Krank

Psora + Sykose + ererbte Sykose + Tuberkulinie + Lepröses Miasma+Syphilis + Akutes Miasma + Typhus + Ringwurm + Spiegelmiasma + Skrophulose + Egolyse + Miasmensplitting + Egotropie + primäre Psora + Überfunktion+Pseudopsora+Haltepunkt + Krätze + Carcinogenie

 

Der Begriff Miasma kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Befleckung" (oder "Verunreinigung").

In der klassischen Medizin, lange bevor man über Viren und andere Mikrooganismen als Krankheitserreger Bescheid wusste, verstand man darunter Ausdünstungen und üble Gerüche, die als Ursache für Krankheiten angesehen wurden. Diese Lehre gilt heute als überholt, sie hat aber durchaus zu richtigen Schlussfolgerungen geführt. Das Trockenlegen von Sümpfen, um den Gestank der Faulgase zu unterbinden, hat auch den Mücken als Krankheitserreger die Brutgebiete entzogen. Das Absondern der übel riechenden Pestkranken hat auch das Risiko der weiteren Ausbreitung gemindert.

Bei Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, hatte jedoch der Begriff des Miasmas eine ganz andere Bedeutung. Er verstand hierunter die tieferen Ursachen für chronische Krankheiten, die er mit seinem normalen Verfahren der Homöopathie nicht heilen konnte. Als Ursache für das Versagen nahm Hahnemann an, dass es tiefer sitzende Überbleibsel älterer nicht ausgeheilter 'Urübel' gab, eben die Miasmen, die sich nicht durch die äußere Symptomatik erkennen ließen. Diese hielt er sogar für vererbbar.

"Obwohl (...) heutigen Homöopathen der derzeitige wissenschaftliche Stand der Medizin bekannt ist, sprechen (sie) heute noch von "Miasmen", wenn (sie) bestimmte Phänomene meinen, die in der homöopathischen Praxis beobachtet werden. Homöopathen, die das Werkzeug "Miasmatik" in ihrem Werkzeugkasten haben, sehen, dass viele Beschwerden auf eine oder mehrere andere verborgene Ursachen zurückgeführt werden müssen." (Quelle)

Was stimmt an dieser Aussage der Homöopathie?

Der Fehler begann als gute Idee bei Hahnemann

Beginnen wir bei Hahnemann. Seine letzte wichtige Veröffentlichung, "Die chronischen Krankheiten", wirkt auf den ersten Blick wie das Spätwerk eines mittlerweile verbitterten Greises. Dieses Bild verflüchtigt sich aber, wenn man sich näher mit dem Text beschäftigt. Man kann darin ein Paradebeispiel dafür sehen, dass man trotz einigermaßen folgerichtiger Ideen und Überlegungen zu falschen Schlussfolgerungen gelangen kann. Für seine Zeit waren die Erkenntnisse Hahnemanns beachtlich und innovativ! Auch stand er mit seiner Sichtweise der chronischen Krankheiten der modernen Medizin und Naturwissenschaft wesentlich näher, als seine heutigen Nachfolger, welche die Lehre von den chronischen Krankheiten "weiterentwickelt" haben und immer noch nutzen (trotz besseren Wissens).
Hahnemann war bekannt, dass viele Krankheiten "durch etwas" übertragen werden, also z.B. durch den Kontakt oder die Nähe zu einem Erkrankten oder einer anderen Infektionsquelle, einem tollwütigen Hund zum Beispiel. Er konnte also durchaus feststellen, dass eine - mit seinen Mitteln - nicht mehr feststellbare winzige Menge eines unbekannten Giftes zu erheblichen Beeinträchtigungen und Krankheitserscheinungen führen kann. Warum sollen dann nicht winzigste Mengen eines Heilmittels ebenfalls umfassende Wirkung zeigen können? Die Genese einer Infektionskrankheit, die Vermehrung der Erreger im Körper des Betroffenen, blieben ihm ja mangels Mikroskop verborgen. Hahnemanns Forderung, seine Medikamente in möglichst kleinen Gaben zu verabreichen, ist daher nicht so abstrus, wie es uns heute zunächst erscheint.
Hahnemann hatte durchaus richtig beobachtet, dass es Beschwerden gab, die sich oberflächlich durch Symptome auf der Hautoberfläche äußerten, aber nicht durch ein Behandeln dieser Symptome heilbar waren. Das ist das Bild, das wir auch heute von einigen Infektionskrankheiten haben, wie z. B. Masern, Windpocken etc.
Hahnemann tat das, was ein Wissenschaftler zu seiner Zeit machen musste: Er beobachtete "die Natur" und leitete daraus seine Erkenntnisse ab. Er beobachtete also tatsächlich Phänomene - und erklärte sie im Rahmen seiner Möglichkeiten. So weit, so gut. Doch er machte einen Fehler.

