Globuli

Ein weiterer Punkt, in dem sich die Homöopathie widerspricht: Entweder können Homöopathika keine Nebenwirkungen haben, oder die homöopathische Arzneimittelprüfung kann nicht funktionieren.

Wenn Sie einen Homöopathen fragen, woher man weiß, welches Mittel wann einzusetzen ist, dann nennt er bestimmt das Ähnlichkeitsgesetz, einen der wesentlichen Grundpfeiler der gesamten homöopathischen Lehre.

"Ein Mittel heilt bei einem Kranken die Symptome, die es bei einem Gesunden hervorrufen kann". Das ist das Ähnlichkeitsgesetz in der Form, wie es die Homöopathen gerne zitieren. Sie können es aber auch umdrehen, dann steht da: "Ein Mittel ruft in einem Gesunden die Symptome hervor, die es bei einem Kranken heilen kann". So herum klingt das doch schon bedrohlicher, finden Sie nicht?

Um festzustellen, bei welchen Problemen ein Mittel hilft, machen die Homöopathen genau das. Nämlich eine homöopathische Arzneimittelprüfung, in der gesunde Menschen die Mittel einnehmen und dann aufschreiben, welche Symptome sie erleiden. Diese werden dann gesammelt und sind die Grundlage für die Auswahl der passenden Mittel. Wenn Ihr Homöopath feststellt, dass Ihre Beschwerden den Symptomen gleichen, die das Mittel bei Gesunden hervorgerufen hat, dann bekommen Sie das verordnet.
Bei dieser homöopathischen Arzneimittelprüfung wird nicht etwa besonders viel des Mittels eingenommen oder eine hohe Konzentration, nein, gerade so, wie die Mittel sind, so, wie der Homöopath sie seinen kranken Patienten verordnet. Zum Beispiel in Potenz C30, mehrmals am Tag ein paar Kügelchen und das vielleicht fünf Tage lang. Halten wir fest: Homöopathische Mittel müssen bei Gesunden spätestens nach fünf Tagen Krankheitssymptome verursachen, sonst handelt es sich nicht um ein wirksames Mittel. Zumindest weiß man nicht, wogegen sie wirken.

Schauen wir doch mal, welche Mittel eine Hausapotheke, besonders abgestimmt auf junge Familien und kleine Kinder, beinhalten soll. Wir nehmen dazu eine x-beliebige Webseite aus dem Internet. Da werden neun Salben und Tropfen für die verschiedensten Anwendungsfälle empfohlen, sowie 24 verschiedene Globuli, die kleinen Zuckerkügelchen. Darin sind beispielsweise zu finden:

  • Arnica montana bei kleinen Verletzungen, Muskelkater, blaue Flecke
  • Hepar sulfuris bei eitrigen Hautentzündungen und Erkältungskrankheiten
  • Belladonna bei Sonnenbrand, Halsweh, Mittelohrentzündung, Infektionen
  • Pulsatilla bei Reizblase, Brechdurchfall, Mittelohrentzündung

So, jetzt stellen wir uns vor, dass Ihr Kind irgendetwas hat. Sie halten es für eine Infektion und geben Belladonna, sicher ist sicher. Was ist, wenn es doch keine Infektion war? Wenn Belladonna gegen Infektionen hilft, dann muss es Symptome von Infektionen hervorrufen können. Also kann Ihr Kind genau das kriegen, was Sie meinen zu behandeln, wenn Sie sich dabei irren.

Dabei ist das noch nicht alles. Diese Mittel wirken - so sagen es die Homöopathen - auch noch bei ganz anderen Krankheiten. Können diese also hervorrufen, wenn man sie nicht hat.

Schauen wir doch mal, wogegen die Mittel helfen, also was die Mittel bei Gesunden schon mindestens einmal ausgelöst haben müssen. Zumindest einen Teil der Symptome, die mit diesen Beschwerden einhergehen.

