Wassertropfen

Dynamisierung durch Potenzierung ist keine Verdünnung? Ein weiterer Widerspruch der Homöopathie.

Zu den Grundlagen abseits der Homöopathie 

Wenn wir verdünnen, verändern wir, technisch gesehen, das Verhältnis von Substanzen in einem Gemisch, einer Lösung. Durch die Zugabe des Lösungsmittels sinkt die Konzentration der in der Lösung gelösten Stoffe.

Zuviel Salz >>> Wasser dazu >>> weniger Salz. Besser wäre wohl, zu sagen: mehr Wasser, deshalb geringere Salzkonzentration in der Gesamtmenge.

Das kann man mehrfach wiederholen. Anfangs wird man noch den Effekt feststellen, dass die Lösung weniger salzig schmeckt. Irgendwann ist es aber damit vorbei: Die Konzentration sinkt so weit, dass unsere Sensoren nicht mehr ansprechen. Die Geschmacksschwelle von Kochsalz liegt bei etwa 10 mmol/Liter, also etwas weniger als ein Gramm Kochsalz/Liter. Das Phänomen bestätigt die obige Einschätzung, dass etwas in genügender (!) Menge vorhanden sein muss, damit etwas passiert.

erzaehlmirnix 03Zurück zur Technik des Verdünnens. Es gibt zwei Wege, um die Stoffkonzentration zu vermindern. Den ersten habe ich schon angesprochen: Man erhöht einfach die Menge des Lösungsmittels, um eine geringere Konzentration, als die in der ursprünglichen Lösung zu erhalten. Das aber kann sehr schnell zu Mengenproblemen führen, wenn man sehr geringe Konzentrationen haben möchte. Wenn Sie beispielweise 1 Liter einer Ausgangslösung haben, in der 100 g eines Stoffes gelöst sind und Sie benötigen eine Stoffkonzentration von 0,1g/Liter, dann brauchen Sie schon 1.000 Liter Lösungsmittel. Wollen Sie 0,01 g/Liter, wären es schon 10.000 Liter. Solche Mengen sind umständlich zu händeln, vor allem, wenn das Ganze im heimischen Labor stattfindet.

Einfacher gehts, wenn man der Ursprungslösung eine Teilmenge entnimmt und diese Teilmenge dann wieder mit reinem Lösungsmittel ergänzt. Dann von dieser Lösung wieder eine Teilmenge entnimmt, wieder ergänzt, wieder entnimmt, wieder ergänzt usw. Dann bleibts, wie bei obigem Beispiel, bei 1 Liter Lösung (und einem zu entsorgenden Rest). So machen es auch die Homöopathen.

Um auf das oben genannte Rechenbeispiel zurückzukommen: Wenn wir der Ursprungslösung jeweils eine Teilmenge von 10 % entnehmen und das fehlende Volumen wieder ergänzen, kommen wir nach vier Wiederholung auch zu der Konzentration von rund 0,01 g/Liter, haben aber deutlich weniger Lösungsmittel verbraucht. Aber wie man es auch technisch abwickelt, das Ergebnis bleibt letztlich gleich. Wenn man nun über die Prozedur ein wenig nachdenkt, stellt sich ziemlich sicher die spannende Frage, was wohl passiert, wenn man weiter und weiter verdünnt? Wie oft kann man eigentlich verdünnen? Gibt es vielleicht eine Grenze, bei der nichts mehr da ist, was man verdünnen könnte?

Kurze Anmerkung: Die Frage ist tatsächlich spannend, weil wir davon ausgehen müssen, dass der Gründervater der Homöopathie aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Überzeugung lebte, dass Verdünnungen keine natürlichen Grenzen haben. Damit erklärt sich dann vieles. Um die Frage zu beantworten, müssen wir einen kurzen Ausflug in die Chemie und Physik wagen.

 

Die Avogadro-Konstante und die Homöopathie

Das im 19. und frühen 20. Jahrhundert sich stürmisch entwickelnde Wissen um die Natur und die Eigenschaften der Materie, ließ deren atomistische Struktur erkennen. Im Rahmen dieser Erkenntnisse entstand auch die bedeutsame Einsicht, dass in einer bestimmten Stoffmenge immer nur eine bestimmte Teilchenzahl vorhanden ist. Und genau diese Erkenntnis wiederum führte zur Einführung einer eigens definierten physikalische Größe, der Maßeinheit Mol. Diese besagt, dass in 1 Mol eine durch die Avogadro-Konstante bestimmte, immer gleiche Teilchenzahl vorhanden ist, nämlich (gerundet) 6,022 x 10 hoch 23. Ein Mol eines Stoffes enthält also ca. 602 Trilliarden Teilchen dieses Stoffes. Die Zahl müssen wir uns merken.

Da die Einheit Mol sich auf die Teilchenmenge bezieht, Atome aber unterschiedlich viel wiegen, lässt sich anhand der Atommasse das Gewicht 1 Mols eines Stoffes ermitteln. Die Atom- oder Molekülmasse "u" findet man im Periodensystem. Es ist die 1-3-stellige Dezimalzahl, meist mit zwei Nachkommastellen, die zu jedem Element angegeben ist.

Da der Umrechnungsfaktor von "u" zu "g" (Gramm) praktischerweise gleich 6,022 * 1.023 ist, entspricht die molare Masse in Gramm der Atommasse in "u".

Wendet man die Formel an, lässt sich errechnen, dass z.B. 1 Mol Wasser 18 Gramm wiegt.

(Ein Wassermolekül besteht aus 2 Wasserstoff-Atomen mit der Atommasse 1, und einen Sauerstoff-Atom mit der Atommasse 16, also 1+1+16 = 18 = Atommasse "u" = molare Masse in Gramm.)

Ein weiteres Beispiel: 1 Mol Kochsalz wiegt 58,5 g.

(Kochsalz besteht aus 1 Natrium-Atom mit der Atommasse ≈ 23, sowie einem Chlor-Atom mit der Atommasse ≈ 35,5, also 23 + 35,5 = 58,5 = Atommasse "u" = molare Masse in Gramm)

Kommen wir jetzt auf die Verdünnung zurück.

Lassen Sie uns aus Gründen der Praktikabilität davon ausgehen, dass unsere Urlösung eine 1-molare Kochsalz-Lösung ist. In 1 Liter Wasser sind demnach 58,5 Gramm Kochsalz vorhanden, oder, als Teilchen angegeben, 602.200.000.000.000.000.000.000 Atome Natrium und Chlor.

Lassen Sie uns weiter davon ausgehen, dass wir jeweils mit dem Faktor 10 verdünnen. D.h. wir können, ohne dass wir großartig rechnen müßten, bei jedem Verdünnungsschritt von der Zahl 602 200 000 000 000 000 000 000 die jeweils letzte Ziffer streichen.

Unsere Urlösung enthält 602.200.000.000.000.000.000.000 Teilchen

Die Teilchenzahl beträgt nach dem

1.  Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 000 000 000 00
2.  Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 000 000 000 0
3.  Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 000 000 000
4.  Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 000 000 00
5.  Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 000 000 0
6.  Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 000 000
7.  Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 000 00
8.  Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 000 0
9.  Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 000
10. Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 00
11. Verdünnungsschritt = 602 200 000 000 0
12. Verdünnungsschritt = 602 200 000 000
13. Verdünnungsschritt = 602 200 000 00
14. Verdünnungsschritt = 602 200 000 0
15. Verdünnungsschritt = 602 200 000
16. Verdünnungsschritt = 602 200 00
17. Verdünnungsschritt = 602 200 0
18. Verdünnungsschritt = 602 200
19. Verdünnungsschritt = 602 20
20. Verdünnungsschritt = 602 2
21. Verdünnungsschritt = 602
22. Verdünnungsschritt = 60
23. Verdünnungsschritt = 6

Mit dem 24. Verdünnungsschritt erreichen wir eine Konzentration zwischen 0-6 Teilchen, je nachdem wie viele Teilchen wir erwischen. Möglicherweise entgeht das ein oder andere Teilchen noch der Verdünnung, genauso könnten aber zu diesem Zeitpunkt schon alle Teilchen verschwunden sein. Statistisch gesehen können wir aber davon ausgehen, dass die Lösung ab diesem Verdünnungsschritt "sauber" ist, was letztlich bedeutet, dass wir, würden wir nun weiter verdünnen, nur noch Lösungsmittel mit Lösungsmittel "verdünnen".

Was bedeutet das nun für die Homöopathie?

Homöopathen verdünnen (sie nennen es nur anders) üblicherweise mit dem Faktor 10 bei den D-Potenzen und dem Faktor 100 bei den C-Potenzen; wobei es auch noch größere Verdünnungsfaktoren gibt, die aber eine eher untergeordnete Bedeutung haben. Um sich den Effekt der Verdünnung (oder des Potenzierens) noch einmal zu verdeutlichen, ist es sinnvoll, anstatt der Teilchenzahlen mal die Entwicklung der Konzentration anhand des Gewichtes darzustellen.