Ende der Homöopathie bei chronischen Krankheiten fehlgedeutet

Zunächst ist zu bedenken, dass Hahnemann unter einer "chronischen Krankheit" sicher nicht das Gleiche verstand wie wir heute, sondern es sich einfach um Symptome handelte, die er mit seiner normalen Vorgehensweise nicht erfolgreich behandeln konnte. Chronische Krankheiten waren also alle diejenigen, die sich der Homöopathie widersetzten.
Er sah an diesem Punkt aber nicht etwa, dass seine Homöopathie wohl nicht wirklich heilen konnte, sondern entspann eine Theorie: wonach etwas die Wirkung verhindern würde!
Im Kernpunkt führt er die chronischen Erkrankungen des Menschen, und zwar alle, ohne Ausnahme, auf drei Urübel zurück: Die Syphilis (Geschlechtskrankheit), die Sykosis ("Feigwarze", ebenfalls sexuell übertragbare Krankheit) und die Psora ("Krätze").
Aus seinen Beobachtungen leitete Hahnemann das Vorgehen bei der Behandlung dahingehend ab, dass bei der "miasmatischen Behandlung" zunächst die Natur der inneren verborgenen Krankheit in Erfahrung gebracht werden müsse, also im Anamnesegespräch frühere Infektionen herausgearbeitet werden müssen. Die homöopathische Behandlung muss sich zunächst auf diese innere Krankheit beschränken. Das vorzeitige Beseitigen der äußeren Hautbeschwerden nähme der inneren Krankheit nur das Ventil, woraufhin sich diese noch viel grässlicherer Ausdrucksmittel bedienen würde. Wenn man unter Hahnemanns Miasma eine unbehandelte Infektionskrankheit versteht, dann klingt die obige Behandlungsvorschrift auch aus heutiger Sicht gar nicht so unsinnig. Hätte er anstelle seiner Kügelchen Antibiotika verwendet - die gab es aber erst ein paar Dutzend Jahre später - wäre die Vorgehensweise durchaus erfolgsversprechend.
Hahnemann hatte aber nun mal nur seine Homöopathie eingesetzt. Unwahrscheinlich, dass er damit tatsächlich eine Syphilis-Infektion erfolgreich behandelt haben könnte. Das hatte ihn aber nicht von seinen Vorstellungen abgebracht, denn er nahm gleichzeitig an, dass eine Krankheit um so schwieriger zu behandeln sei, je länger sie bereits andauerte. Und eine zwanzig oder dreißig Jahre alte Infektion zu beseitigen, muss daher fast unmöglich gewesen sein, insbesondere, wenn der Patient durch Fehlbehandlungen seitens der Allopathen "verpfuscht" worden war. Wenn also eine Heilung einer miasmatischen Erkrankung nicht gelang, dann lag das an der Hartnäckigkeit der Krankheit, nicht an den Mängeln der Therapie. So weit verfügte Hahnemann aus seiner Sicht über ein durchaus stimmiges Weltbild, das in manchen Aspekten erstaunlich gut mit dem heutigen Kenntnisstand über Infektionen übereinstimmt.
Hahnemann hatte also aus seinen Beobachtungen durchaus eine folgerichtige Induktion aufgebaut - und sich dennoch geirrt. Es ist einfach nicht zutreffend, dass alle Beschwerden, die sich nicht auf Anhieb mit der Homöopathie behandeln lassen, auf drei Haut- und Geschlechtskrankheiten zurückzuführen sind. Auch wenn man unterstellt, dass die Abgrenzung zu anderen Krankheitsbildern mit ähnlicher Symptomatik nicht unbedingt klar und deutlich war.

Wie hätte man diesen Irrtum feststellen können?

In der Wissenschaft ist die Induktion, also die Schlussfolgerung von Beobachtungen auf vermutete Gesetzmäßigkeiten, ein wichtiger Schritt. Aber wie man sieht, man kann da auch in die Irre gehen, wenn man die Zusammenhänge falsch einschätzt. Daher ist es wichtig - und heute üblich -, die abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten in einem zweiten Schritt zu überprüfen und das Ergebnis später zu veröffentlichen und so der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Diskussion zu stellen.
Die Aussage, dass die chronischen Beschwerden von den drei betrachteten Krankheiten verursacht werden, kann auf zwei Weisen falsifiziert werden:

  • Treten chronische Beschwerden auch bei Menschen auf, die keine entsprechende Krankengeschichte aufweisen?
    Damit hätte man herausfinden können, dass es auch chronische Krankheiten gibt, die eine andere Ursache haben und hätte daraufhin die Ursachenforschung erweitern können.
  • Treten in allen Fällen, in denen eine der als Ursache angenommenen Infektionen nur äußerlich behandelt wurde, die chronischen Beschwerden auf?
    Dies hätte die Behandlungsstrategie verbessern können. Beispielsweise hätte sich gezeigt, dass die Krätze tatsächlich nur eine durch Milben verursachte, auf die Haut beschränkte, Erscheinung ist.

Lassen wir dabei einmal außer Acht, dass ein Studiendesign, das dieses untersuchen könnte und dabei gleichzeitig mit ethischen Gesichtspunkten vereinbar wäre, nur schwierig zu realisieren sein dürfte. Hier geht es lediglich darum, aufzuzeigen, wie die Wissenschaft sicherstellt, dass Fehlschlüsse, wie sie hier Hahnemann unterlaufen sind, ausgeschlossen werden. Wie man sieht, versucht man die gefundene Regel zu widerlegen, indem man untersucht, ob das Gegenteil zutreffend sein könnte. Widersprüche führen zu einer Überprüfung der Regel. Hier hätte sich ein weites Feld aufgetan, aber dieses Vorgehen war nicht üblich.

Die miasmatische Behandlung heute

Es scheint gerechtfertigt, die Miasmen Hahnemanns als eine Bezeichnung für das im Inneren des Körpers ablaufende Geschehen bei einer unbehandelten und fortbestehenden Infektion zu verstehen. Dann wäre diese Vokabel mit den zunehmenden Kenntnissen über virale und bakterielle Infektionskrankheiten in der Vergangenheit überflüssig geworden. Auch sind heute viele chronische Krankheiten zumindest so weit bekannt, dass sie ihre Ursache nicht in früheren Infektionen haben (Rheuma, Diabetes, COPD etc.). Dennoch lebt das Miasma und seine Behandlung in der homöopathischen Literatur fort und wird quasi, wie im Eingangszitat erwähnt, als Parallelwissen zum heutigen Kenntnisstand gehandelt.

Es gibt jedoch bis heute keine einheitliche Definition von Miasmen oder eine allgemein gültige/akzeptierte Einteilung. Miasmen gibt es nach Hahnemann, Gienow, Sankaran, Scholten, Masi-Elizalde, Sanchez-Ortega, Burnett, Allen, Sonnenschmidt, Laborde, Vijayakar, Banergea, Banerjee und vielen anderen mehr. Dabei werden zwischen 3 und 12 Miasmen unterschieden. Gewisse Miasmen selbst scheinen vollständig in das Reich der Esoterik abgedriftet zu sein. Bei den Homöopathen sind also vielerlei unterschiedliche Verfahren als "miasmatische Behandlung" bekannt. Zu stören scheint das nicht. Alle beobachten natürlich "Phänomene" und alle berichten von Heilerfolgen - aber nicht von eklatanten Widersprüchen.

