Chinarinde

Was, wenn der ursprüngliche "Beweis" der Homöopathie ein Fehler war?

Von der Entstehung und Festigung einer Fiktion

Ungefähr 1789, auf den Tag genau kommt es nicht an, sitzt der Apotheker, Arzt und Übersetzer medizinischer Schriften, Samuel Hahnemann, über einer Schrift des schottischen Mediziners und Chemikers William Cullen. Cullen hat sich mit verschiedenen Arzneien und deren Wirkungsweisen beschäftigt, u.a. mit dem pflanzlichen Malariamittel Chinarinde (Chinin), das damals schon als wirksames Therapeutikum bekannt war. Nicht bekannt war, da unterscheidet sich Chinarinde nicht von den anderen Arzneimitteln dieser Zeit, wie es wirkt. Cullen nimmt eine "magenstärkende" Wirkung an, eine Erklärung, die Hahnemann nicht zusagt. Hahnemann, schon mit einiger medizinischer Erfahrung ausgestattet, vermutet eine, wir wie heute wohl sagen würden, "systemische" Wirkung - aber es ist, wie alles in dieser Zeit, eine Vermutung.

Genau das ist Hahnemanns Problem: Vermutungen

Er selbst ist beseelt von dem Gedanken, Erklärungen zu finden, besser noch allgemeinverbindliche Gesetzmäßigkeiten, mittels derer sich neue wirksame Arzneien entwickeln oder die schon bekannten sinnvoller einsetzen lassen. Das aber scheiterte bisher an mangelnden naturwissenschaftlichen Kenntnissen, wobei Hahnemann natürlich nicht weiß, dass dieser Mangel existiert. In Hahnemanns Weltbild findet sich, anstelle des naturwissenschaftlichen Wissens, ein fröhlich-buntes Durcheinander philosophischer und religiöser "Wahrheiten", von alchemistischem Wissen, konkurrierenden Heilkonzepten, von eigenen und vielen fremden Erfahrungen, von denen er durch seine Übersetzungstätigkeit Kenntnis erhielt. Aber alles war Spekulation, war Hypothese. Nichts war belegt, nichts konkret. Dazu kommt, dass Hahnemanns Welt im Umbruch war, die Aufklärung zeigte erste Auswirkungen, über Jahrhunderte hinweg gesichertes Wissen entpuppte sich als falsch und trugschlüssig. Für jemanden, der konkrete Antworten suchte, ein schier unerträglicher Zustand.

Was bleibt dem Pragmatiker in einer solchen Situation anderes, als selbst zu forschen. Die Übersetzung von Cullens Arzneimittellehre und dessen Ansichten zur Wirkung der Chinarinde, liefert einen entsprechenden Anlass: Hahnemann schreitet zur Tat und prüft in einem Selbstversuch die Wirkung von Cortex chinae. Dabei stellt Hahnemann bei sich selbst physiologische Reaktionen fest, die ihn an Symptome der Malaria-Erkrankung erinnern.

Andere Erklärungen des von Hahnemann Erlebten sind viel wahrscheinlicher

Mit heutigem medizinischen Wissen versehen, können wir für die von Hahnemann beschriebenen physiologischen Reaktionen mehrere Ursachen annehmen: Möglicherweise hatte Hahnemann die Chinarinde überdosiert und sich mit Chinin quasi vergiftet, möglicherweise handelte es sich um heute bekannte Arzneimittelnebenwirkungen, möglicherweise reagierte Hahnemann auf Bestandteile der Pflanzendroge allergisch, möglicherweise - auch das ist denkbar - hatten die vermeintlichen Reaktion auf die Chinarinde eine gänzlich andere Ursache, beispielweise eine parallel ablaufende Erkältung.

Wir werden nicht mehr erfahren, welche Ursache zu Hahnemanns Reaktionen führte, allerdings wissen wir heute, nach einer erheblichen Anzahl von Reproduktionsversuchen des Chinarinden-Experiments, dass das, was Hahnemann beschrieb, keine übliche Wirkung der Chinarinde ist - besonders nicht das von Hahnemann formulierte Fieber. Nun hatte Hahnemann dieses heutige Wissen nicht, er konnte seine physiologischen Reaktionen nur mit den ihm bekannten "Gesetzmäßigkeiten" erklären. Eine dieser Gesetzmäßigkeiten war die Ähnlichkeitsregel. Sollte gerade diese der von Hahnemann so langersehnte große Wurf sein? Für die Erklärung seiner physiologischen Reaktionen auf die Einnahme von Cortex chinae drängte sie sich jedenfalls auf - und setzte sich bei Hahnemann fest.