Die Urlösung enthält 58,5 Gramm Kochsalz/Liter

Es verbleiben nach dem

1.  Verdünnungsschritt: 5,85 Gramm (D1)
2.  Verdünnungsschritt: 0,585 Gramm (D2)
3.  Verdünnungsschritt: 0,0585 Gramm (D3)
4.  Verdünnungsschritt: 0,00585 Gramm (D4)
5.  Verdünnungsschritt: 0,000585 Gramm (D5)
6.  Verdünnungsschritt: 0,0000585 Gramm (D6)
7.  Verdünnungsschritt: 0,00000585 Gramm (D7)
8.  Verdünnungsschritt: 0,000000585 Gramm (D8)
9.  Verdünnungsschritt: 0,0000000585 Gramm (D9)
10. Verdünnungsschritt: 0,00000000585 Gramm (D10)
11. Verdünnungsschritt: 0,000000000585 Gramm (D11)
12. Verdünnungsschritt: 0,0000000000585 Gramm (D12)
13. Verdünnungsschritt: 0,00000000000585 Gramm (D13)
14. Verdünnungsschritt: 0,000000000000585 Gramm (D14)
15. Verdünnungsschritt: 0,0000000000000585 Gramm (D15)
16. Verdünnungsschritt: 0,00000000000000585 Gramm (D16)
17. Verdünnungsschritt: 0,000000000000000585 Gramm (D17)
18. Verdünnungsschritt: 0,0000000000000000585 Gramm (D18)
19. Verdünnungsschritt: 0,00000000000000000585 Gramm (D19)
20. Verdünnungsschritt: 0,000000000000000000585 Gramm (D20)
21. Verdünnungsschritt: 0,0000000000000000000585 Gramm (D21)
22. Verdünnungsschritt: 0,00000000000000000000585 Gramm (D22)
23. Verdünnungsschritt: 0,000000000000000000000585 Gramm (D23)

Da das Gewicht eines einzelnen Natrium-Atoms bei 0,0000000000000000000000382 Gramm und das eines einzelnen Chlor-Atoms bei 0,0000000000000000000000594 Gramm liegt, entspricht die Konzentration in der 23. Verdünnungstufe den 6 Teilchen, die wir schon als Rest aus den ersten Verdünnungstabellen kennen. (Rundungsdifferenzen ignorieren wir).

Das solls aber auch fast gewesen sein mit der Rechnerei. Aber nur fast. Wir müssen noch einige Kleinigkeiten ansprechen, die jedoch, mit Blick auf die homöopathischen Arzneien (schließlich gehts ja um diese), wesentliche Bedeutung haben. Sämtliche angestellten Berechnungen sind so eindeutig natürlich nur dann möglich, wenn wir es mit Reinsubstanzen zu tun haben und das Lösungsmittel völlig "sauber" ist, also selbst keine Fremdstoffe enthält. Nun ist das keineswegs so - in vielen Fällen haben wir es eben nicht mit reinen Substanzen, sondern mit Stoffgemischen zu tun, in denen eine Vielzahl chemischer Verbindungen zu finden sind.

- Buntes Durcheinander

Praktisch jedes Lebewesen, ob Pflanze oder Tier, ist so ein Stoffgemisch. Wir finden bei Lebewesen rund 40 der 90 Elemente, die in der Erdkruste vorhanden sind. Die sechs Elemente Kohlenstoff (C), Sauerstoff (O), Wasserstoff (H), Stickstoff (N), Schwefel (S), und Phosphor(P) bilden zusammen über 90 % der lebenden Materie. Diese Elemente sind die Baustoffe von Biomolekülen, aber auch Bestandteile anorganischer Gerüstsubstanzen und natürlich von Wasser, das als Milieu der Lebensvorgänge benötigt wird. Dazu addieren sich in der Körpersubstanz Calcium (C), Kalium (K), Natrium (Na), Chlor (Cl), Magnesium (Mg) und Eisen (Fe). Zusammen machen diese 12 Elemente etwa 99,9% der Biomasse aus. In der jetzt noch fehlenden Menge von 0,1% repräsentieren sich u.a. die sogenannten Spurenelemente. Hier findet sich in geringsten Mengen ein buntes Gemisch von Elementen, z.B. Jod, Brom, Nickel, Zinn, Zink, Selen, Molybdän, Mangan etc. Beispielsweise findet man Zinn im menschlichen Organismus in einer Konzentration von 0,00021 Gramm/kg, also etwa in einer Größenordnung der homöopathischen Potenz D5.

Die Schlussfolgerung daraus: Gerade bei der Verwendung von Tieren oder Pflanzen als homöopathische Arzneistoffe liegt ein Stoffgemisch mit erheblich unterschiedlichen Konzentrationen vor. Regelmäßig enthalten schon die homöopathischen Ursubstanzen einzelne Stoffe nur noch in Konzentrationen, die einer D4 bis D6 entsprechen. Das heißt, diese Stoffe sind im Rahmen der Verdünnung schon deutlich eher aus den höheren Potenzen verschwunden als der Rest.

Genau zu bestimmen, was beispielsweise in einer Potenz D12 von Apis (Honigbiene) vorhanden ist, ist so gut wie unmöglich.

- Schmuddeliges Lösungsmittel

Kommen wir zum zweiten Problem, dem Lösungsmittel. Lösungsmittel in der Homöopathie sind üblicherweise Wasser, bei der Herstellung der Ursubstanzen oft auch Alkohol - z.B. für Auszüge aus Pflanzen. Die Potenzreihen werden jedoch in den allermeisten Fällen mit Wasser hergestellt. Normales Leitungswasser, das in Deutschland meist eine recht hohe Qualität hat, enthält eine nicht unerhebliche Zahl von Fremdstoffen. Meist sind es gelöste Mineralstoffe. Berliner Trinkwasser z.B. enthält u.a. Calcium 98mg/Liter, Eisen < 0,03 mg/Liter, Kalium 4,52mg/Liter, Magnesium 9,54 mg/Liter, Natrium 30,56 mg/Liter, Chlorid 47,67 mg/Liter.

Würden homöopathische Arzneien mit diesem Wasser hergestellt, würde bei jeder Potenzstufe immer wieder diese Menge an Inhaltsstoffen in die Lösung zurückgegeben.

Stellen wir uns das mal bei der homöopathischen Arznei "Natrium muriaticum" (Kochsalz) vor: Der Natriumgehalt des Lösungsmittels liegt rechnerisch etwa bei einer Potenz D3, wenn wir von einer 1-molaren Urlösung ausgehen. D. h. bei jeder Potenzstufe wird aus der Potenz 5,6 oder 15 oder meinethalben 19, durch die Zugabe des Lösungsmittels wieder eine D3 oder eine D4. Das ist schon deswegen interessant, weil ja ein Lehrsatz der Homöopathen besagt, dass eine Wirkungsverstärkung durch die Zahl der Potenzierungen erreicht wird. Wie also unter Berücksichtigung dieses Aspekts der Potenzierung die homöopathischen Potenzen tatsächlich zu bewerten sind, ist eine der vielen ungeklärten Fragen der Homöopathie, der Homöopathen gerne aus dem Weg gehen.

Selbst wenn man unterstellt, dass homöopathische Arzneimittelhersteller für die Potenzierung nur chemisch reinstes Wasser nutzen, bleibt diese Frage zu beantworten, weil auch chemisch reinstes Wasser diverse Fremdstoffe in geringsten Mengen (ppm) enthält. Weiterhin muss damit gerechnet werden, dass während des Potenzierungsprozesses ständig Fremdstoffe eingetragen werden. Insgesamt stellt sich also bei jeder homöopathischen Potenz die Frage, was und wieviel diese enthält - und ob sie überhaupt noch etwas enthält. Bei Potenzen höher als D12 lassen sich diese Fragen nicht mehr (oder nur mit größtem technischen Aufwand) beantworten.

Üblicherweise kann man davon ausgehen, dass, nur mal als Beispiel, eine angebliche Potenz D20 eines Stoffs gleichzeitig eine D12 von irgend etwas anderem, eine D6 eines drittem Stoffs, eine D4 eines weiteren Stoffs und eine D16 von etwas noch anderem ist - wobei, gerade bei Arzneigrundstoffen, die nicht reine Elemente oder isolierte chemische Verbindungen sind, sondern von Pflanzen oder Tieren stammen, davon ausgegangen werden muss, dass eben wenigstens die 40 Elemente vertreten sind, die, wie oben schon beschrieben, in sämtlichen Lebewesen in mehr oder minder großen Konzentrationen zu finden sind.

Was die ganze Angelegenheit noch spannender macht: Unter diesen ganzen chemischen Verbindungen, die so in Lebewesen vorkommen, sind einige in isolierter Form wiederum homöopathische Ursubstanzen. Dabei haben wir noch gar nicht darüber geredet, was sich an Unkalkulierbarem z.B. auf und in einer Honigbiene (Apis) befindet, wenn das arme Vieh mit Milchzucker vermahlen wird.