Damals interessant - heute falsch und dogmatisch

Man kann Hahnemann zugestehen, in der Natur zumindest einiger chronischer Beschwerden gar nicht so falsch gelegen zu haben und nur durch die beschränkten Möglichkeiten seiner Zeit zwangsläufig in seinen Irrtümern gefangen geblieben zu sein. Also in seinem Erkenntnisprozess durchaus einen richtigen Weg eingeschlagen zu haben, dabei allerdings in einem frühen Stadium verblieben zu sein.
Für seine Nachfolger, insbesondere die modernen, die Miasmentheorie bearbeitenden Homöopathen wie Masi-Elizalde (1933-2003), Sankaran (* 1960) oder Gienow (*1960), gilt diese wohlwollende Betrachtung ausdrücklich nicht. Sie könnten besser wissen, dass 1. die Miasmentheorie widerlegt und durch besseres Wissen ersetzt ist und dass wir 2. alle möglichen Phänomene nach Art einer self-fulfilling-prophecy irgendwie erklärbar machen können. Nur, im Gegensatz zu Hahnemann, haben wir heute Möglichkeiten mit Hilfe der Wissenschaft, dabei Fehler und Fehlwahrnehmungen aufzuspüren und zu korrigieren. Diesem Vorgehen verweigern sich Homöopathen jedoch konsequent und bleiben lieber in ihrer Luftblase aus Ideen von vor 200 Jahren gefangen. Der Wissenschaft allerdings werfen sie vor, sie möge doch auch "endlich mal über ihren Tellerrand hinaus schauen".

 

 

(Autoren: Dr. Norbert Aust, Dr. med. Natalie Grams)

Mehr zum Thema Miasmen auch hier.

Foto: Wikipedia Commons The Yorck Project/Directmedia Publishing GmbH (Gemälde: Pietro Longhi)

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Kommentare  

# Heinz Pscheidl 2017-03-29 19:04
Hallo,
ich bin seit über 25 Jahren als Homöopath tätig (Heilpraktiker) und reibe mich – wie Sie – an den vielen verschiedenen miasmatischen Interpretationen. Für mich ist zunächst einmal der Maßstab Hahnemanns Lehre, die seiner Nachfolger möchte ich hier nicht verteidigen, da sie sämtlich von seinen Vorgaben abweichen, allermeist ohne Not und ohne überzeugende Begründung.

Ich möchte im Folgenden Ihren Artikel gerne in einigen Punkten kommentieren und würde mich über ein Feedback freuen. Wir können auch gerne auf diesem Wege in eine lockere Diskussion einsteigen. Ich werde sporadisch an diesem Punkt weiter machen.

1) Heilung von Infektionskrankheiten durch Homöopathie, speziell zur Syphilis. Sie schreiben:

"Hahnemann hatte aber nun mal nur seine Homöopathie eingesetzt. Unwahrscheinlich, dass er damit tatsächlich eine Syphilis-Infektion erfolgreich behandelt haben könnte."

Hahnemann beschrieb einen Fall in seinen CHRONISCHEN KRANKHEITEN (Fußnote S. 117f): "Ein Ziegelmeister aus dem sächsischen Erzgebirge, dessen lüderliche Gattin ihn mit einem venerischen Uebel an den Zeugungstheilen angesteckt hatte, was durch des Kranken Beschreibung nicht deutlich ward,
ob es Schanker oder Feigwarze gewesen, war durch die angreifendsten Quecksilbermittel so gemißhandelt worden, daß das Zäpfchen verloren, der Gaumen durchbohrt und die Nase so ergriffen war, daß die fleischichten Theile meist schon weggefressen, daß Uebrige geschwollen und entzündet, von Geschwüren, wie eine Honigwabe, durchlöchert worden, unter großen Schmerzen und unerträglichem Gestanke.
Noch hatte er ein psorisches Geschwür am Unterschenkel. Die antipsorischen Mittel besserten die Geschwüre bis zu einem gewissen Grade, heilten das Fußgeschwür und nahmen den Brenn-Schmerz und den meisten Gestank der Nase hinweg, auch die Mittel gegen Sykosis besserten etwas – aber im Ganzen ward nichts weiter ausgerichtet, bis er eine kleine Gabe Quecksilber-Oxydul erhielt, worauf alles schnell heilte und seine völlige Gesundheit (außer jenem Verluste der unersetzlichen Nase u.s.w.) wiederkehrte."

So viel aus der Praxis Hahnemanns (interessant ist übrigens sein Hinweis auf die Normalisierung der Narbenfarbe, wie sieht denn das nach Antibiotika-Therapie aus?)

Es gibt eine ganze Reihe weiterer Fallschilderungen in den homöopathischen Periodika seiner Zeit, Sie können diese z. B. im Stapf-Archiv finden. Der beeindruckendste und dramatischste im Band 12 (1832, S. 94-100), beeindruckend wegen des lebensgefährlichen Zustands des Kranken und auch wegen der drei beteiligten Totalitäten Psora-Syphilis-Mercurialisierung (= Kunstkrankheit).

Noch ein Beispiel? Kennen Sie den Burnett-Fall aus seinem Buch "Fisteln" (S. 53ff), eine meisterhafte Therapie einer Kombination von Gonorrhoe-Tuberkulose-Syphilis.

Ich könnte viele weiter Literatur-Beispiele bringen, unter anderem von einem Enkel Hahnemanns, von Wislicenius, Trinks, Attomyr, Aegidi ...
Aber mir ist klar, man könnte auch hiermit keine Zweifler wie Sie beide überzeugen.