Die Geburtsstunde einer Fiktion

Hahnemann, davon kann man ausgehen, beschäftigte sich in den folgenden sechs Jahren damit, die Ähnlichkeitsregel in anderen Arzneien bestätigt zu sehen. Wie ihm das bei den etwa 100 Arzneien gelang, die er anwendete, darüber lässt sich nur spekulieren. Vermutlich legte er den Ähnlichkeitsbegriff sehr weit aus. Weiterhin, auch das lässt sich in den Arzneimittelbildern wiederfinden, verwechselte er eher unspezifische physiologische Wirkungen der von ihm geprüften Arzneien, mit den eher unspezifischen Symptomen diverser Erkrankungen; unser Organismus hat eben nur ein begrenztes Repertoire an Reaktionen, die dann auch bei verschiedensten Ursachen auftreten. Was auch nicht vergessen werden sollte: Als Beleg für die Gültigkeit des Simile-Prinzips nutze Hahnemann umfänglich Fremdliteratur. Das heißt, er griff - ohne weitere Prüfung, wie glaubhaft diese Schilderungen waren - auf Erfahrungsberichte anderer Ärzte zurück, von denen die einen über die (Neben-)Wirkungen bestimmter "Arzneistoffe" berichteten, die anderen dagegen über die Heilwirkung dieser Stoffe. In diversen Tabellen finden sich diese Gegenüberstellungen wieder. In welchem Ausmaß in diesen "literarischen Belegen" Wahrnehmungs- und Bewertungsfehler zu finden sind, hat Hahnemann, wie schon erwähnt, nie diskutiert. Zu sehr ging es ihm wohl darum, das Simile-Prinzip auch durch Dritte zu belegen, da ja schon, nach der ersten Veröffentlichung seiner Idee im Jahre 1796, durch die damalige Fachwelt erhebliche Zweifel an der generellen Tauglichkeit des Konzepts angemeldet wurden.

Die Spekulation der Arzneimittelprüfung am Gesunden

Dass Hahnemanns Konzept vollends ins Spekulative abglitt, dafür sorgte dann das Prozedere der "homöopathischen Arzneimittelprüfung an Gesunden". Um die Ähnlichkeitsregel zu belegen, muss ein Arzneistoff zwingend an gesunden Menschen geprüft werden, da sich nur so die Symptome zeigen, die nachfolgend bei Kranken therapiert werden. Dummerweise waren viele der Arzneien, die damals zur Anwendung kamen, giftig oder zumindest unverträglich, was die Arzneimittelprüfung wohl für jeden Prüfling zu einem unkalkulierbaren Risiko machte. Die sich hier aufdrängende Strategie ist simpel: man verdünnt, und zwar enorm. Soweit, dass nach heute bekannten chemisch-physikalischen Gesetzen kein Arzneistoff mehr vorhanden ist. Allerdings waren Hahnemann auch diese Gesetze, wie so vieles, nicht bekannt und er ging wohl davon aus, dass unendliche Verdünnungsreihen möglich sind - nur so lässt sich die rituelle Prozedur überhaupt erklären. Wo aber Arznei - zumindest nach Hahnemanns Auffassung - vorhanden ist, da müssen Symptome entstehen - und sie entstanden auch, wurden vielfältiger, bunter, abseitiger. An die Stelle der Arzneiwirkungen, die bei Ursubstanzen noch verzeichnet werden konnten, traten vielfältige Lebensäußerungen, die mit dem zu prüfenden Stoff nichts mehr zu tun hatten. Wir wissen das heute, weil die Avogadro-Konstante dafür sorgt, dass ab einem bestimmten Maß an Verdünnung, als homöopathische Potenz ausgedrückt, ab einer D24, statistisch keine Prüfsubstanz mehr vorhanden ist. Hahnemann legt als Prüf-Potenz irgendwann D30 fest.