Fassen wir kurz zusammen:

  • Niemand weiß genau, was sich in homöopathischen Arzneien befindet.
  • Niemand weiß genau, wie viel sich von allen möglichen Stoffen in einer homöopathischen Arznei befindet.
  • Die Potenzangabe lässt keine genauen Aussagen zur Konzentration der Inhaltsstoffe zu. Sie beschreibt nur, wie oft der Verdünnungsvorgang durchgeführt wurde, nicht jedoch das Resultat.
  • Die Potenzangabe auf einem Arzneifläschchen ist grob unvollständig. Mindestens bei allen Arzneien pflanzlicher oder tierischer Herkunft müssten auch
  • Potenzangaben von solchen chemischen Verbindungen angegeben werden, die als eigenständige homöopathische Grundstoffe im Ausgangsstoff zu finden sind.

Das soll es nun aber wirklich mit der Chemie gewesen sein, ab jetzt wirds magisch.

 

Die homöopathischen Hochpotenzen - Zauberei mit Zucker

Bis hierhin hatten wir es ja nur mit nachvollziehbaren Sachverhalten zu tun: Zum einen haben wir gesehen, dass es Materie braucht, damit etwas geschieht, zum anderen haben wir gesehen, dass das Verfahren der Potenzierung - nüchtern betrachtet - simples Verdünnen ist, das über kurz oder lang mit Sicherheit dazu führt, dass ein ehemalig vorhandener Wirkstoff verschwindet. Wenn wir uns nun das Gesamtangebot homöopathischer Arzneien anschauen, können wir aber feststellen, dass regelmäßig Potenzen jenseits D23 oder C12 verwendet werden. Nun wissen wir jedoch, dass dann, wenn diese Potenzen überschritten werden, in den nachfolgenden Potenzen mit höchster Wahrscheinlichkeit der Ausgangsstoff nicht mehr vorhanden ist.

(Gut, eigentlich wissen wir es aus den weiter oben beschriebenen Gründen nicht so genau, weil möglicherweise auch der Ausgangsstoff über das Lösungsmittel wieder eingetragen wird. Nur geht es ja hier um die Aussagen der Homöopathie und eben nicht um die Dinge, die sie ignorieren.)

Jedenfalls lassen sich Homöopathen durch kein noch so gutes Argument daran hindern, nach D23 oder C12 fröhlich weiter zu verdünnen. Für Normalmenschen beginnt aber spätestens, allerspätestens, hier Unsinn in Reinkultur.

Wenn man nun einen Homöopathen fragt, warum die Homöopathen das trotz allem machen, bekommt man eine einfache Antwort: Weil Hahnemann es so gesagt hat!

Schauen wir deshalb mal nach, was Hahnemann denn so gesagt hat, vor allem aber sollten wir uns überlegen, warum er es gesagt hat - und damit wollen wir beginnen: Samuel Hahnemann stand bekanntermaßen vor dem Problem, Heilungsprozesse erklären zu müssen, die er als Folge seiner (immer stärker verdünnten) Präparate meinte feststellen zu können.

Dummerweise, das wissen wir heute, kam er nicht auf den Gedanken, dass diese Heilungsprozesse auch andere Ursachen haben könnten als seine verdünnten Arzneien; beispielsweise natürliche Heilungsverläufe. Genauso ignorierte er, dass der durch das Wegverdünnen erreichte Verzicht auf die oftmals giftigen "Arzneien" seiner Zeit, die Chancen des Patienten deutlich erhöhten, eine Krankheit zu überleben. Eine Krankheit, die ihn wohl ohnehin nicht umgebracht hätte, wären da nicht die grotesken "Arzneien" (und andere ärztliche Maßnahmen) gewesen, die man ihm verabreichte.

Nach der Überlieferung verwendete der große Meister ca. 60 "Arzneistoffe", von denen ein erheblicher Teil zumindest gesundheitsschädlich (+), z.Tl. auch giftig (++) bis hochgiftig (+++) ist.

Da findet sich u.a. (die Liste ist nicht vollständig):

– Aconitum nappelus (Blauer Eisenhut) (+++)
– Agaricus muscarius (Fliegenpilz) (++)
– Argentum (Silber) (+)
– Cocculus (Kockelskörner) (++) – (+++)
– Conium maculatum ( Gefleckter Schierling) (+++)
– Arsenicum (Arsen) (+++)
– Digitalis (Fingerhut) (++) – (+++)
– Hyoscyamus (Bilsenkraut) (+++)
– Ignatia (Ignatiusbohne) (++) – (+++)
– Mercurius (Quecksilber) (+++)
– Nitri acidum (Salpetersäure) (+)
– Nux vomica (Brechnuss) (+++)
– Rhus toxicodendron (Giftsumach) (++) – (+++)
– Squille (weiße Meerzwiebel) (+++)
– Staphisagria (Stephanskraut) (++)
– Stramonium (Stechapfel) (+++)
– Sulphuricum acidum (Schwefelsäure) (+)

Ob Hahnemann sich nicht vorstellen konnte oder wollte, dass seine "Arzneien" durch das Potenzieren einfach nur wirkungslos wurden, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Fakt ist aber, dass er hinsichtlich seines Potenzierungsverfahrens unter erheblichem Rechtfertigungsdruck stand - weil schon zu seiner Zeit dessen Absurdität und die Unvereinbarkeit mit Alltagserfahrungen deutlich wurde. Was macht nun Hahnemann, nicht nur Starrkopf, sondern auch phantasievoller Erfinder und geübt in der Neuinterpretation vorwissenschaftlicher Vorstellungen? Genau das, was er schon einmal mit dem Simile-Prinzip gemacht hat - er nimmt die frühere metaphysische Vorstellung von den geistartigen Kräften in der Materie auf und verbastelt sie in seiner Theorie.

Damit das funktioniert, muss der Geist aber mechanistisch werden, quantifizierbar, und mit wenn auch magischem Ritus, hervorrufbar. Außerdem muss die geistartige Kraft, die bislang untrennbar mit der Materie verbunden ist, plötzlich losgelöst sein, eigenständig, übertragbar auf andere Materialien und letztlich auf den Menschen. Der magische Ritus ist das systematische Stoßen des Mischgefäßes auf das in Leder eingebundene Buch, um die geistartigen Kräfte freizusetzen.

Wir lesen in § 269 des Organons:

"Die homöopathische Heilkunst entwickelt zu ihrem besondern Behufe die innern, geistartigen Arzneikräfte der rohen Substanzen, mittels einer ihr eigenthümlichen, bis zu meiner Zeit unversuchten Behandlung, zu einem, früher unerhörten Grade, wodurch sie sämmtlich erst recht sehr, ja unermeßlich - durchdringend wirksam und hülfreich werde ..."

Damit nun keiner auf den Gedanken kommt, diese geistartigen Kräfte messen oder auf andere Art belegen zu wollen, greift Hahnemann zu einem Trick, auf den in der Welt der Homöopathen bis heute noch jeder hereingefallen ist.

In § 20 des Organons erklärt er:

"Diese im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft, Menschenbefinden umzuändern und daher Krankheiten zu heilen, ist an sich auf keine Weise mit bloßer Verstandes-Anstrengung erkennbar; bloß durch ihre Äußerungen beim Einwirken auf das Befinden der Menschen, läßt sie sich in der Erfahrung, und zwar deutlich wahrnehmen."

Das ist der Klassiker der Selbst- und Fremdtäuschung: Das Phänomen, das ich behaupte, kann ich zwar nicht belegen, aber ich erkläre einen beliebigen Effekt als durch das Phänomen verursacht. Und immer, wenn der Effekt auftritt, ist das belegbare Phänomen bewiesen. Das Ergebnis ist fatal: Generationen von Homöopathen spüren nun diesen Erfahrungen nach - und sie machen diese Erfahrungen; diese Heilserfahrungen, von denen Hahnemann spricht. Und sie fühlen sich selbst und den Altmeister in seinen Vorstellungen bestätigt.

Dass diese Ideen die Spätromantiker, also seine Weggefährten und die direkten Nachfolger noch beeindrucken konnte, mag sich historisch aus der seelischen Befindlichkeit dieser Epoche erklären lassen. Bedenklich ist aber, dass die unreflektierte Erfahrung heute wieder fröhliche Urstände feiert – obwohl wir heute über das Wissen verfügen, das Trügerische der subjektiven Erfahrungen zu erkennen.

Letztlich basiert die gesamte Entwicklung unserer Wissenschaften darauf, subjektive Eindrücke mittels Evaluationsmethoden hinsichtlich deren Stichhaltigkeit zu überprüfen und gegebenenfalls als Täuschung zu identifizieren. Wendet man diese Methoden auf die Homöopathie an, versagt sie kläglich.

Und das ist wahrhaftig gut so, denn zum Schluss liefere ich Ihnen, geschätzte Leser, Anlass für ...

... ein wenig Paranoia.

Wir sollten uns nämlich fragen, was wirklich passieren würde, wenn es tatsächlich mit ein paar Stößen auf ein Lederkissen, also mit einem an Banalität kaum noch zu überbietendem Verfahren, gelingen würde, eine "unermessliche" Kraft aus der Materie zu entfesseln?

Nehmen wir die Homöopathen ernst: Was würde passieren, wenn sich mit diesem Ritual die Wirksamkeit einer Substanz vervielfachen lassen würde - so wie es die Homöopathen behaupten, wenn sie sich mit höchster Ehrfurcht einer C1000 nähern?