Was Sie sich allerdings unbedingt besorgen sollten, ist das Buch von Donner: "Ueber Spätformen von angeborener Syphilis (Syphils congenita tarda) in Form einer Casuistik" (1896). Das ist ein wahrlich sensationelles Buch und der Schwere der Krankheit in seiner Ausführlichkeit angemessen – 51 homöopathische Fallschilderungen der Therapie hochgradig Syphiliskranker!)
Der Mann wußte, wovon er spricht und wie er die Syphilis erfolgreich therapiert (vor der Salvarsan-Zeit, wohlgemerkt).
Gehört in jede Arztpraxis, auch wegen der Verläufe. Gibt es als Nachdruck oder – wenn Sie vorab einen Blick hinein werfen wollen, hier:
https://archive.org/stream/uebersptformenv00donngoog/uebersptformenv00donngoog_djvu.txt

Das nächste Mal könnte ich etwas genauer auf die Forderung Hahnemanns zur Differentialdiagnose eingehen – ein ganz wesentlicher Punkt zum Verständnis aller Krankheiten (auch des von Ihnen als nicht durch Infektionen verursachten Rheumas, Diabetes, COPD ...), unter anderem ein Grund für die tiefen Gräben zwischen Miasmatikern und deren Kritikern sowie sogar zwischen den verschiedenen Miasmenrichtungen.
Vielleicht kennen Sie meine Rezension des miasmenkritischen Buchs von R. Methner in der Homöopathie Zeitung ( III 2013 / S.98-105)?

Mit freundlichen Grüßen und bis demnächst
Heinz Pscheidl
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# Heinz Pscheidl 2017-03-31 08:09
Hallo (2),

hier der zweite Teil meiner Kommentare – wobei es immer noch um die Behandlung schwerer Infektionskrankheiten geht.

Zunächst einige persönliche Bemerkungen. Ich hatte als Dipl.-Ing. (Elektrotechnik / Aachen wie ) stets meine Schwierigkeiten mit der homöopathischen Lehre, insbesondere mit den Potenzierungen jenseits der Loschmidt'schen Zahl (jenseits der reinen Stofflichkeit).
Das endete abrupt, als ich mit meiner damaligen Partnerin in Mexiko weilte und sie sich einen Typhus zugezogen hatte. Die schulmedizinische Therapie brachte keine Besserung und durch Zufall entdeckte ich in der Tageszeitung "Uno mas Uno" einen Bericht über die Homöopathie. Wir probierten es aus bei einem Homöopathen ganz in der Nähe (es gibt sehr viele von ihnen in Mexiko) und bereits am folgenden Tag ging es meiner Partnerin deutlich besser – sie hatte PULSATILLA bekommen, was auch binnen kurzen ausheilte.
Ab diesem Zeitpunkt ließ mich die Homöopathie nie wieder los und wurde Heilpraktiker und machte eine Drei-Jahres-Ausbildung an der stark miasmatisch orientierten Clemens-von Bönninghausen-Akademie.

Hier nun als Ergänzung hier der bereits erwähnte Fall des englischen Homöopathen BURNETT (aus seinem Buch "On Fistula, and its radical Cure by Medicines" S. 53ff. Da es nur eine äußerst schlechte Übersetzung ins Deutsche gibt, habe ich selbst übersetzt)

