Es gibt keine homöopathische Prophylaxe und es kann keine geben!

Homöopathen und Homöopathiebefürworter geben immer wieder an, Hahnemann hätte das Impfen quasi erfunden und es werde ja auch homöopathisch geimpft. Zur Begründung berufen sie sich auf das hahnemannsche Grundprinzip des Similia similibus curentur, Ähnliches heilt Ähnliches. Genau das geschehe doch bei der Impfung – es werden Bestandteile des Erregers verabreicht, der die Krankheit, gegen die geimpft wird, auslöst. Sie sehen darin einen Beweis für die Homöopathie und ihre Wirkung.

Was Homöopathen bei ihrer Aussage jedoch übersehen: Der Impfende "heilt" nicht.

Impfungen sind medizinische Prophylaxe. Das jedoch ist Hahnemanns Modell der Homöopathie völlig fremd. Es setzt eine vorhandene, akute Krankheit voraus. Er war der Auffassung, dass von der "Krankheit", der "verstimmten geistigen Lebenskraft", die Summe der äußerlich sichtbaren Symptome zu wissen sei. Hahnemanns Heilmethode ist dann die Suche nach dem Mittel, das der "verstimmten geistigen Lebenskraft" exakt entgegenwirken möge (§§ 17 und 18 des Organon). Beim gesunden Patienten, der zur Impfung erscheint, ist aber gar nichts verstimmt. Eine Impfung kann hier also auch nichts bewirken. Dass trotzdem von manchen Homöopathen Nosoden (= homöopathische Krankheitserreger wie Tuberkulinum, Botulinum) in der erklärten Absicht gegeben werden, man betreibe hierdurch Prophylaxe wie bei einer Impfung, ist schlimm und gefährlich irreführend. Sie widerspricht zudem Hahnemanns Grundidee. 

Moderne Impfung - missverstanden

Die Verabreichung eines Impfstoffs, der aus abgetöteten oder abgeschwächten Krankheitserregern besteht, wird oft unter Bezug auf die Regel "Ähnliches heilt Ähnliches" mit der Homöopathie in Verbindung gebracht. Das aber ist ein grobes Missverständnis.
Das Vakzin, der Impfstoff, der verabreicht wird, wirkt selbst nicht schützend. Es löst vielmehr eine Immunreaktion im Körper aus, es veranlasst diesen, Antikörper gegen die potenzielle Erkrankung zu bilden. Wohlgemerkt: Antikörper, also klassische Gegenmittel. Nicht das Simile, das Ähnliche in der Impfgabe selbst, wirkt, sondern die als Impfreaktion gebildeten Antikörper. Der richtig betrachtete Impfmechanismus ist deshalb kein Zeuge für die Homöopathie - ganz im Gegenteil.

Kurzer historischer Exkurs

Gelegentlich weisen Homöopathen auch auf Hahnemanns Erwähnung der Jennerschen Pockenimpfung im Organon hin. Aus dieser Erwähnung den Schluss zu ziehen, Hahnemann sei dem Gedanken einer Immunisierung nähergetreten, ist aber verfehlt. Hahnemann waren die frühen Versuche, mit Kuhpockensekret zu impfen, durchaus bekannt. Er erwähnt Jenner und seine Erfolge in der Tat, spricht sogar davon, dass beim mit Kuhpockensekret Geimpften der "Anhauch" der Krankheit unwirksam bleibe. Er erkennt aber nicht den darin enthaltenen vielversprechenden Ansatz, ja, geht erstaunlicherweise ohne eine Wertung über Jenners Ergebnisse hinweg. Er verfolgt im Zusammenhang mit der Erwähnung von Jenners Methode ein ganz anderes Anliegen, nämlich die Begründung seiner Ähnlichkeitsregel mit "Heilung durch Krankheit". Gemeint ist die angebliche Heilung oder Linderung von Symptomen, die der ausgebrochenen Krankheit ähnlich sind, aber schon vorher da waren – ein scheinbarer Beweis des Simileprinzips.
Statt Jenners Erfolge aufzunehmen und weiterzudenken, begann er mit den Arzneimittelprüfungen am Menschen, alle möglichen und unmöglichen Stoffe durchzuprobieren – was sonst, da er ja den Gedanken, es gebe Krankheiten "als solche", nicht anzunehmen bereit war.

Aber entspricht nicht das Immunsystem Hahnemanns "geistartiger Lebenskraft"?

