Das Informationsnetzwerk Homöopathie hat vor kurzem die Frage erreicht, weshalb in den Veröffentlichungen des INH keine Auseinandersetzung mit der Forschung zu ultrahohen Verdünnungen, der sogenannten high dilution research, zu finden sei. 

Worum geht es genau?
Um die Forschung zu Verdünnungen oberhalb der Avogadro-Grenze, nach der statistisch kein Molekül des Ausgangsstoffes mehr in der homöopathischen Lösung enthalten ist, mit dem Ziel, irgendeinen naturwissenschaftlich begründbaren Anhaltspunkt für die Wirkungsweise homöopathischer Hoch- und Höchstpotenzen zu finden. Wir erinnern uns an das Thema Wassergedächtnis und verwandte vergebliche Bemühungen.

Der Anfrager wies darauf hin, dass die Quellenlage zur high dilution research durchaus umfangreich sei und Anlass für eine interdisziplinäre Beurteilung (also auch durch homöopathiefremde Fachleute) gebe. Das Fehlen einer Auseinandersetzung damit beim INH sieht er als defizitär an.

Die Stellungnahme von Dr. Aust in seinem Blog "Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie" zeigt einen der wichtigsten Aspekte für die Beurteilung der "homöopathischen Grundlagenforschung" auf, zu der die high dilution research zweifellos gehört: Den fehlenden Bedeutungszusammenhang solcher Forschungen (und ihrer Ergebnisse) für die Grundfrage der Richtigkeit des homöopathischen Gedankengebäudes und vor allem des Nachweises einer spezifischen Wirksamkeit.

Welche in der "Hierarchie" der homöpathischen Lehre weitaus früher (als das Problem der Hochpotenzen) auftretenden Fragen kann denn die Forschung an ultrahohen Verdünnungen überhaupt beantworten? Dr. Aust führt -ohne Anspruch auf Vollständigkeit- hierzu an:

  1. Worin besteht die Heilkraft / das Agens, das beim Patienten wirksam werden soll? Ein identifizierbarer Wirkstoff ist es nicht, denn schon ab recht niedrigen Potenzen ist das Lösungsmittel von der Lösung nicht mehr unterscheidbar.
  2. Wie wird der richtige Grundstoff dafür aus dem Einsatzmittel selektiert? Beispiel: In der Homöopathie verwendet man die ganze Biene („Apis mellifica“), die aus tausenden verschiedenen Stoffen besteht. Wie wird der Richtige daraus selektiert?
  3. Warum werden die unvermeidlichen Verunreinigungen des Lösungsmittels nicht potenziert?
  4. Was wird potenziert, wenn der Urstoff nicht mehr vorhanden ist?
  5. Wie wird die zu potenzierende Eigenschaft selektiert? Beispiel: Warum wird nicht die Giftwirkung von Arsen durch das Potenzieren verstärkt, sondern nur die heilende Wirkung?
  6. Wie wird die Wirkung der Heilkraft durch Schütteln auf die zehn- oder hundertfache Menge übertragen?
  7. Wie wird die Wirksamkeit dabei verstärkt? Warum merkt man im normalen Leben hingegen nichts von der verstärkenden Wirkung des Schüttelns? Was ist der Unterschied, ob ich ein homöopathisches Präparat schüttele oder meinen Kaffee?
  8. Wie wird diese verstärkte Heilkraft auf dem Zucker gespeichert, nachdem die Lösung verdunstet ist? 
  9. Wie wird die Heilkraft vom Zucker gelöst und im menschlichen Körper transportiert?
  10. Wie wird die Stelle identifiziert, an denen die Heilkraft ihre Wirkung entfalten soll, was nach homöopathischer Auffassung sehr spezifisch ist und von sehr vielen Faktoren außerhalb der Zelle bestimmt wird, etwa davon, was der Proband / Patient nachts träumt.
  11. Wie unterscheidet die Heilkraft, ob sie durch einen Gesunden oder durch einen Kranken eingenommen wurde? Im ersten Fall müsste sie Prüfsymptome erzeugen, im zweiten nicht, denn das wären dann unerwünschte Nebenwirkungen, die in der Homöopathie ja nicht auftreten.
  12. Wie unterscheidet die Heilkraft, ob sich die vorgefundene Zelle in der richtigen Region des Körpers befindet, also auf der rechten oder linken Seite zum Beispiel?
  13. Wie unterscheidet die Heilkraft gesunde von kranken Zellen? Wenn die Zelle gesund ist, muss die Heilkraft an dieser Stelle die spezifischen Symptome erzeugen, die sie heilen kann, wenn die Zelle krank ist. Dies aber auch nur dann, wenn der Patient gesund ist, und nicht anderweitig krank (s. oben). Eine kranke Zelle muss sie hingegen heilen.
  14. Wieso ist nach homöopathischer Auffassung weniger Wirkstoff in den Präparaten wirksamer, allerdings darf man von Hochpotenzen nicht zu viele nehmen, weil die Wirkung sonst zu stark wird? Welche Dosis-Wirkungs-Beziehung gilt denn nun?

Kann fortgesetzt werden.

Es ist schlicht nicht erkennbar, welchen Beitrag die high dilution research zur wissenschaftlichen Beantwortung dieser Fragen liefern soll. Daher zieht Dr. Aust in seiner Antwort auch die Konsequenz:

Das Erforschen extremer Verdünnungen, also über den Punkt hinaus, an dem vom Ursprungsstoff noch etwas vorhanden ist, ist sehr weit weg vom behaupteten Phänomen und der angeblich erheblichen klinischen Wirksamkeit der Homöopathie. Es müsste erst die Brücke aufgebaut werden, dass die Differenzen, die da gefunden worden sind, Bestand haben und irgendeinen Bezug zur Wirkung der Homöopathie hätten.

Insofern hat der Forschungszweig der high dilution research für die Homöopathiekritik keine Bedeutung. Einmal mehr wird der Blick von der unbeantworteten Grundfrage -der nach dem Nachweis einer spezifischen Arzneimittelwirkung der Homöopathie- auf ein vor einer Beantwortung dieser Grundfrage gar nicht relevantes Problem -die wissenschaftliche Begründung der Wirkungsweise von Hochpotenzen- abgelenkt. 

 

 

Text: Udo Endruscheit

Bildnachweis: Department Chemie und Pharmazie, FAU Erlangen-Nürnberg

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Kommentare  

# Martin Schäfer 2017-12-23 00:01
Punkt 14 verstehe ich leider nicht. Weniger Wirkstoff ist wirksamer. Hochpotenzen enthalten doch weniger Wirkstoff. Daher die angenommene Gefahr der Überdosierung bei Hochpotenzen. Wo ist mein Denk- bzw Verständnisfehler?
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# NorbertAust 2017-12-26 11:51
Wenn die Wirksamkeit zunimmt, wenn die Menge des Wirkstoffes abnimmt, dann müsste die Wirkung abnehmen, wenn man eine höhere Menge einnimmt. Eine Warnung, wie man sie öfters liest, "Hochpotenzen sind vorsichtig anzuwenden" ist dann sinnlos.
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