Harnröhrenfistel
Vor ungefähr sieben Jahren kam ein Londoner Amtsmann in meine Behandlung wegen gewöhnlicher Gonorrhoe. Er ist ansonsten ein guter, gewissenhafter Mensch, aber er erwarb sich den Lohn der Sünde gleich zu Beginn und befand sich nun in einem Zustand großer geistiger Verwirrung.
Nach gründlicher Untersuchung war ich in der Lage, ihm zu versichern, er hätte eine gonorrhoische Urethritis und sonst nichts; es bestand absolut kein Zeichen oder Verdacht, dass sich darunter noch etwas verbergen könnte.
ACONIT, HEPAR, HYDRASTIS, und CYNOSBATI
wurden verabreicht, und nach ca. sechs oder sieben Wochen glaubte ich, es geschafft zu haben, da lediglich ein wenig Harnröhrensickern übrig blieb.
Jedoch eines Tages berichtete er mir, ohne irgendwie besorgt zu sein, er glaube, er habe sich eine Erkältung zugezogen und ein Furunkel im Schritt, außerdem einige Knoten in der Leiste und einen Nesselausschlag auf dem Körper. Der Kenner mag meine völlige Verblüffung verstehen, als ich eine typische syphilitische Roseola auf seinem gesamten Körper feststellte, besonders auf Brust und Abdomen, alle oberflächlichen Drüsen des Körpers waren vergrößert und verhärtet.
Damit nicht genug, auf der unteren Oberfläche des Gliedes, in einem Abstand von 2 Inch (ca. 5 cm) von dessen Ende, genau vor der Prostata befand sich tatsächlich ein sehr hartes "Furunkel" von der Größe einer Stachelbeere. Ich begann mein Werk sehr energisch mit einer antisyphilitischen Behandlung (homöopathisches Mercurius in tiefer Potenz, Anm. d. Übers. – siehe unten), und innerhalb weniger Wochen hatten sich die Roseola und andere hervorstechende Symptome sehr verringert. Jedoch entwickelte der Patient nun einen Haarausfall, und die Nackendrüsen waren sehr vergrößert und hervorstehend. Während all dieser Zeit hielt der Harnröhrenausfluss an, der zurückgekehrt war.
Just als ich dann schließlich wähnte, sowohl die Gonorrhoe als auch die Syphilis besiegt zu haben, kam der Patient eines schönen Tages vorbei und teilte mir mit, er hätte ein "Leck" an der Stelle des "Furunkels", da besagtes "Furunkel" aufgebrochen war. Horribile dictu. Ich fand eine völlig entwickelte Harnröhrenfistel vor, die von einem dicken harten Wall umrandet und ausgekleidet war (deutlicher Hinweis auf Syphilis, Anm. d. Übers.). Einige weitere Monate hartnäckiger Behandlung bewirkte zu guter letzt die Heilung der Gonorrhoe und der meisten syphilitischen Manifestationen, die schreckliche Fistel jedoch blieb beharrlich bestehen, trotz MERCURIUS, AURUM, NITRICUM-ACIDUM, STILLINGIA, IODUM, SILICEA und einiger anderer scheinbar geeigneter Arzneien.
Ich verzweifle nicht so schnell an einem Fall, aber als sich klare tuberkulöse Symptome zu zeigen begannen, bekam ich es wahrlich mit der Angst zu tun, und ich hielt es für meine Pflicht, meinem bedauernswerten Patienten mitzuteilen, er hätte sich einer Operation an der Harnröhrenfistel zu unterziehen, da sie ihn zu erschöpfen schien. Jedoch überdachte ich die Angelegenheit ein paar Tage lang und kam zu dem Schluss, dass die Fistel nicht nur syphilitisch sondern auch TUBERKULÖS wäre, obwohl ich auch heute noch nicht verstehe, wie die Infektion innerhalb der Harnröhre einige Inch von der Öffnung entfernt übertragen worden sein könnte
Ich gab abwechselnd MERCURIUS D 3 mit sehr seltenen Gaben von BACILLINUM C 100 (6 grain von den ersteren und ebenso viele Globuli der letzteren, je Gabe). Zur gleichen Zeit verordnete ich ihm eine sehr reichhaltige Ernährung mit großzügig viel Wein.
Resultat - In wenigen Monaten war der Patient in jeder Hinsicht völlig gesund; die verhärteten Drüsen normalisierten sich wieder, das Haar wuchs erneut, die Nachtschweiße hörten auf, die Fistel heilte völlig ab, die Sklerose drumherum verschwand, und der Patient nahm zu und gewann wieder sein früheres gesundes Aussehen.
Ich möchte diese lange Geschichte beenden mit der Bemerkung, dass die Besserung, die begann, sobald der Patient auf die letztgenannte Doppelverschreibung erhielt, wirklich erstaunlich war. Viele Wochen lang stoppte sie sofort, wann immer ich die Behandlung wegen anderer Arzneien unterbrach. Aus diesem Grund musste ich immer wieder darauf zurückkommen. BACILLINUM wurde jedoch niemals häufiger als alle vier Tage gegeben, MERCURIUS dreimal täglich. Schaut man sich diesen Herrn heute an, würde niemand vermuten, was er durchgemacht hat. Aux grands maux, les grand remèdes, heißt es in Frankreich. Dieser Fall erinnert uns zwangsläufig an Hunters berühmten Selbstversuch. Dies ist ein Fall von Harnröhrenfistel, ein sehr schlimmer sogar, und seine perfekte und dauerhafte Heilung mittels Arzneien sollte uns alle ermutigen, auch Harnröhrenfisteln ausschließlich arzneilich zu behandeln - etwas, was wahrscheinlich niemals auch nur versucht wurde. Vielleicht sollte ich hinzufügen, um Fehlern oder Missverständnissen vorzubeugen, dass absolut keine örtlichen Anwendungen zum Einsatz kamen, nicht einmal ein Stück Verbandsstoff.

Soweit der große J.C. BURNETT (1840-1901), der 25 Bücher zur homöopathischen Therapie veröffentlicht hat, u. a. über Herzkrankheiten, epigenetische Therapie in der Schwangerschaft, Venen- / Haut- / Leber- / Milzerkrankungen, Sepsis, Neuralgien, grauer Star, Tuberkulose [akute und chronische, epigenetische vererbte], Tumoren [allgemeine Lokalisationen, Brusttumoren], Fisteln, Pockenimpfungsfolgen, Gicht, behinderte Kinder, Frauenkrankheiten [Organerkrankungen, Wechseljahreserkrankungen], vergrößerte Tonsillen].
Bücher, die neben ihrem medizinischen Wert auch noch glänzend geschrieben sind und oft zum Schmunzeln anregen, trotz der ernsten Themen.
Für Einsteiger – Laien wie Therapeuten – eignet sich am besten das Buch "Die homöopathische Behandlung oder Fünfzig Gründe, warum ich ein Homöopath bin" (50 beeindruckende Fallbeschreibungen).

Viel Spaß und viele Erkenntnisse dabei
Heinz Pscheidl
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# NatalieGrams 2017-03-31 09:34
Lieber Herr Pscheidl,
wir bedanken uns für die ausführliche Schilderung Ihrer Erfahrungen mit der Homöopathie. Sicherlich sind solche Erfahrungen ganz überzeugend für Sie und mir ging es mit ähnlichen Erfahrungen ja nicht anders. Bitte sehen Sie doch einmal in unsere Artikel zum Thema "Warum meine Erfahrung nicht zählt" (um über ein Therapieverfahren sagen zu können "es wirkt"). Wir Menschen unterliegen in unserer Wahrnehmung so vielen Selbsttäuschungsmechanismen und viele davon finden in der Homöopathie statt. Das ist einerseits traurig, andererseits ein Fakt, den wir nicht vergessen dürfen, da es ja nicht nur um unsere persönliche Erfahrung geht, sondern darum dass wir versuchen mit der Homöopathie kranke Menschen gesund zu machen. Da haben wir eine besondere Verantwortung, uns an Fakten zu halten.
Beste Grüße, Natalie Grams von INH-Team
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# Heinz Pscheidl 2017-04-07 08:09
Liebe Frau Grams,
es scheint, haben Sie meinen Kommentar nicht ganz gelesen?

Um meinen Weg zur Homöopathie und zum Homöopathen kurz zu beschreiben, habe ich nur fünf Zeilen benötigt.
Auf knapp 60 Zeilen hingegen geht es um die spektakuläre Heilung eines jungen Mannes, der sich zur gleichen Zeit drei schwerste Infektionen zugezogen hat. Ein Fall des bekannten englischen Homöopathen JC Burnett, der in 25 Büchern weit über 1000 Heilungen größtenteils schwerster Erkrankungen beschreibt.