  • Arnika montana: Arterioslerose, Blutungen, Herzschwäche, Muskelkrämpfe, Ischias
  • Hepar sulfuris: Bronchitis, Kehlkopfentzündung, Ödeme, Nierenbeckenentzündung
  • Belladonna: Gallenkolik, Krämpfe, Nierenentzündung, Zahnungsschmerzen
  • Pusatilla: Depressionen, Krampfadern, Magenschleimhautentzündung, Rheuma

Das sind nur einige Beispiele. Die Mittel können angeblich noch viel mehr, müssen das folglich bei einer homöopathischen Arzneiprüfung einmal hervorgerufen haben. Ist das eine sanfte Medizin? Kann man es verantworten, seinen Kindern solche Mittel zu geben, die Symptome schwerer Krankheiten hervorrufen können? Was passiert, wenn Sie sich bei der Mittelwahl irren, oder ein paar Kügelchen zu viel oder zu lange geben?

Das wären die Risiken, mit denen man rechnen müsste, wenn es das behauptete Ähnlichkeitsgesetz tatsächlich gäbe. Das ist aber nicht der Fall: Man kann jede Menge der angeblich wirksamsten Homöopathika schlucken, ohne, dass irgendetwas passiert. Die Mittel rufen keine Symptome hervor. Also heilen sie auch nichts, wenn man der Argumentation der Homöopathen folgt.

Was können wir daraus folgern? Es gibt zwei Möglichkeiten:

Entweder das Ähnlichkeitsgesetz der Homöopathie gibt es wirklich, dann gehören Homöopathika in den Giftschrank, denn sie können in diesem Fall bei kleinsten Anwendungsfehlern schwere Krankheitssymptome hervorrufen, was man üblicherweise als "Nebenwirkung" bezeichnet.
Oder, die wahrscheinlichere Möglichkeit, das Ähnlichkeitsgesetz ist falsch, dann sind Homöopathika harmlos - aber der ganzen homöopathischen Lehre fehlt die Grundlage. Alles, was die Homöopathen zur Wirkung ihrer Mittel sagen, ist falsch.

Egal wie: Nutzen tun die Mittel nur einem - dem Hersteller.

 

Nachtrag: Die aus unserer Sicht kritischste Nebenwirkung der Homöopathie ist damit noch gar nicht angesprochen: Wer sich im Fall schwerer Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Depression, Bluthochdruck ausschließlich auf homöopathische Mittel verlässt, nimmt seinen Tod in Kauf; im Falle weniger gravierender Diagnosen auch eine Verschleppung von Krankheiten, Folgebeschwerden oder längere Krankheitszeiten. Unklare Symptome, deren Ursache nicht eindeutig geklärt ist, sollten immer von einem Arzt untersucht und falls nötig medizinisch/medikamentös behandelt werden. 

 

(Autor: Dr. Norbert Aust)

Foto: Fotolia 18685042 Flashpics

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Kommentare  

# borstel 2016-08-27 22:14
„Ein Arzneimittel, von dem behauptet wird, daß es keine Nebenwirkungen habe, steht im dringenden Verdacht, auch keine Hauptwirkung zu besitzen.“

– Gustav Kuschinsky
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# Alexa 2017-04-05 22:23
Hallo,
Ich habe Ihren Artikel gelesen und möchte aus eigener Erfahrung berichten,,die ich mit Silcea und Calcium fluorarum gemacht habe.

Ich war auf der Suche nach einem Mittel,,was gg. krampfadern hilft,,da ich am linken Unterschenkel einige habe und die üblichen Mittel bisher nicht halfen.
Es wurde im Internet auf Die beiden obigen Mittel hingewiesen, besonders auf Silicea und dass es keine NW geben kann.
Da ich mich darauf verließ und keine Ahnung von Arzneimittelprüfungen hatte,,nahm ich beide Mittel und noch eine Salbe von DHU.
Kurze Zeit danach nahmen die Krampfadern nicht ab,,sondern es bildeten sich noch mehr!
Meine Haut wurde quasi ûber Nacht schlaff und faltig,,am Körper und im Gesicht,,die Augenlider ebenfalls,,richtig alt und faltig sah ich plötzlich aus!! ein Fingernagel verformte sich extrem!
Da ich damals keine Ahnung hatte,,dass das evtl. von diesen Mitteln kommen konnte, nahm ich es weiter,,nur die Salbe ließ ich weg.
Diese hatte ich vorher noch im Gesicht verwendet,,da Silicea ja gut für die Haut sein sollte.
Ich nahm aber schon seit Monaten Siliziumgel ein und hatte keinerlei Siliziummangel,,schöne Haare, keine wirklichen Falten, wollte nur noch eine Möglichkeit nutzen,,die Haut zu unterstützen.
Erst nach ein paar Tagen dachte ich, dass das doch nur von diesen Mittel kommen kann.
Meine Haare wurde immer spoder,,sie fielen aus und ich habe keine Ahnung,,was ich machen soll.
Das ist jetzt 7 Monate her, alle Vitamine und Mineralstoffe haben nicht viel geholfen,,daran was zu ändern.
Im Gegenteil, alles,,was ich frûher genommen hatte, z.B. Hirse, verschlechtert sofort weiter.

