeit zieht das Fazit, dass homöopathische Hochpotenzen auf der Basis von Rhus-Toxicondendron (Giftefeu, ein traditionelles homöopathisches Remedium für Schmerzsymptomatiken) mindestens so wirksam sei wie das Medikament Gabapentin bei der Reduzierung von Schmerzen und ihrer molekularen Korrelate (d.h. Veränderungen im zellulären Signalweg), sowohl in Experimenten an Zellen (in vitro) als auch im Tierversuch mit Ratten.

Einmal mehr verkündeten Teile der homöopathischen Szene (verbunden mit der Übertreibung, der Beitrag sei unmittelbar bei "Nature" erschienen) den ultimativen Durchbruch in dem Bemühen, Homöopathie „wissenschaftlich“ zu beweisen. Die italienische Tageszeitung La Repubblica verschaffte der Sache breitere Aufmerksamkeit mit einem Artikel, der sich zu der Aussage hinreißen ließ:

„Die in Scientific Reports veröffentlichten Untersuchungen bestätigen die Wirksamkeit homöopathischer Ultraverdünnungen: Die homöopathische Medizin wirkt und hat statistisch signifikante biologische Effekte bei der Linderung neuropathischer Schmerzen bei Ratten. Die Wirkung der dynamisierten Verdünnungen war ähnlich der Wirkung von Gabapentin [....].“

Man beachte den fehlenden Konjunktiv, auch den unkritischen Gebrauch des Begriffs „statistisch signifikant“, der bekanntlich als medizinischer Begriff nichts mit Effektstärken zu tun hat, sondern lediglich aussagt, dass ein Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zufällig ist. Kein Vorwurf gegen eine Tageszeitung, aber eine in der Homöopathie gern gesehene und nie richtiggestellte Suggestion für das Publikum.

Beweis der Wirksamkeit homöopathischer Hochpotenzen - eine kühne Feststellung, die in Anbetracht des Widerspruchs zur homöopathischen Studienlage nach dem Postulat „außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise“ betrachtet werden muss.

Es ist zunächst einmal eine gänzlich unwissenschaftliche Folgerung, die Arbeit „bestätige die Wirksamkeit homöopathischer Ultraverdünnungen“. Eine einzelne Studie hat keinen Beweis-, sondern allenfalls einen Hinweiswert, zumal, wenn sie ein hoch unwahrscheinliches Ergebnis hervorbringt. Ein solches Ergebnis muss – am besten mehrfach – unabhängig repliziert werden, bevor der beschriebene Effekt mit hinreichender Wahrscheinlichkeit als tatsächlich vorhanden angenommen werden und weiterer wissenschaftlicher Diskussion zugeführt werden kann. An all dem fehlt es hier.

Ein erster Blick zeigt, dass es sich bei den in-vivo-Tests an den Ratten um insgesamt 40 Tiere handelte, die in fünf Versuchsgruppen (n=8) aufgeteilt wurden. Dies befremdet hinsichtlich der geringen Probandenzahl. Soll das „bahnbrechende“ Ergebnis der Studie ernsthaft auf die Daten einer Verumgruppe von acht Tieren gestützt werden? Dass eine – bei Interventionsstudien erforderliche – Fallzahlplanung [2] durchgeführt wurde, die ein Faktor für die Validität der späteren Ergebnisse ist, kann aus der Studie nicht entnommen werden. Vor allem, wenn Unterschiede – wie hier - in fünf unterschiedlich parametrisierten Gruppen (nicht nur Verum gegen Placebo bzw. Standardmittel) ermittelt werden sollen, ist die sorgfältige Festlegung einer ausreichenden und sinnvollen Probandenzahl alles andere als trivial.

Die Veröffentlichung zeigt zudem relativ leicht erkennbare Unsauberkeiten / Auffälligkeiten, die das Portal RESIS – Research Integrity Solutions – in einem Beitrag von Enrico Bucci von der Temple University in Philadelphia erläutert.