Bitte speisen Sie mich zukünftig nicht mehr mit einer solchen "Standard-Antwort" ab. Die Auseinandersetzung um die Wirksamkeit der Homöopathie sollten wir fundierter führen, so doch der Anspruch von "netzwerk-homoeopathie.eu" – oder irre ich mich da?

Mit freundlichen Grüßen
Heinz Pscheidl
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# Heinz Pscheidl 2017-04-25 16:10
Liebe Frau Grams,

hier mein wohl letzter Kommentar zum Thema: Heilung von Infektionskrankheiten (Miasmen) mithilfe der Homöopathie.

Sie haben vielleicht die kürzlich gesendete sechsteilige Serie "Charité" gesehen, in der es ganz wesentlich auch um die Forschung ROBERT KOCHs zur Behandlung der Tuberkulose geht.
Der in meinem obigen Kommentar zitierte englische Homöopath BURNETT war ein Zeitgenosse KOCHS und hatte bereits seit 5 Jahren homöopathische Erfolge mit der Behandlung von Tuberkulose. Im Vorwort seines Buches "Bacillinum - Die neue Heilmethode der Schwindsucht (= Tuberkulose) mit ihrem eigenen Erreger" äußert er seine Meinung zur Methode KOCHs, der gerade als Held der Medizin gefeiert wurde wegen seiner sog. Tuberkulin-Injektionen bei akuten Tbc-Kranken. Es handelte sich hierbei um das Einspritzen von laborgezüchteten Tuberkulosebakterien, und KOCH hatte große Anfangserfolge zu vermelden. BURNETTs Originaltext:

"Ich habe eine sehr hohe Meinung von Kochs Arznei ... und ich weiß, dass er auf der richtigen Spur ist. Ich bin mir dessen sicherer als Koch selbst, denn ich verwende es fünf Jahre länger als er, und er muss noch beweisen, dass seine Ergebnisse zufrieden stellend sind. Es gibt allerdings einen Unterschied und zwar die Art und Weise, wie es dem Menschen verabreicht wird. Ich verwende das Mittel in hoher Potenz [C30, C200 Anm. d. Übers.] und brauche keine Furcht zu haben vor den spürbaren Gefahren, die Kochs Methode der subkutanen Injektion in materiellen Mengen oder, mit anderen Worten, der Verabreichung direkt ins Blut darstellt. Falls natürlich Dr. Kochs Dosierung und Verabreichungsart bessere Resultate erbringt als meine, wird das Koch'sche Verfahren übernommen werden müssen. Aber meine augenblickliche Meinung tendiert eher zum Gegenteil."

Knapp ein Jahr danach ist das Fiasko der Kochschen Methode offenbar. Ein großer Teil der Patienten ist kränker als vorher, viele sind an den Folgen der Behandlung gestorben. BURNETT bringt eine zweite Auflage seines Buches heraus (1894) und zieht Bilanz:

"Koch wurde zum Halbgott gemacht, und seine Arznei in den Himmel gelobt. Jetzt aber hat die Reaktion eingesetzt. Koch hat die Vergötterung bescheiden zurückgewiesen, wie es ein gewisser Paul und Barrabas taten. Und nun ist jeder medizinische Pygmäe groß genug, um einen Stein auf Koch zu werfen. Und seine Arznei? Allgemein niedergeschrieen als 'nutzlos zur Heilung und furchtbar gefährlich'. ... Was derzeit den Kochismus auf seinem Weg zu weiteren Erfolgen blockiert, ist das schreckliche Zugeständnis, das man bzgl. der therapeutischen Wirksamkeit infinitesimal kleiner Dosen machen müsste. Die kleine Dosis ist das große Hindernis ... Homöopathie ist das Siegerpferd des medizinischen Weltderbys."

Soviel zu bakteriellen Erkrankungen. Noch kurz das Beispiel einer Viruserkrankung (HPV) aus meiner eigenen Praxis.

Eine 34-jährige Patientin kommt wegen progredienter Wurzelentzündungen an vitalen Zähnen (1. Quadrant). Einer der Zähne musste bereits extrahiert werden. Nun ist die Entzündung auf die benachbarten Zähne übergegangen. Fallaufnahme: Mehrere Amalgamfüllungen; einige konstitutionelle (psorische) Symptome, die bereits viele Jahre vor der Wurzelerkrankung vorhanden waren; sowie eine ehemalige Feigwarzen-Erkrankung (nahe des Afters). Der behandelnde Arzt führte mehrere lokale Behandlungen durch, bis nach drei Monaten endlich sämtliche Warzen verschwunden waren. Kurz darauf wurde die erste Wurzelentzündung diagnostiziert.
Meine Therapie: 1) Amalgamsanierung unter Schutzmaßnahmen. 2) Besserung der konstitutionellen Symptome durch zwei Antipsorika. 3) Nun war der Weg frei für die Behandlung der Sykose (Feigwarzenkrankheit), deren Unterdrückung offensichtlich die Zahnwurzelproblematik zur Folge hatte: Thuja occ. LM 18 (Hochpotenz).
Verlauf: Innerhalb weniger Tage verschwanden das Entzündungsgefühl und die Schmerzen im Kieferbereich, gefolgt von einer dauerhaften Heilung der Wurzelentzündungen unter Wiedererscheinen der Feigwarzen (!) – also eine echte Kausalbehandlung der stattgefundenen Unterdrückung, ein in der Schulmedizin unbekannter Zusammenhang.

Würden Sie die Erfolge BURNETTs wirklich als "Selbsttäuschung" bezeichnen wollen, wie auch die geheilten Syphilisfälle von DONNER (siehe oben)?