Wissenschaft versus Wahrnehmungsfehler

Die Homöopathie koppelt sich komplett von einer naturwissenschaftlichen Basis ab - was Hahnemann nicht weiß, oder nicht wahrhaben will. Es entsteht ein immer funktionierendes Bestätigungssystem, das aus zwei Elementen besteht: Den fälschlich als Symptome des zu prüfenden Arzneimittels aufgefassten vielfältigen Lebensäußerungen, die Einzug ins Arzneimittelbild halten und dem Bestätigungsmechanismus, der auf der Fehlinterpretation von Heilungsprozessen beruht - die schon an anderer Stelle beschriebene Scheinkorrelation zwischen der Einnahme wirkstofffreier Arzneien und den nachfolgenden physiologischen Abläufen.

Wir wissen heute, dass ein erheblicher Anteil unserer Erkrankungen im Grunde keiner therapeutischen Intervention bedarf. Beispielsweise heilen die meisten der banalen Infektionserkrankungen, die Menschen (und Tiere) sich so zuziehen, von alleine aus. Gleiches gilt für die meisten mechanischen Verletzungen, sofern sie nicht, beispielsweise bei schweren Wunden, durch Blutverlust oder Wundinfektionen lebensbedrohlich sind. Bei Krankheiten, die mittels der Selbstheilungskräfte des Organismus bewältigt werden, erzeugt jede Intervention, sei sie nun sinnvoll oder auch nicht, zwangsläufig den Eindruck, sie wäre die Ursache des Heilungsgeschehen.

Es ist deshalb eine der zentralen Aufgaben der medizinischen Forschung, präzise Aussagen über berechtigt angenommene Zusammenhänge zwischen Therapie und Heilprozess zu liefern - oder eben festzustellen, dass der Heilprozess mit der therapeutischen Intervention nichts zu tun hat. Ein großer Teil experimenteller Wissenschaft besteht darin, Tests zu konstruieren, die sicherstellen, dass das Ergebnis eines Experiments nicht das Ergebnis eines menschlichen Irrtums oder eines Interpretationsfehlers ist.

Wir wissen weiter, dass es noch andere Gründe für falsche Annahme gibt, dass eine Arznei vermeintlich wirkt - beispielsweise der zyklische Verlauf chronischer Erkrankungen, bei denen sich Phasen relativer Beschwerdelosigkeit mit Phasen größerer Beeinträchtigungen abwechseln, typisch dafür ist die Multiple Sklerose. Auch hier können Phasen der relativen Beschwerdefreiheit fälschlich als Heileffekte einer Arznei interpretiert werden. Es ist, wie schon angesprochen, nur bei einer genauen Kenntnis von Krankheitsursachen und der damit verbundenen biologischen Prozesse möglich, definitive Aussagen über den Sinn therapeutischer Intervention zu treffen. Hahnemann hatte weder das dafür notwendige Wissen, noch verfügte er über die Methoden, dieses Wissen zu erwerben. Was er hatte, war sein Überzeugungssystem - und die Wahrnehmungsfehler, die dieses bestätigten. Welche Hilfskonstruktionen er sich im Laufe der Entwicklung seiner Lehre noch schuf, um den zwangsläufig auftretenden Widersprüchen zu entgehen, die sich zwischen objektivierbarer Wahrnehmung und der dogmatischen Lehre auftaten, wird in den nächsten Abschnitten besprochen.

Zusammenfassung

Das Simile-Prinzip ist untauglich, um Arzneimittelwirkungen zu ergründen. Der Chinarinden-Versuch ist untauglich, um das Simile-Prinzip zu begründen. Die homöopathische Arzneimittelprüfung an Gesunden ist ein auf falschen Annahmen beruhendes und damit ebenfalls untaugliches Bestätigungssystem für das Simile-Prinzip. Dass Hahnemann die Ähnlichkeitsregel zum alleinigen Grundprinzip seiner Lehre erhoben hat, ist nicht das Ergebnis konsequenter medizinischer Forschung, sondern ein psychologisch zu deutender Vorgang der Selbsttäuschung und den damit einhergehenden Bemühungen, eine Fiktion zu belegen.