Ein klares Nein. Das Immunsystem ist nichts "Geistartiges", sondern ganz handfest materiell und interagiert - auch bei der Impfung - auf materieller Basis. Es ist eine sehr komplexe Teilfunktion des physischen Körpers, die keineswegs die Eigenschaften hat, die Hahnemann in seiner Vorstellung dem "Princip der geistigen Lebenskraft" zuschrieb:

„Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig; nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebensprincip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.“ (§ 10 Organon)

Nein – Homöopathie und Impfung gehören nicht zusammen

Hahnemann und die Homöopathen können weder die "Erfindung" der Impfung für sich reklamieren, noch hält die Behauptung, es könne homöopathisch "geimpft" werden, auch nur den eigenen Grundsätzen der Hahnemannschen Methode stand. Die Tatsache, dass die Homöopathie ohnehin außerhalb des Placeboeffekts keine spezifische Wirkung hat, brauchen wir für diese Beweisführung nicht einmal zu bemühen – der Beweis ergibt sich logisch aus den Grundannahmen der Homöopathie selbst.

Zum Schluss eine Bitte und auch eine Warnung: Oft raten Homöopathen vom Impfen ab oder empfehlen ihre eigenen "Impfungen". Beim homöopathischen "Impfen" kriegen Sie und Ihr Kind jedoch buchstäblich nichts – nur die üblichen wirkungslosen Globuli zur Einnahme. Ein irgendwie gearteter Schutz, eine Immunisierung, ist damit nicht verbunden! Die "homöopathische Impfung" ist eine aberwitzige Verbindung einer ohnehin unwirksamen Methode - der Homöopathie - mit völlig missverstandener Immunologie. Garantiert unwirksam. 

Bitte gehen Sie zum Impfen nach den Empfehlungen der ständigen Impfkommission! Wenn Sie unsicher sind, zeigen Sie die Impfpässe Ihrer Familie Ihrem Haus- oder Kinderarzt. Dort stellt man schnell fest, ob eine Lücke zu schließen ist.

 

 

Autoren: Dr. med. Natalie Grams und Udo Endruscheit

 

Bildnachweis: dreamstime_20383664

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Kommentare  

# Stefan 2016-11-07 21:03
Mir fehlt da was ganz Wichtiges, ein ganz grundlegender Unterschied: Ein Grundsatz der Homöopathie ist, dass etwas umso stärker wirkt, je stärker es verdünnt wird. Eine Impfung hingegen wirkt wie jeder Wirkstoff. Umso mehr drin ist, umso mehr Antikörper werden gebildet. Wenn ich den Impfstoff verdünne bis nichts mehr drinnen ist, wirkt er auch nicht mehr.

In diesem Beitrag hier wird der Fehler gemacht, dass von einer gewissen Vergleichbarkeit der Prinzipien ausgegangen wird. Es gibt aber nicht den Ansatz einer Ähnlichkeit aus genanntem Grund. Der Impfstoff ist verdünnt... klar... alles verdünnt man in der Medizin, um zur gewünschten Dosis zu kommen. Es ist aber mit Nichten so, dass "durch" die Verdünnung die Wirkung "entsteht". Die Wirkung wird viel mehr "eingestellt". Die Homöopathie glaubt durch die Verdünnung erst die Wirkung zu erzielen.

Ich finde das sollte berücksichtigt werden.

Grüße
Stefan
# Udo Endruscheit 2016-11-18 02:21
Natürlich spielt auch hier -wie bei allen anderen homöopathischen Anwendungen- das Prinzip der Potenzierung mit hinein. Deren Prinzip und Fehlschluss ist hier in vielen Artikeln angesprochen und erläutert.

Der vorliegende Artikel will aber die spezifischen Irrtümer, die besonderen Kritikpunkte gerade in Bezug auf die "homöopathische Impfung" herausarbeiten. Dazu gehört insbesondere der Aspekt, dass eine homöopathische Impfung gegen die eigenen Grundprinzipien der Methode steht, die eine prophylaktische Maßnahme auf homöopathischer Basis per se ausschließt. Die Widersprüchlichkeit im Kontext der eigenen Methode ist immer die beste Form der Widerlegung.

Bei der "Nosodenimpfung" -die ja hier auch am Rande erwähnt wurde- werden natürlich auch die Prinzipien der Potenzierung angewandt. In diesem Zusammenhang sei als groteskes Detail erwähnt, dass die Hersteller die Ungefährlichkeit ihrer Nosodenpräparate betonen, indem sie darauf hinweisen, dass „dank der homöopathischen Aufbereitung bereits in Tiefpotenz von C6 das Vorkommen eines einzigen Erregers in der Nosode unwahrscheinlich ist, so dass der Erreger sich unter keinem denkbaren Umstand mehr reproduzieren könnte“ (Paracelsus-Magazin, 03/2009). Zudem sei durch die Sterilisierung (sic!) bei der Herstellung die Erkrankungsgefahr ausgeschlossen. Womit klar ist: Auch hier geht es nicht um eine physiologische, sondern wieder einmal um die „geistartige“ Wirkung. Nach dem Motto: Keine Angst, wir garantieren für die völlige Wirkungslosigkeit!
Danke für den Kommentar!

Für das INH
Udo

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