In diesem Sinne mit freundlichen Grüßen
Heinz Pscheidl
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# NorbertAust 2017-04-26 09:18
Sehr geehrter Herr Pscheidl,
vielleicht nehmen Sie ja mit meiner Antwort vorlieb:
Ich habe mir Ihre Kommentare durchgelesen, mir ist allerdings nicht ganz klar geworden, was Sie uns damit mitteilen wollen. Geht es Ihnen darum, die Homöopathie als eine wirksame Therapieform zu präsentieren? Dazu ist die Aufzählung und Beschreibung von einzelnen positiv verlaufenen Fällen nicht geeignet.
Dass es Fälle gibt, dass Patienten genesen, während sie sich einer homöopathischen Behandlung unterziehen, ist hinlänglich bekannt. Dass dies nicht zwangsläufig bedeutet, dass die homöopathische Therapie auch die Ursache für die Heilung ist, können Sie hier nachlesen:
http://www.netzwerk-homoeopathie.eu/faq/40-mir-hat-die-homoeopathie-aber-geholfen
Dass Einzelfälle - und seien es auch noch so viele - nicht als Evidenz gelten können, kann man sich anhand des folgenden Beispiels klarmachen: Beweist die hohe Zahl von Rauchern, die erst in einem hohen Lebensalter gestorben sind bzw derzeit schon sehr alt sind, dass Rauchen eine wirkungsvolle Therapie zur Verlängerung des Lebens ist? Winston Churchill, Marlene Dietrich, Loki und Helmut Schmidt, Charles Aznavour, Johannes Heesters, Mao tse Tung, Kirk Douglas ... um nur mal ein paar bekannte Namen aufzuzählen.
Das Beispiel soll mehrere Aspekte verdeutlichen:
Mit Fallbeispielen kann kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen werden. Die genannten Personen waren ohne Zweifel Raucher, haben ohne Zweifel ein hohes Lebensalter erreicht, aber dass dies durch das Rauchen verursacht wurde, ist ziemlich ausgeschlossen. So sind auch Fallstudien in der Homöopathie zu sehen. Die Patienten hatten Beschwerden, die nach einer homöopathischen Behandlung verschwunden waren, was nicht bedeutet, dass die Homöopathie auch die Ursache für den Erfolg darstellt.
Sofern das Rauchen als Ursache ausscheidet, ist offensichtlich, dass es andere Umstände gegeben haben muss, die zu dem langen Leben der genannten Raucher geführt hat. Diese Umstände sind vermutlich nur zufällig bei den genannten Personen aufgetreten, und es werden immer wieder ebenso aus zufälligen Gründen Raucher ein hohes Alter erreichen. Ebenso ist das bei der Homöopathie zu sehen. Es wird auch in Zukunft immer wieder Fälle geben, wo sich nach der Einnahme von prinzipiell wirkungslosen Homöopathika aus irgendwelchen unbekannten anderen Gründen eine Besserung ergibt.
Man kann natürlich jederzeit die positiven Fälle finden und aufzählen - also Cherrypicking betreiben - aber darauf kann mangels Kausalität keine treffende Schlussfolgerung zur Wirksamkeit aufgebaut werden. Cherrypicking ("Rosinenklauberei") ist das, was die Homöopathen gerne mit ihren Fallstudien betreiben, um damit ein unzutreffendes Bild einer wirksamen Therapie zu erzeugen. Zu einem vollständigen Bild würden auch Fallstudien gehören, bei denen die Homöopathie nicht geholfen hat oder in denen die Patienten auch ohne Homöopathie eine Besserung erfuhren. Ich bin sicher, diese Fälle gibt es. Alleine, solche Fallstudien habe ich zur Homöopathie noch nie gesehen. Dass man sich als Therapeut im Rückblick mehr an seine (vermeintlichen) Erfolge erinnert und die anderen Fälle verdrängt hat, bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt.
Sollten Sie noch Fragen haben, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung bzw. leite die Frage an einen unserer ärztlichen Mitglieder weiter. Allerdings das weitere Aufzählen von Einzelfällen bringt uns nicht weiter.
Mit freundlichen Grüßen
Norbert Aust
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# Heinz Pscheidl 2017-05-21 14:39
Sehr geehrter Herr Aust,

gerne führe ich den Disput über die Wirksamkeit der Homöopathie, den ich mit Frau Dr. Grams (ist sie verhindert?) begonnen hatte nun mit Ihnen fort. Ich habe Ihre Argumente verstanden, möchte aber, bevor wir richtig einsteigen, zunächst den Diskussionsrahmen und die Diskussionsebene abstecken – ansonsten reden wir beide aneinander vorbei und auch die bisher stillen Blog-Abonnenten haben nichts davon.
Sie brachten die beiden Begriffe Evidenz und Kausalität („kausaler Zusammenhang“) ins Spiel. In erster Linie wird es in unserer Diskussion um medizinische Themen gehen, daher hat natürlich der Kausalgedanke eine hohe Priorität.

Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen für unsere Krankheiten? Meinem Verständnis und meiner Erfahrung nach – ich hoffe, Sie können mir soweit folgen – können Erkrankungen ausschließlich aus vier Ursachengruppen entstehen:

1) Infektionen (homöopathisch: Miasmen bzw. „natürliche“ Krankheiten)
2) Vergiftungen (homöopathisch „Kunstkrankheiten“)
3) nicht menschengemäße Lebensweise (homöopathisch: „uneigentliche“ Krankheiten)
4) Traumata, also seelische oder körperliche Verletzungen

Zwischen diesen Gruppen kann es Überschneidungen geben, das aber sei hier vernachlässigt, sonst wird es zu kompliziert. Was allerdings keinesfalls vernachlässigt werden darf, ist, dass es heutzutage viele Krankheiten gibt, die durch Ursachen aus zwei oder mehr dieser Gruppen entstehen oder aber nach ihrem Ausbruch durch mehrere Gruppen weiter verschlimmert werden können.