Bedenken wir dabei, dass homöopathische Arzneien nicht nur im Krankheitsfall wirken, sondern auch bei Gesunden - allerdings dort eben nicht heilsam. Schließlich basieren die homöopathischen Arzneimittelbilder auf der homöopathischen Arzneimittelprüfung an Gesunden und den bei ihnen nach der Einnahme der Arznei vorzufindenden Krankheitssymptomen.

Im § 32 weist Hahnemann eindrücklich auf die universelle Wirkung hin:

"Jede wahre Arznei wirkt nämlich zu jeder Zeit, unter allen Umständen auf jeden lebenden Menschen und erregt in ihm die ihr eigenthümlichen Symptome (selbst deutlich in die Sinne fallend, wenn die Gabe groß genug war), so daß offenbar jeder lebende menschliche Organism jederzeit und durchaus von der Arzneikrankheit behaftet und gleichsam angesteckt werden muß ..."

Sollten Hahnemanns Ideen also richtig sein, wäre die Homöopathie eine der größten Gefahren, mit denen sich die Menschheit je auseinandersetzen musste. Viel größer als jede Atombombe, viel gefährlicher als jeder bekannte Giftstoff, viel radikaler als jeder Killervirus. Und, vor allem, simpel in der Herstellung und ohne jede Chance auf einen Nachweis.

Schauen wir uns doch mal ein passendes Arzneimittelbild an. Mein Repetitorium nennt für Acidum hydrocyancium folgende Symptome: Rapider Kräfteverfall, eiskalte Haut, Cyanose, Praecordialangst, Dyspnoe, epileptiforme Zustände mit tetanoiden Muskelkrämpfen und Aura, Trismus, Apoplexie mit Atemnot und Cyanose, Asthmoider Krampfhusten, arrhythmischer Herzschlag, inaequale Pulsamplituden... Der schwere Kollaps mit Todesgefahr beherrscht das Arzneimittelbild. Was für eine Killerarznei! Einige Globuli in einen See, der der Trinkwassergewinnung dient, ein Tröpfchen einer mörderischen Hochpotenz in ein Weinglas... Das Geschäft der Dunkelmänner würde äußerst einfach werden. Mich wundert wirklich, dass die Anhänger der Homöopathie nicht ständig mit Panikattacken zu kämpfen haben.

Aber vielleicht liegt das daran, dass die Fans der heilsamen Kugel einfach zu wenig Wissen und Verständnis ihrer eigenen Methode haben? Solche Widersprüche müssten sonst doch auffallen - und zum Nachdenken anregen. 

 

 

(Autor: excanwahn)

Foto: Pixabay 165192 PublicDomainPictures

Cartoon "Erzähl mir nix": Nadja Hermann

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Kommentare  

# Cornus 2016-04-06 13:01
Ein sehr schlüssiger Artikel. Und eine amüsante Idee: Globuli als Massenvernichtungsmittel. :-D

Zu diesem Problem:
"Üblicherweise kann man davon ausgehen, dass, nur mal als Beispiel, eine angebliche Potenz D20 eines Stoffs gleichzeitig eine D12 von irgend etwas anderem, eine D6 eines drittem Stoffs, eine D4 eines weiteren Stoffs..."
fällt mir eine "Erklärung" von HP-Dozent Jörg Wichmann ein.

Er schreibt dazu (in "Die andere Wirklichkeit der Homöopathie" Seite 67): "Woher „weiß“ die homöopathische Potenz, auf welchen der vielen Stoffe in dem verriebenen und verschüttelten Gemisch es ankommt?" ...
"Wir müssen den geistigen Sprung wagen und die Wirkungen mit dem Hauptprinzip der Magie erklären: Intention ist (fast) alles! Ein Mittel wird zu dem, was der oder die Herstellende will und sich vorstellt."

Da stellt sich mir die Frage, wie man kontrolliert, was der Herstellende beim Schütteln und Klopfen denkt und will.
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# excanwahn 2016-04-12 15:43
@Cornus

Es ist ohnehin interessant, die ganzen kruden Hypothesen der Homöopathie hinsichtlich der aus ihnen resultierenden Konsequenzen mal in jeglicher Beziehung zuende zu denken, da führt dann die Wirksamkeit ohne stoffliche Beteiligung nicht nur zu einem perfekten Killerwerkzeug, sondern stellt praktisch die gesamte biochemische Organisation lebender Organismen in Frage.

Was ich dem Wichmann, dem Harry Potter der Homöopathie, zugutehalte: Er behauptet zwar auch, dass die Globuli wirken, aber beleidigt wenigsten nicht die Intelligenz seiner naturwissenschaftlich nicht völlig ahnungslosen Leser mit schrägen Erklärungsmodellen, sondern zückt direkt den Zauberstab.

Ergänzende Worte aus seiner Feder: „Also lasst uns einfach sagen: “Ja, Homöopathie ist genau die Magie, die Sie immer darin vermutet haben. Das ist für uns ganz in Ordnung, und mehr noch: Wir sind dazu berechtigt!
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# schrauber2 2016-04-25 23:15
"Und immer, wenn der Effekt auftritt, ist das belegbare Phänomen bewiesen."
"belegbare" durch "behauptete" austauschen?
Das Phänomen ist ja nur behauptet.
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# Jan 2016-05-23 20:51
Guten Tag,

ohne ein Verfechter der Homöopathie zu sein, ich halte viele der Aussagen auf dieser Webseite für genauso wenig wissenschaftlich unterlegt, wie die Aussagen, gegen die sie sich richten.

Der Artikel erläutert zwar ausführlich, wieso die Homöopathie nicht wirken sollte oder kann. Aber von dem hier so in Vordergrund gerückten wissenschaftlichen Standpunkt heraus ist diese Aussage erstmal eine Hypothese, welche der Verifizierung bedarf. Diese ist leider nicht erkennbar.

Um es im Sinne von Karl Popper zu sagen: nur, weil man gut argumentiert, wieso es keine schwarzen Schwäne gibt und nur, weil man trotz vielen Suchens keine gefunden hat, bedeutet das noch nicht, dass es keine gibt.

Ich finde es ja richtig, dass man sich mit Heilversprechen kritisch auseinandersetzt. Aber eine tendenziell pseudowissenschaftliche Auseinandersetzung mit pseudowissenschaftlichen Aussagen hilft leider auch nicht.
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# Dr. Wolfgang Vahle 2016-05-25 13:29
Sie wissen sicher, dass es philosophisch unmöglich ist, die Nicht-Existenz von etwas Nicht-Existentem zu beweisen?
Deshalb ist es guter wissenschaftlicher Brauch, dass derjenige, der etwas Abstruses behauptet, den Nachweis erbringen muss, dass das Abstruse existiert. Dieser Nachweis wurde für die Homöopathie nie erbracht. Es ist nicht unwissenschaftlich, darauf hinzuweisen.
Eine Fernwirkung von Stoffen – so, dass eine Wirkung an Orten zu finden ist, wo die Stoffe nicht sind - ist in der Physik nicht bekannt. Gleiches gilt für das „Wassergedächtnis“, dass die Homöopathie zwingend für ihr Erklärungsmodell benötigt: Es ist nicht nachgewiesen. Ist ein Verweis auf fehlende Belege pseudowissenschaftlich?
Ich kann Ihrer Kritik nicht folgen, wir würden Pseudowissenschaft mit Pseudowissenschaft beantworten. Solange Belege fehlen, ist die Homöopathie als „nicht existent“ anzusehen und wir sind von der Nachweispflicht für diese Nicht-Existenz entbunden. Dr. Vahle für das INH
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# Hennenjunge 2016-12-16 10:08
Hallo Jan,

ging es bei Karl Popper nicht um Hypothesen, die *falsifizierbar* sind?

Der Artikel enthält einige falsifizierbare Thesen. Zum Beispiel: "Die Potenzangabe lässt keine genauen Aussagen zur Konzentration der Inhaltsstoffe zu. Sie beschreibt nur, wie oft der Verdünnungsvorgang durchgeführt wurde, nicht jedoch das Resultat."

Um diese These zu widerlegen, reicht schon ein einziges Gegenbeispiel.

Um es Ihnen einfach zu machen, würde ich vorschlagen, eine Ampulle "Natrium chloratum D200" des Herstellers DHU[1] zu untersuchen. Wie viele Chlor- und Natrium-Ionen enthält dieses Produkt?