Das fängt damit an, dass grafische Darstellungen zu den in-vitro-Ergebnissen teils unrichtig beschriftet sind, teils wurden gleiche Grafiken zu unterschiedlichen Parametern veröffentlicht. Noch schwerer wiegt, dass unterschiedliche Effekt-/Zeitdiagramme (einmal bei einem Kälte-, einmal bei einem Hitzereiz in den Tierversuchen) in allen (!) Datenpunkten (every experimental point) 1 : 1 übereinstimmen (was durch die unterschiedlich gewählten Achsengrößen nicht sofort sichtbar ist), so dass RESIS daraus den Schluss zieht, dass hier etwas elementar nicht stimmen kann - Zufall praktisch ausgeschlossen. Die Rohdaten sind nicht mit veröffentlicht - natürlich nicht. RESIS konstatiert: Wenn es sich wirklich um zwei verschiedene Experimente handelt, ist die gezeigte Koinzidenz der Daten schlicht unmöglich.

RESIS weist darauf hin, dass dies nicht die einzigen statistisch-numerologischen Ungereimtheiten sind und findet zu Recht, dass dies bereits genügt, um die Validität der Studie zu diskreditieren. Auch andere Portale bzw. Foren haben sich schon kritisch mit der Arbeit befasst, so z.B. PubPeer, wo die Diskutanten noch mehr kritisch ins Detail gehen. 

Ein besonders befremdlicher Umstand, bei denen Journale in der Regel sehr empfindlich zu reagieren pflegen, kommt noch dazu. Einer der Autoren der indischen Forschergruppe benennt eine Mailadresse, die nachweislich in einer anderen Arbeit auch von einem Autor anderen Namens verwendet wurde. Dies ist nicht nur völlig unüblich, sondern entspricht auch in keiner Weise good practice und Integrität im Veröffentlichungswesen. 

Der Pharmakologie-Professor Silvio Garattini, der auf dem Portal sanita24 weitere methodologische Mängel aufgedeckt hat, zieht als Fazit der ganzen Sache: „Die Homöopathie bleibt eine Methode ohne wissenschaftlichen Beweis, daran ändert auch nichts die angebliche Wirksamkeit, die durch die in Scientific Reports veröffentlichten Untersuchungen behauptet wird.“

Dem schließen wir uns an – und fragen uns gemeinsam mit RESIS, wie eine solche Arbeit ein peer review für ein Journal überstehen kann, auch angesichts der Verantwortung, die ein Journal gegenüber der Wissenschaftscommunity und der Öffentlichkeit hat. Was allerdings nicht heißen soll, das es keine Fehler im wissenschaftlichen Veröffentlichungswesen geben kann / darf, durchaus nicht. Man darf sich dabei aber auf die Selbstkontrolle der wissenschaftlichen Community verlassen, wie auch in diesem Falle. Immerhin trägt die Veröffentlichung bei Scientific Reports inzwischen eine Editor’s note, die auf die vorliegenden Einwände gegen die Arbeit hinweist und „geeignete redaktionelle Maßnahmen“ ankündigt, „sobald diese Angelegenheit geklärt ist“. Die Schnellschuss-Erklärung von Autoren der Studie, das möge ja alles sein, ändere aber nichts am Ergebnis, scheint auch die Herausgeber von Scientific Reports nicht mehr zufriedenzustellen.

Nachtrag, 11.10.2018, 15:00 Uhr:
Inzwischen berichtet auch "Nature", die "Mutterzeitschrift" von Scientific Reports, über die Angelegenheit. Um Neutralität bemüht, aber doch mit eher kritischem Unterton.


[1] ROS: Reactive Oxygene Species, bekannt als „freie Radikale“. Eine vermittelnde Rolle der ROS bei intra- und interzellulären Signalprozessen gilt als gesichert.

[2] https://www.aerzteblatt.de/archiv/77774/Fallzahlplanung-in-klinischen-Studien


 

Bildnachweis: Screenshot Scientific Reports

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