Im Infernet habe ich dann gefunden,,dass ich wohl eine Arzneimittelprüfung durchmache.
Was kann mir helfen?
Überall steht die Empfehlung und teilweise Hinweise,,dass es keine NW gibt,,das kann doch dann aber nicht stimmen?

Da ich sehr verzweifelt bin, und auch bis jetzt niemanden gefunden habe, der mir einen richtigen Rat geben konnte,,würde ich mich ûber eine Antwort sehr freuen.

Herzliche Grüße
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# Rena B. 2017-06-30 10:47
Hallo liebe Alexa,

ich entdecke gerade Ihr Posting und hoffe, dass Sie schon Hilfe gefunden haben. Aber unabhängig davon ist Ihr Fall ein traurig glänzendes Beispiel wie gefährlich Homöopathie sein kann, indem alles als total nebenwirkungsfrei oder gar mit diesem Quatsch der Erstverschlimmerung schön geredet wird. Ganz ehrlich: ich hoffe inständig, dass Sie juristisch gegen den Hersteller vorgehen, evtl. gegen den Internetshop (je nach Hinweisen dort). Sie haben sicherlich alles dokumentiert oder?

Gesundheitlich komme ich als Laie "nur" auf den Hinweis, dass Silicium grundsätzlich (wie Aluminium übrigens auch) ein häufig vorkommendes Element ist, dass nur unter extremen Bedingungen problematisch wird. Die Weiterverarbeitung zu Kieselerde&Co. bisher ohne nachgewiesenen Zusatznutzen, aber dieser Wikipediasatz könnte vielleicht ein Ansatz sein:

"Ein Überschuss an Silicium kann zur Hämolyse von Erythrocyten führen und als direkte Folge Zellveränderungen verursachen."

Das wäre zumindest diagnostizierbar. Alles Gute!
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# NatalieGrams 2017-06-30 10:51
Wir hatten Alexa schon per Mail geantwortet. Tut uns leid, dass es so aussah, als sei der Kommentar unbeantwortet geblieben.
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# Harry 2017-07-24 09:33
Ein sehr schöner Beitrag. Was mir besonders daran gefällt ist, dass er einfach nur die Behauptungen zur Nebenwirkungsfreiheit und zur Arzneimittelprüfung zu Ende denkt.
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# Richard 2017-08-17 08:52
Dieses Prinzip dass ein homöopathisches Mittel in Abwesenheit einer Erkrankung Symptome hervorrufen soll, ist auch einfach zu widerlegen wenn man z.B. das alte homöopathische Mittel "Natrium Muriaticum" (i.e. unendlich verdünntes Kochsalz) betrachtet: die homöopathische Materia Medica erwähnt nicht weniger als 120(!) 'Symptome' für dieses Mittel. Egal welche Symptome einen Patienten schon hat, die meisten Symptome die an Natrium Muriaticum zugeschrieben werden hat er sehr bestimmt nicht. Deshalb sollte die Verabreichung von Natrium Muriaticum im Allgemeinen immer zu einer Zunahme von Symptome führen, nicht zu einer Abnahme.
Dass Natrium Muriaticum in Wirklichkeit absolut keine besondere Symptome hervorruft, war schon vor 180 Jahren festgestellt im Nürnberger Kochsalzversuch von 1835 (dies war vermutlich auch das erste doppelt verblindete Versuch in der Geschichte der Wissenschaft).
Dennoch wird Natrium Muriaticum bis zum heutigen Tag verkauft.
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