Mit freundlichen Grüßen,

Hennenjunge

[1] http://www.dhu-globuli.de/homoeopathische-mittel/natrium-chloratum-ampullen-d200-8x1-ml/
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# Jan 2016-06-10 10:59
Ich stimme Ihnen ja so weit zu, dass auch die Aussage „Homöopathie hilft“ aus einem wissenschaftlichen Aspekt nur dann wahr ist, wenn es einen entsprechenden Nachweis gibt. Gut möglich, dass dieser fehlt. Aber dies ist genau genommen an dieser Stelle zweitrangig.
Mir geht es vor allem um die Frage, ob es einen Nachweis gibt, dass sie nicht wirkt. Sie sagen, dass die Argumente auf der Seite nur „Hinweise“ darstellen. Natürlich kann man auf fehlende wissenschaftliche Erkenntnisse verweisen, dass ist nicht pseudowissenschaftlich, aber alleine auch keine wissenschaftliche Aussage. Aber das ist Haarspalterei.
Wirklich falsch wird die Aussage, wenn man sagt, „Homöopathie wirkt nicht“, obwohl man keine entsprechenden Beweise hat, sondern „nur“ auf fehlende Studien für eine Wirksamkeit verweisen kann. Aussagen wie „Wir wollen wissenschaftlich fundiert und fair offenlegen, was Homöopathie leisten kann, und was nicht“ zusammen mit der implizierten Aussage der Seite „Homöopathie wirkt nicht“ suggerieren, als hätten Sie entsprechende Beweise. Und das halte ich für irreführend. Die Medizin braucht dringend neue ganzheitlich orientierte Denkansätze und nicht nur reduktionistisches Denken. Diese liegen vielleicht nicht in der Homöopathie, aber mit fehlenden Beweisen eine prinzipiell sinnvolle Diskussion abzuwürgen, halte ich für falsch.
So meinte ich mit pseudowissenschaftlich nicht den Verweis auf fehlende positive Beweise - dieser ist im Erkenntnissinne richtig und sinnvoll - sondern den gemachten Umkehrschluss „es kann nicht wirken, denn es hat ja keiner bisher die Wirkung zeigen können und wenn man darüber nachdenkt….“.
So haben die vergangenen Jahrhunderte ja gezeigt, dass es doch immer noch etwas "mehr zwischen Himmel und Erde gibt", als die Wissenschaft (in einem Augenblick meint zu wissen)“: nämlich zumindest die zukünftige Erkenntnis.
Daher wäre wohl eine treffende wissenschaftliche Aussage zur Homöopathie in der Medizin: tut uns leid, wir haben bisher die Wirkung mit unseren Methoden (und vor allem den dazugehörigen Modellierungsansatz) nicht nachweisen können. Vielleicht wirkt sie und wir haben die falschen Methoden zum Nachweis eingesetzt, vielleicht wirkt sie nicht, und wir haben die richtigen Methoden. Alles andere ist offen und reiner Glaube.
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# Dr. Wolfgang Vahle 2016-06-10 17:12
Hallo Jan,
Ihrer wichtigsten Aussage stimme ich voll zu: Ja, Sie betreiben Haarspalterei!
Einerseits akzeptieren Sie, dass es unmöglich ist, die Nicht-Existenz von etwas Nicht-Existentem zu beweisen. Sie stimmen mit uns auch darin überein, dass es nicht pseudowissenschaftlich ist, auf fehlende Beweise für die Existenz des behaupteten Phänomens hinzuweisen.
Im nächsten Satz fordern Sie jedoch genau diesen Nachweis, dass Homöopathie nicht existent ist. Sie akzeptieren, dass der Hinweis auf fehlende Beweise nicht pseudowissenschaftlich sei, können sich aber nicht dazu durchringen, anzuerkennen, dass diese Aussage wissenschaftlich ist.

Ich möchte noch mal zurück zur Basis.

In der Gesamtheit der Studien ist eine Wirksamkeit der Homöopathika niemals nachgewiesen worden. Weil es philosophisch unmöglich ist, die Nicht-Existenz von etwas Nicht-Existentem zu beweisen, ist es allgemein akzeptierter Brauch, dass derjenige, der etwas Absurdes behauptet, den Beweis erbringen muss. Die Wirkung von Homöopathika ist absurd und der Beweis für die Wirkung fehlt.

Das Gesamt-Portfolio unserer physikalischen Modelle hat einen extrem hohen Erklärwert und eine Voraussagekraft, die phänomenal ist. Ich erinnere an die jüngst entdeckten Gravitationswellen, die vorausgesagt wurden und nun gemessen werden konnten. Die Physik ist keineswegs abgeschlossen und es gibt viele offene Fragen und die entsprechende Forschung. Die Mitarbeiter am CERN werden wohl nicht so schnell arbeitslos werden.

Aber für die Erklärung der Homöopathie gibt es nun wirklich keinen Bedarf. Hahnemann postuliert für die Erklärung der Homöopathie die Existenz von Geistern! Er spricht von „Lebenskraft“ und von „geistartigen Arzneiwirkungen“. Erstens bringt uns diese Erklärung überhaupt nicht weiter: Wer die Wirkung von Homöopathika mit dem Begriff eines Geistes erklärt, muss sich sofort fragen lassen, was dieser „Geist“ ist. Die Einführung von Geistern führt formallogisch in eine unendliche Regression. Zweitens führt die Geisthypothese zu inneren Widersprüchen – die Homöopathie ist voll von inneren Widersprüchen (siehe unser entsprechendes Kapitel).

Der Begriff „reduktionistisch“ ist ebenfalls ein Kampfbegriff wie auch „materialistisch“. Es führt nicht weiter, wenn ich Ihre Position jetzt als „vitalistisch“ (auch ein Kampfbegriff) beschimpfen würde.

Nein. Eine Wirkung von Homöopathika ist niemals belegt worden und muss solange als nicht-existent bezeichnet werden, bis der Beleg erbracht ist. Um den Beleg müssen sich diejenigen kümmern, die die Wirkung behaupten. Alles andere wäre eine unzumutbare Verschwendung von Forschungsressourcen: Wo sollte man aufhören? Sollen wir uns auch noch um Feen, Heinzelmännchen o. ä. kümmern?

Eine Wirkung von Homöopathika ist unter den derzeitigen physikalischen Modellen unmöglich. Eine Erweiterung der physikalischen Modelle ist natürlich jederzeit möglich, wenn Bedarf besteht. Bedarf besteht, wenn neue Phänomene auftreten. Ein Bedarf jedoch, die Modelle zu erweitern, nur um Homöopathie zu erklären, besteht definitiv nicht – das Phänomen ist ja nicht vorhanden.

Abschließend: Sie haben uns missverstanden. Wir behaupten, dass Homöopathika unwirksam sind (das sind Tropfen, Globuli, Tincturen, Salben, Injektionen). Wir behaupten nicht, dass „Die Homöopathie“ keine Wirkung hat. Die Wirkung der Homöopathie liegt aber nicht im Bereich der Physik oder Chemie, sondern im Bereich der Wahrnehmungspsychologie oder Biologie (z. B. von der Evolution bevorzugte Verhaltensmuster). Als Stichworte seien genannt: Spontanheilung, Spontanverlauf Placeboeffekt, Regression zur Mitte, Selektive Wahrnehmung, Wunschdenken.

Auch zu diesen Themen finden Sie auf unserer Seite viele Informationen.

Für das INH
Dr. Wolfgang Vahle
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# Jan 2016-06-11 22:16
Guten Tag,
das ist nachvollziehbar, dass Sie mir als wichtigste Aussage Haarspalterei vorwerfen. Wenn man nämlich ehrlich ist, stecken Sie in einem Dilemma. Sie glauben nicht an Homöopathie, sagen es gibt keine eindeutigen Beweise zur Wirksamkeit der Salben etc., erklären die Restwirkung „der Homöopathie“ mit Placeboeffekten etc. und erklären die Abwesenheit eindeutiger Beweise für die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln für den Beweis, dass diese nicht wirken. So funktionieren wissenschaftliche Beweise aber nicht.
Sicher ist es falsch zu behaupten „Die Wissenschaft sagt, es wirkt sicher besser als ein Placebo“, wenn es dazu keine belastbaren Beweise gibt (was auch nicht so ganz eindeutig ist, man schaue sich nur die Studienlage an http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9310601). Genauso ist es aber auch falsch zu behaupten „Die Wissenschaft sagt, es wirkt sicher nicht“, nur, weil man bisher keinen absolut eindeutigen Beweis gefunden hat und man es sich irgendwie logisch herleitet.
Fakt ist, ein Verweis auf fehlende Erkenntnisse ist kein Beweis für die Nicht-Existenz. Sie haben recht, man kann das (vielleicht…) Nicht-Existente nicht beweisen. Das ist aber genau das besagte Dilemma, aus dem man nicht herauskommt, indem man behauptet „das nicht Beweisbare, kann man ja nicht beweisen und das ist daher der Beweis“. Das ist Unsinn.
Derjenige der behauptet „es wirkt“, sollte dies nachweisen. Dem Anderen bleibt nur als einzig fundierte Aussage „es gibt nach meiner Sichtweise bisher kein Beweis“, ggf. mit dem Hinweis „daher muss man bislang davon ausgehen, dass es nicht wirkt“. Alles Weitergehende ist eine subjektive Meinung.
Interessant und nachvollziehbar, dass Sie den Reduktionismus als Kampfbegriff abtun. Mag sein, dass er das für Sie ist, aber eigentlich steht er für ein wissenschaftliches Paradigma: nämlich Phänomene auf einzelne kausal-deterministische Zusammenhänge zu reduzieren. Die Natur wie auch der Mensch als hochkomplexes Regelungssystem (in der rein logisch die Homöopathie auch eine Regelungsfunktion zugeschrieben werden könnte, welches nicht nach dem Motto funktioniert „viel von dem Einen hilft ganz viel von genau einem Anderen“) kann aber nicht immer durch eine immer weitere Detaillierung verstanden werden. Komplexe Systeme weisen in ihrer Dynamik emergente Muster auf, die mit rein reduktionistischen Ansätzen prinzipiell nicht erklärt werden können. Man schaue sich nur das ganze Gebiet der Chaostheorie oder die moderne Intelligenzforschung (embodied cognitive science) an. Holismus und Reduktionismus können zwar als Kampfbegriffe genutzt werden, aber das hilft nur denen, die an wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht wirklich interessiert sind.
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# Dr. Wolfgang Vahle 2016-06-12 07:33
Hallo Jan. Sie wissen, dass Sie Haarspalterei betreiben und machen trotzdem weiter?