Lesen Sie mehr über Hahnemanns Irrtum hier.

 

(Autor: excanwahn)

Foto: Wikipedia Commons H. Zell

 

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Kommentare  

# Ludger Schönig 2016-04-06 07:55
Vielen Dank für diesen Artikel und diese Seite im Allgemeinen. Mir war bisher bewusst, dass die Ergebnisse des initialen Experiments Hahnemanns widerlegt wurden. Das scheint mir ein guter Ausgangspunkt für Diskussionen über die Homöopathie zu sein.

Ich habe aber eine Anmerkung zum zwischenzeitlichen Unterton des Artikels: Ich würde Sie bitten, auf Bezeichnungen wie "idiotisch" oder "fixe Idee" (welches sich mMn ein wenig nach verrückt anhört) zu verzichten. Ich habe einige Kontakte in die homöopatische Szene und bin mir sicher, dass solche Herabwürdigungen nicht dazu führen, dass der Glaube kritisch hinterfragt wird.

Als Beispiel würde ich auch keinem gläubigen Christen sagen, wie lächerlich und abstrus mir die Geschichten erscheinen, an die er offensichtlich glaubt, falls ich ihn von seinem Glauben abbringen wollte. Da wäre nur mit Abwehrreaktionen zu rechnen.
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# NG 2016-04-12 06:45
Lieber Herr Schönig,
Ihre Kritik an der Wortwahl ist nicht unberechtigt, doch erlebe gerade ich, dass es eigentlich völlig egal ist, wie sanft, freundlich, sachlich und gewählt man sich in dieser "Diskussion" ausdrückt. Der regelrechte Hass der Gegenseite entspringt der völligen und bewußt nicht wahrnehmbaren Argumentlosigkeit und manchmal ist das schwer zu ertragen. Excanwahns Stil ist manchmal etwas spitz - aber doch bezeichnend für die Absurdität der Diskussion. Und: Während Glaube Privatsache und - recht ist, so sind es die Prinzipien der Medizin nicht. Beste Grüße, Natalie Grams
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# excanwahn 2016-04-11 16:35
Hallo Herr Schönig,

ein Teil dieses Artikels stammt zwar von mir, allerdings möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich diese Antwort nicht als Vertreter des INH schreibe.

Grundsätzlich habe ich Verständnis dafür, wenn Sie die Verwendung bestimmter Begriffe (z.B. "Fixe Idee") als eher kontraproduktiv für die Diskussion ansehen – wobei ich die „Fixe (oder überwertige) Idee“ als Fachterminus der Psychologie verstehe. Nur, wie wollen wir es im Umgang mit der Homöopathie vermeiden, uns mit psychologisch zu deutendem Verhalten zu beschäftigen?

Die Homöopathie ist keine Religion, auch wenn die Haltung ihrer Anhänger das nahelegt, sondern ein medizinisches Therapieverfahren, dessen Theorie - nach objektiven Kriterien bewertet – auf systematischen Fehlleistungen beim Wahrnehmen und Urteilen beruht.



- Fortsetzung in Teil 2 -
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# excanwahn 2016-04-11 16:45
Hallo Herr Schönig,

(Fortsetzung, Teil 2)

Diese kognitiven Verzerrungen durchziehen die gesamte homöopathische Lehre und sind auch die Ursache für positive Bewertungen der Homöopathie. Nun braucht es, um die Fehlerhaftigkeit der homöopathischen Lehre zu erkennen, nicht mehr als normale intellektuelle Fähigkeiten und eine einigermaßen solide Schulbildung.

Das Problem ist aber, dass genau diese Fähigkeiten zur kritischen Auseinandersetzung bei der Bewertung der Homöopathie durch ihre Anhänger keine Bedeutung haben – was zwangsläufig die Frage nach den Mechanismen aufkommen lässt, die für Überzeugungen ohne berechtigten Anlass sorgen?

Wir werden deshalb, ob es uns gefällt oder nicht, im Umgang mit diesem Phänomen auf Dauer nicht ohne eine soziologische und/oder psychologische Deutung, Bewertung und Benennung auskommen, auch wenn uns dafür möglicherweise noch die angemessenen Begriffe fehlen.

MfG, excanwahn
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