Falls Sie nun Einspruch erheben und diese oder jene Krankheit kausal nicht in einer der Gruppen unterbringen können (schulmedizinisch als sogenannte „idiopathische“ Erkrankungen klassifiziert), kann ich Ihnen versichern, dass JEDE Krankheit sich auf diese Weise zuordnen lässt (monokausal oder als Komplikation mehrerer), man muss nur gründlich genug (unter-) suchen. Das galt vor ca. 200 Jahren genauso wie heute – diese geniale Ordnung der Ursachen geht übrigens auf Hahnemann zurück, den Begründer der Homöopathie.

Wozu das Ganze?
Wer einen Patienten heilen möchte, sucht eine angemessene bzw. die beste(n) Therapie(n) für dessen Krankheit und diese wiederum ergibt sich zwingend (!) erst aus der Ursachen-Differentialdiagnose. Der – schulmedizinisch favorisierte – Krankheitsname allein reicht oft nicht (ich werde das später noch vertiefen):

1) Infektionen => Therapie z. B. Antibiotika*, Homöopathie**, …
2) Vergiftungen => Toxikologie, orthomolekulare Therapie (Quelle entfernen, Mangelerscheinungen substituieren –> ggf. Körperspeicher verringern), später nötigenfalls: Gift-Informationen löschen (Homöopathie, Isopathie …)
3) falsche Lebensweise => Ordnungstherapie (Schlaf, Bewegung / Sport, Essen / Trinken,
Arbeit, soziale Bedingungen, Sexualität …)
4) Traumata => z. B. Psycho-Traumatherapie / Somatic Experiences, Homöopathie
=> z. B. (Unfall-) Chirurgie, Homöopathie, Osteopathie …

* Nachteil der Antibiotika sind Nebenwirkungen (z. B. Mikrobiom[zer-]störung v.a. im Darm, …), zunehmende Resistenzen, Viruserkrankungen ursächlich nicht oder nur in wenigen Fällen therapierbar
** Dies ist die Domäne der Homöopathie: „nur gegen natürliche Krankheiten hat uns der Allgütige Hülfe durch die Homöopathik geschenkt" (Originalton Hahnemann in seinem Organon § 76). Gemeint sind die Infektionen UND deren weit reichende Folgen.

Für Letztere (die Folgen), finden Sie in meinem Beitrag vom 25.4.2017 ein Beispiel:
Es handelte sich um die gynäkologisch-urologisch übliche Unterdrückung (minimal-invasive Chirurgie) einer HP-Viren-Infektion, also von perianalen Feigwarzen mit dramatischer Folge: Zahnwurzelentzündungen der kompletten rechten Oberkieferseite.

Für Erstere (die Infektionen) habe ich in meinen früheren Beiträgen einige Fallbeispiele zitiert, die Sie aber anscheinend nicht gelten lassen wollen. Daher aus Aktualitätsgründen (Cholera-Epidemie im Jemen) hier ein weiterer, diesmal hoch-offizieller, statistischer Beweis aus der Zeit Hahnemanns mit großen Fallzahlen– eine umfangreiche Recherche* mit Angaben der Primärliteratur zu den Choleraepidemien im 19. Jahrhundert ergab:
2868 homöopathisch behandelte Patienten, davon 138 verstorben (4,8%).
Die Spontanheilungsraten in jener Zeit lagen bei 50%, unter damaliger schulmedizinischer war das Ergebnis noch schlechter.
* Quelle: http://www.hahnemann.at/docs/Homoeopathische_Epidemiebehandlung.pdf
Der Artikel wird ergänzt durch Recherchen mit Statistiken weiterer homöopathisch behandelter Epidemien (Scharlach, Fleckfieber, Pocken, Masern, Enzephalitis) aus jener Zeit.

Hiermit schließe ich den ersten Teil meines Diskussionsbeitrages an Sie und freue mich auf Ihre Antwort. Im zweiten Teil können wir gerne tiefer einsteigen.

Mit freundlichen Grüssen
Heinz Pscheidl
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# NorbertAust 2017-05-22 19:01
Hallo Herr Pscheidl,

ich unterstelle, es geht Ihnen darum, unseren Standpunkt der Unwirksamkeit homöopathischer Präparate zu widerlegen.
Dazu bedarf es des Nachweises der Kausalität der Einnahme des homöopathischen Mittels und der eingetretenen Wirkung beim Patienten. Dies ist anhand von Fallstudien nicht möglich, wie ich versucht habe, Ihnen am Beispiel der "Fallstudien" von Rauchern aufzuzeigen, die sehr alt geworden sind. Sie wissen nicht, wie sich das Befinden der Patienten geändert hätte, wenn Sie keine Homöopathika gegeben hätten.

Daran ändern Ihre Überlegungen zur Gruppeneinteilung rein gar nichts.

Ihr Beispiel der Choleraepidemie aus den Zeiten Hahnemanns:
Was wollen Sie denn damit aufzeigen? Dass die Homöopathie der heroischen Medizin von vor 200 Jahren überlegen war, indem sie ihre Patienten nicht selbst umbrachte? Ist Ihnen der Fortschritt in der Medizin seit Hahnemanns Zeiten wirklich entgangen?

Was war die konventionelle Therapie der Cholera zu Zeiten Hahnemanns? Aderlass und Trinkverbot wahrscheinlich. Also ein Anschlag auf das Leben des Patienten, die bei Cholera an den Folgen der Auszehrung sterben, nicht direkt an der Cholera selbst. Alleine das Hahnemann in seinem Vorgehen die Mordversuche unterlassen hat und den Patienten zu trinken gab, dürfte seinen Erfolg ausreichend erklären. Ob die Gabe von Zuckerkügelchen einen Nutzen dabei hatte, ist in dieser Konstellation nicht erkennbar.

Nun hat sich aber die Medizin - im Gegensatz zur Homöopathie - weiterentwickelt. Heute arbeitet man nicht mehr mit Aderlass und Trinkverbot. Man setzt Antibiotika ein und - so schreibt es die Wikipedia - hat heute Heilungsquoten über 99 %.
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