Es ist richtig: Ein fehlender Beweis für "Etwas" ist nicht dasselbe wie ein Beweis für "Nicht-Etwas". Bezüglich der Homöopathie ist es aber keineswegs so, dass die Wissenschaft eine Wirksamkeit lediglich noch nicht gefunden hat. Es ist so, dass die Wissenschaft gefunden hat, dass Homöopathika nicht wirken können, weil die postulierte Wirkung den Naturgesetzen widerspricht. Das kommt einem Beweis für die Nichtexistenz der Homöopathie gleich. Im Bereich der gespaltenen Haare ist es nur deshalb kein Vollbeweis, weil die Möglichkeit nicht auszuschließen ist, dass sich die gesamte Physik irrt. Aber ganz ehrlich: Darüber müssen wir an dieser Stelle doch nicht reden, oder?

Das Dilemma, in dem Sie uns sehen, ist kein anderes als das, in dem sich jeder befindet, der über diese Dinge philosophiert. Sie behaupten ein Einhorn und ich muss mir ewige Gedanken machen? Und morgen werfen Sie mir eine Fee vor die Füße und übermorgen Rumpelstilzchen?

Dann kann ich den Spieß auch umdrehen und Sie beispielsweise eines Bankraubs bezichtigen. Ihr Alibi erkenne ich nicht an, weil Sie vermutlich die Fähigkeit der "Bilokation" haben, d. h. an zwei Orten gleichzeitig sein können (lesen Sie mal über Padre Pio). Ihren Einwand der Unmöglichkeit wische ich hinweg mit Verweis auf die nicht abgeschlossene - weil nicht abschließbare - Physik.

So kommen wir doch nicht weiter!

Sie werfen der Wissenschaft Reduktionismus vor - und bringen Beispiele aus der Wissenschaft. Chaostheorie - Emergenzen: Da frage ich doch gleich mal "Wer hat's erfunden?".

Das Bewusstsein ist z. B. auch eine emergente Größe: Man kann es nicht verstehen, wenn man nur auf eine einzelne Nervenzelle schaut. Und wo wird Bewusstsein erforscht? Richtig - in den Neurowissenschaften. Ihr Vorwurf des Reduktionismus ist falsch!

Abschließend noch und wieder einmal zurück zu den Wurzeln: Die Homöopathie hat in ihrer Geschichte niemals den Beweis ihrer Existenz erbracht. Die Gesamtstudienlage ist da eindeutig. Wir empfehlen als Lektüre: www.beweisaufnahme-homoeopathie.de

Die Homöopathie widerspricht den Naturgesetzen - die übrigens auch dafür sorgen, dass wir uns auf diese Weise unterhalten können.

Ich denke, unsere Positionen sind für jeden hinreichend dargelegt worden und empfehle, an dieser Stelle die Diskussion nicht fortzusetzen. Es könnte für die stillen Mitleser schnell langweilig werden.

Vielleicht wollen Sie besser einer philosophischen Diskussionsrunde beitreten?
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# U. Thomas 2017-01-01 17:28
Hallo Dr. Vahle,

mit dem Argument "Die Homöopathie widerspricht den Naturgesetzen" begeben Sie sich auf die gleiche Ebene wie die Hahnemann-Jünger. Sie stellen ein Gedankengebäude über die Realität.

Naturwissenschaftlichen Modelle sind keine endgültigen "Naturgesetze", sondern nur eine lange Reihe von Versuchen, in den natürlichen Phänomen gewisse Gesetzmäßigkeiten zu entdecken. In der Physik funktioniert das so gut, dass wir Computer bauen und Menschen in den Weltraum transportieren konnten. In der Medizin sind die Zusammenhänge ungleich komplexer, wie die oftmals überraschenden Erkenntnisse der evidenzbasierten Medizin zeigen.

Ich schließe mich Jans Kritik am Artikel an.

Bis zum Satz "jetzt wird's magisch" finde ich den Artikel naturwissenschaftlich sauber. Er endet sogar, ganz im Sinne Poppers, mit einer falsifizierbaren These: "Niemand weiß genau, was sich in homöopathischen Arzneien befindet."

Danach wird der Artikel polemisch.

Sinnvoller wäre es gewesen, eine Gegenthese zu Hahnemanns Theoriegebäude einzuführen. Zum Beispiel Paracelsus: "Nur die Dosis macht das Gift". Je stärker man eine Substanz verdünnt, umso ungiftiger wird sie.

Diese These ließe sich am Beispiel Arsen illustrieren. Arsen ist in hoher Konzentration tödlich, wie jeder Leser von Agatha Christies Romanen weiß. In geringer Konzentration wird es bis heute in Medikamenten eingesetzt. In noch geringeren Dosierungen nehmen wir es alle alltäglich mit unserer Atemluft und Nahrung auf.

Was immer die Dynamisierung/Potenzierung der Homöpathie bewirken soll, mit der tatsächlichen Konzentration der Ausgangssubstanz im Präparat kann es nichts zu tun haben.

a) Niemand weiß, wieviel Arsen beispielsweise Arsenicum Album C30 enthält. Von dem Arsen, dass am Anfang der Verdünnungskette steht, ist statistisch gesehen kein einziges Atom mehr übrig (siehe Artikel). Da das Lösungsmittel und die Umgebungsluft natürliches Arsen enthalten, wird das Präparat eine entsprechende Menge natürliches Arsen enthalten.

b) Weil wir Substanzen wie Arsen ohnehin im Alltag in viel höheren Konzentrationen zu uns nehmen, als sie in homöopathischen Präparaten enthalten sein sollen, fällt das vergleichsweise wenige Arsen, das tatsächlich im Präparat enthalt ist, nicht ins Gewicht.

Falls die Homöopathen die Wirksamkeit ihrer Präparate mit der Wirkstoffkonzentration erklären würden, hätte sich die Sache hiermit erledigt.

Diesen Gefallen tun uns die Homöopathen aber nicht. Bei ihrem Konzept von Dynamisierung/Potenzierung spielen noch andere Faktoren hinein. An dem Punkt wird es tatsächlich "magisch".

Aber anstatt die Homöopathen lächerlich zu machen, wäre es vielleicht sinnvoller, sie beim Wort zu nehmen.

Wenn sie von Naturwissenschaftlern ernst genommen werden wollen, müssen sie falsifizierbare Thesen über ihre Wirkmechanismen postulieren. Wenn es nicht die Wirkstoffkonzentration ist, die wirkt, was ist es dann?
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# Wolfgang Vahle 2017-01-02 10:37
Hallo U. Thomas,

Ihren Ausführungen kann ich nicht in allen Punkten zustimmen.

Sie ziehen sich – wie viele andere auch – auf philosophische Argumente zurück, um der Homöopathie die Ehre zu retten.

Die philosophischen Fragen sollten Sie mit Wissenschaftsphilosophen klären. Ich empfehle zum Beispiel den Artikel „Das Elend des Instrumentalismus“ von Martin Mahner, erschienen im „Skeptiker“, Heft 4/2016

(https://www.gwup.org/147-wurzel/archiv-zeitschrift-skeptiker/1877-zeitschrift-skeptiker-4-2016)

oder das Buch „Wissenschaftstheorie“ von Holm Tetens, erschienen bei C.H.Beck
(ISBN: 978-3-406-65331-5).

Es hilft nicht weiter, wenn man sich banale Wahrheiten bestätigt und ständig betont, dass unser Wissen derzeit unvollständig ist. Es wird vermutlich immer unvollständig bleiben. Aber es wird trotzdem auch zunehmen. Die Tatsache der ewigen Unvollkommenheit unseres Wissens kann kein Grund sein, die Wissenschaft aufzugeben. Sie kann kein Grund sein, sämtliche Aussagen über die Natur zu relativieren und für gleichermaßen unsicher zu halten.

Es gibt viele Philosophien, die Aussagen über eine „reale Welt der Dinge“ ablehnen mit der Begründung, der Mensch könne keine Aussagen über Objekte machen, weil er aus seiner Subjektivität nicht herauskomme. So wahr das auch ist, so wenig hilft diese Einstellung der Wissenschaft bei ihrer Gewinnung von Erkenntnis. Wissenschaft benötigt eine Wissenschaftstheorie, die davon ausgeht, dass es eine vom Menschen unabhängige „reale Welt der Dinge“ – und eine Widerspruchsfreiheit innerhalb dieser „realen Welt der Dinge“ – gibt. Wissenschaftliche Aussagen, die eine in sich widerspruchsfreie Existenz der realen Dinge voraussetzen, haben ein hohes Erklärungspotenzial und ein große Voraussagekraft. Und nur eine Wissenschaftstheorie, die davon ausgeht, dass es eine menschenunabhängige Welt gibt, kann menschenunabhängige Aussagen über diese Welt treffen.

Philosophien, die allen Gedanken – und seien sie lediglich einem Traum oder einer Wahnvorstellung entsprungen – den gleichen Wahrheitsgehalt zusprechen, können die Naturgesetze nicht erklären. Eine Philosophie, die eine menschenunabhängige Existenz realer Dinge negiert, öffnet der Beliebigkeit sämtliche Tore.

Sie haben grundsätzliche Bedenken zum Begriff „Naturgesetz“ geäußert. Und rein theoretisch kann sich ein heute „als gültig angesehenes Naturprinzip“ (um das Wort „Naturgesetz“ zu vermeiden) in Zukunft möglicherweise als unvollständig herausstellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in Zukunft als völlig falsch erweist, ist so abstrus klein, dass wir keine Entscheidung – erst recht keine therapeutische Entscheidung – darauf aufbauen dürfen. Übrigens: Trotz der letzten – verschwindend kleinen – Unsicherheit über den kategorischen Begriff „Naturgesetze“ haben genaud diese „Naturgesetze“ auch Eingang in unsere Gesellschaft einschließlich der Rechtsprechung gefunden. Schulen erteilen Zeugnisse über Kenntnisse, die auf der Grundlage dieser „Naturgesetze“ aufbauen. Der Staat erteilt Zulassungen, Bestallungen und Approbationen, die die Kenntnis dieser „Naturgesetze“ voraussetzen. Patentämter lehnen die Erteilung von Patenten ab, wenn sie den „Naturgesetzen“ widersprechen.

Sie sprechen an, dass die Zusammenhänge in der Medizin komplexer seien als in der reinen Physik. Das ist durchaus richtig – aber auch in dieser Aussage liegt keine Begründung verborgen, die evidenzbasierte Medizin gleich ganz aufzugeben. Wenn der Gegenstand der Wissensgewinnung komplex ist, muss man komplexe Gewinnungstechniken anwenden. Aber auch in der komplexen evidenzbasierten Medizin gibt es logische Grundaussagen, die wir als „wahr“ unterstellen müssen, weil andererseits überhaupt kein Fortschritt der Wissensgewinnung zu erzielen ist. Auch in der evidenzbasierten Medizin gilt, dass eine Aussage nicht zugleich mit ihrer gegenteiligen Aussage „wahr“ sein kann. Und auch in der evidenzbasierten Medizin gilt, dass eine „Wirkung“ auf die „Ursache“ folgt – wobei der Beweis eines Kausalzusammenhanges nicht trivial ist, was aber an der Grundsätzlichkeit dieser Aussage nichts ändert.

Sie haben sehr richtig beschrieben und am Beispiel „Arsen“ hergeleitet, dass die Homöopathie „erledigt“ sei, wenn die Homöopathie die Wirksamkeit der Präparate lediglich mit der Wirkstoffkonzentration erklären würde. Sie schließen daraus, dass die Homöopathie die Wirksamkeit ihrer Präparate in jedem Fall vollkommen unabhängig von der Wirkstoffkonzentration erkläre. Diese Schlussfolgerung ist falsch. Wenn die Wirkstoffkonzentration für die Homöopathie vollkommen irrelevant wäre, hätte die Homöopathie nicht so viel Text produziert, um die Herstellung der richtigen Verdünnung vorzuschreiben.

Natürlich ist es auch unter Homöopathiekritikern bekannt, dass die Homöopathie weitere Erklärungsmodelle bereit hält. Die Homöopathie unterstellt die Existenz von „geistartigen Kräften“, die über den Vorgang der Verschüttelung von der Urtinktur-Materie gelöst und zugleich auf die Arzneisubstanz-Materie aufgebracht werden kann. Die Homöopathie ist von der Wirksamkeit dieser Methode so überzeugt, dass sie die Verschüttelung „Dynamisierung“ nennt. Und beide zusammen – Verdünnung und Dynamisierung – sind für den Vorgang der „Potenzierung“ gleichermaßen wichtig – wenn man der Homöopathie glaubt.

Für diesen Glauben liefert die Homöopathie aber keinerlei Begründung! Das Konzept „geistartiger Kräfte“ führt zu inneren Widersprüchen. Die Forderung nach innerer Widerspruchsfreiheit ist nicht erfüllt. Das Konzept der „geistartigen Kräfte“ kann nicht alle Effekte der Homöopathie erklären – das Erklärungspotenzial ist zumindest gering, wenn nicht gar „null“. Das Konzept der „geistartigen Kräfte“ kann auch keine Voraussagen machen. Aus diesem Grunde bedient sich die Homöopathie weiterer Begriffe wie „Ganzheitlichkeit“, „Feinstofflichkeit“, „Erstverschlimmerung“, „Miasmen“ – die Liste ist unvollständig. Und trotz dieser Ausweitung der Begrifflichkeiten – „Ockhams Rasiermesser“ ist längst tätig geworden – gelingt es der Homöopathie nicht, zuverlässig Voraussagen über Behandlungserfolge zu treffen.

An dieser Stelle empfehle ich auch, die „Homöopedia“ (www.homöopedia.eu) zu besuchen und sich in den Artikeln über die Potenzen und die Potenzierung – nein: in allen Artikeln – zu belesen.

Das Beispiel der Homöopathie zeigt eindeutig die Überlegenheit einer Wissenschaftstheorie, die mehr zu bieten hat als lediglich eine allgemeine Existenzberechtigung auch der fiktivsten Ideen – nämlich das Konzept einer „realen Welt der Dinge“, die zwar nie alle, aber täglich mehr Fragen beantworten kann – und zwar so, dass wir daraus Rückschlüsse ziehen können, die für unser Überleben in der Welt hochgradig relevant sind.
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# U. Thomas 2017-01-04 18:52
Hallo Dr. Vahle,

zitiere Wolfgang Vahle:
Sie ziehen sich – wie viele andere auch – auf philosophische Argumente zurück, um der Homöopathie die Ehre zu retten.


Nein, ich versuche die Diskussion auf eine seriöse wissenschaftliche Basis zu stellen.

Sie verweisen auf ein Buch von Holm Tetens. Es ist auszugsweise über Google Books einsehbar. Am Ende von Kapitel 11 über »Wunderargumente« findet sich ein kluger Satz: »Jeder sollte allerdings ehrlicherweise einräumen, dass wir alle von den theoretischen Entitäten unserer Theorien niemals mehr in Erfahrung bringen können als die Tatsache, dass die Theorien sich bis auf Weiteres als empirisch adäquat erweisen und daher die Beobachtungsdaten genauso miteinander zusammenhängen, wie die Theorien voraussagen.«

Der von Ihnen genannte Artikel Mahners ist leider nicht öffentlich zugänglich. Google lieferte nur eine Erwiderung von Timm Grams auf diesen Artikel.[2] Ich teile dessen Ansicht: »Die poppersche milde Form des Realismus ist zwar unnötig, aber – aus meiner Sicht jedenfalls – unschädlich: Der Realismus bleibt bescheiden und vermeidet Rechthaberei.«

Der hier diskutierte Artikel ist leider ein Beispiel für solche Rechthaberei. Der Autor spricht herablassend von »Unsinn in Reinkultur«. Einige Kommentatoren verlieren sich in abgehobenen Spekulationen über »Naturgesetze« und »Wahrheiten«. Mit solcher Rechthaberei tun sich Skeptiker keinen Gefallen.

Viel konstruktiver wäre es, die Homöopathie beim Wort zu nehmen, etwa die im Artikel zitierten Passagen aus dem Organon.

Die Pointe des Artikels vom einzelnen Globuli als »Killerarznei« lässt sich eben *nicht* aus § 32 herleiten. Hahnemann schränkt dort ein: »wenn die Gabe groß genug war«. Man muss also woanders ansetzen.

Die zitierten Passagen enthalten Aussagen über die Wirksamkeit. In § 269 behauptet Hahnemann, die homöopathisch verarbeiteten Substanzen würden »durchdringend wirksam und hülfreich«. In § 20 behauptet er, die Kraft »Krankheiten zu heilen« sei verstandesgemäß nicht erklärbar, aber sie ließe sich in der Erfahrung »deutlich wahrnehmen«.

Diese Behauptungen fallen in den Bereich der evidenzbarsierten Medizin (EBM): »Unter Evidenz-basierter Medizin ("evidence based medicine") oder evidenzbasierter Praxis ("evidence based practice") im engeren Sinne versteht man eine Vorgehensweise des medizinischen Handelns, individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten zu versorgen. Diese Technik umfasst die systematische Suche nach der relevanten Evidenz in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Validität der Evidenz nach klinisch epidemiologischen Gesichtspunkten; die Bewertung der Größe des beobachteten Effekts sowie die Anwendung dieser Evidenz auf den konkreten Patienten mit Hilfe der klinischen Erfahrung und der Vorstellungen der Patienten.«[3] Überraschenderweise scheint die EBM hier an Grenzen zu stoßen.[4]

Den Artikel in der Homöopedia über das Potenzieren[5] habe ich gelesen. Die zahlreichen Quellenhinweise finde ich hilfreich, die Argumentation weniger. Homöopathie wird dort als Angriff auf die Physik verstanden. Nur was haben homöopathische Konzepte wie »Arzneikraft«, »Lebenskraft«, »Energie des Medikamentes« oder »Heilreiz des Medikamentes«[6] mit Physik zu tun?

Mit Physik und Chemie lassen sich experimentell überprüfbare Vorhersagen zur Zusammensetzung homöopathischer Präparate machen. Für Aussagen über den menschlichen Organismus sind andere wissenschaftliche Disziplinen zuständig. Ob Homöopathie tatsächlich »wirkt« - und wenn ja, wie - können Mediziner, Pharmakologen und Psychologen besser beurteilen.

Meines Erachtens zeigt das Beispiel der Homöopathie den beschränkten Nutzen »einer Wissenschaftstheorie, die mehr zu bieten hat als lediglich eine allgemeine Existenzberechtigung auch der fiktivsten Ideen – nämlich das Konzept einer ›realen Welt der Dinge‹, die zwar nie alle, aber täglich mehr Fragen beantworten kann – und zwar so, dass wir daraus Rückschlüsse ziehen können, die für unser Überleben in der Welt hochgradig relevant sind.« Der Homöopathie geht es eben nicht um »Dinge«, sondern um menschliche Organismen und Geistkräfte.

Für eine sachliche Kritik an der Homöopathie eignet sich eine Wissenschaftstheorie besser, die auf Falsifizierbarkeit im Sinne Poppers beruht.

Wie Sie selbst sagen, »gelingt es der Homöopathie nicht, zuverlässig Voraussagen über Behandlungserfolge zu treffen.« Das hat sie mit vielen anderen esoterischen Heilslehren gemeinsam. Eine wissenschaftliche Kritik, die an diesem Punkt ansetzt, kommt ohne Rechthaberei und Polemik aus.

Freundliche Grüße,

U. Thomas

[1] https://books.google.de/books?id=2TkQAQAAQBAJ

[2] http://www2.hs-fulda.de/~grams/hoppla/Texte/InstrumentalismusRealismus.pdf

[3] http://www.ebm-netzwerk.de/was-ist-ebm/grundbegriffe/definitionen/

[4] http://www.homoeopathie-online.info/zur-glaubwuerdigkeit-in-der-homoeopathie-forschung/

[5] http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Potenzieren

[6] https://www.dzvhae.de/homoeopathie-fuer-patienten/grundlagen-der-homoeopathie/-1-570.html
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# N. Aust 2017-01-05 16:41
Hallo U. Thomas,

"mit dem Argument "Die Homöopathie widerspricht den Naturgesetzen" begeben Sie sich auf die gleiche Ebene wie die Hahnemann-Jünger. Sie stellen ein Gedankengebäude über die Realität. "

Schon diesem Eingangsstatement muss widersprochen werden. Wissenschaft ist kein Gedankengebäude. Naturwissenschaft ist an der Realität erprobtes Wissen. Dabei sind naturwissenschaftliche Modelle niemals endgültig, das ist richtig. Sie liefern aber die derzeit beste Approximation an die Realität. Das heißt, die in der Wissenschaft akzeptierten Modelle haben sich bei der Beschreibung von realen Phänomenen bewährt - was aber nicht heißt, dass man diese Erkenntnisse nicht noch verbessern und erweitern könnte. Auch ist durchaus möglich, dass es sich die eine oder andere Erkenntnis als fehlerhaft erweisen könnte.

Demzufolge kann wissenschaftliche Tätigkeit nur darin bestehen, das akzeptierte Wissen dahingehend zu erweitern, dass Phänomene, die nach dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis nicht oder nur sehr unzureichend beschrieben werden können, ebenfalls erklärt werden können.

Damit ist die Frage von Jan, der Sie sich angeschlossen hatten, die Nichtexistenz der Wirkung homöopathischer Präparate als Hypothese zu untersuchen, wissenschaftlich gesehen ohne jeden Sinn. Mit den Mitteln der Wissenschaft nachweisen zu wollen, dass etwas, das nach wissenschaftlicher Erkenntnis unmöglich ist, ist unmöglich.

Gleichwohl ist diese Hypothese, dass Homöopathika unwirksam sind, ja sehr einfach zu falsifizieren: Führen Sie doch einfach einen entsprechenden Effekt vor. Zeigen Sie, dass sich dies reproduzieren lässt - und schon ist die Hypothese als falsch widerlegt. Und es gibt Ansätze für Forschungsaktivitäten, die eine Grundlage hätten, unser Wissen über die Vorgänge in der Natur zu erweitern.
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# zet1 2016-11-17 02:41
The article is very funny.

When Hahnemann postulated the Homeopathy as destructive boms?
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# Peter 2017-02-20 09:42
Die Avogadro-Konstante war für diese Auslegung gar nicht gedacht…
Ein sehr interessanter Artikel welcher aber nicht die hier erläuterte Vernichtung der Urtinktur (Atome) erklärt, sondern nur hypothetisch Schlussfolgerte. Die rechnerische Endanzahl erläutert nur das bei weiterem Verdünnen es nicht bekannt ist wo der Aufenthaltsort der restlichen Atome ist, in Abhängigkeit von der angewandten Verdünnungsmethode. Beim Zuschütten von neuer Lösungssubstanz in die schon vorhandene potenzierte Substanz lösen sich die Ursubstanzatome ja hoffentlich nicht in Luft auf oder atomisieren sich selbst…

Eine unzureichende Formulierung…
Bisweilen wird fälschlicherweise angenommen, das Avogadrosche Gesetz werde dadurch wiedergegeben, dass das Volumen der Stoffmenge proportional sei, V/n = const. Dies folgt zwar aus dem Gesetz von Avogadro, ergibt sich aber auch ganz einfach, wenn das Gas als homogen, also durch und durch gleichförmig angenommen wird. Aus dieser Annahme folgt sofort, dass zwei gleichgroße Volumen auch dieselbe Stoffmenge enthalten.
Da die Beziehung V/n = const für ein homogenes Gas selbstverständlich ist, ist dies ein triviales, einfaches Gesetz. Avogadros Gesetz geht aber weit über diese Aussage hinaus, wie oben gezeigt wurde, und ist damit weder trivial noch offensichtlich…
Aus: http://www.chemie.de/lexikon/Avogadrosches_Gesetz.html vom 20-02-2017 10-45 Uhr
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# NorbertAust 2017-02-20 16:53
Peter,
erlauben Sie mir einige Richtigstellungen:
Naturkonstante und Naturgesetze wurden nicht für eine bestimmte Auslegung gemacht oder gedacht sondern entdeckt, also als gegeben erkannt. Das ist etwas anders als zum Beispiel ein Gesetz gegen den Unlauteren Wettbewerb, dass von seinen Machern zu einem bestimmten Zweck aufgestellt wurde - bei Naturgesetzen ist das anders. Sie sind einfach da, und wir können mit wissenschaftlicher Methodik versuchen, eine immer bessere Kenntnis und tieferes Verständnis von ihnen zu erhalten.

Vernichtung der Urtinktur? Was soll das denn sein? Wenn Sie den obigen Artikel richtig lesen, werden Sie feststellen, dass wir von einer Verdünnung ausgehen. Die rechnerische Endanzahl, wie Sie das nennen, definiert nicht nur, dass wir nicht wissen, wo das letzte Teilchen (Atom oder Molekül) Urtinktur geblieben ist, in der nächsten Potenz oder im Abfall. Sie bestimmt auch, wie wahrscheinlich es ist, ein Teilchen Urtinktur in seinem Mittel vorzufinden. Der genaue Wert, ab wann die Wahrscheinlichkeit dafür, in seinem Medikamentenfläschchen auch nur noch ein Teilchen Urtinktur vorzufinden, den Wert Eins unterschreitet, ist von verschiedenen Größen abhängig, liegt aber bei Potenzen von etwa C12 / D24. Bei jeder weiteren Potenzierung nimmt die Wahrscheinlichkeit um den Faktor 100 oder 10 ab, je nach Potenzierungsverfahren. Und ab einer nicht viel höheren Potenz ist die Wahrscheinlichkeit zwar nicht identisch Null, aber was den praktischen Erfahrungswert anbetrifft, ist 'Eins zu vielen Phantastilliarden' mit Null gleichzusetzen.

Die Beziehung V/n = const ist übrigens für ein Gas nicht selbstverständlich, in den meisten Fällen sogar schlicht falsch. Diese Beziehung gilt nämlich nur, wenn Temperatur und Druck konstant sind, ansonsten müsste man die thermische Zustandsgleichung idealer Gase bemühen. Wenn es denn mit der Problematik der Potenzierungen irgendetwas zu tun hätte. Chemiebücher sind eben nicht so die beste Quelle für physikalische Sachverhalte.
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