Wirklich?

In der Apotheke werden allerlei Globuli frei verkäuflich angeboten. Sie werden von den Herstellern auch kräftig mit den Attributen "sanft und natürlich" beworben. Vor allem zur "einfachen und nebenwirkungsfreien" Selbstbehandlung wird immer wieder geraten. Es gibt viele Bücher zum Thema und ein Großteil der homöopathischen Mittel wird aufgrund von Mund-zu-Mund-Propaganda empfohlen ("Bei meiner Erkältung hat mir letztens super Mittel XY geholfen, probiere das doch auch mal").

Bei alledem wissen die Konsumenten nicht (und Hersteller, Verkäufer und selbst die Homöopathen sagen es ihnen nicht; über die Gründe darf spekuliert werden): Es gibt wenig, das Hahnemanns Methode mehr widerspricht als die Selbstbehandlung mit Globuli.

Wie auch schon in anderem Zusammenhang auf diesen Seiten ausgeführt, befasst sich die Methode Hahnemanns nicht mit Krankheiten, sondern mit Symptomen. Die Methode beruht darauf, dass für ein mit großer Sorgfalt erstelltes Symptombild des Patienten aus den Repertorien, also den Verzeichnissen, in denen die Symptombilder den homöopathischen Mitteln zugeordnet werden, das richtige Mittel herausgesucht wird - all dies ist die Aufgabe des Arztes, des erfahrenen Heilkünstlers. Nebenbei gesagt, festzulegen ist ein Mittel mit einem einzigen Urstoff. Mittel, die mit mehreren Urstoffen hergestellt wurden, sogenannte Komplexmittel, lehnte Hahnemann ohne Wenn und Aber ab und die meisten klassischen Homöopathen tun das auch heute noch.

Der Weg zum Symptombild führt dabei über die homöopathische Anamnese, das bekannte therapeutische Gespräch, bei dem in möglichst hoher Differenzierung alle, auch noch die allergeringsten Befindlichkeiten vom Therapeuten aufgezeichnet und zu einem geschlossenen Symptombild verdichtet werden sollen. Es ist einsichtig, dass es hierzu des "erfahrenen Therapeuten" bedarf, jedenfalls jemand, der eingehend mit Hahnemanns Methode auch in der Praxis vertraut ist. Das Organon, die Bibel der Homöopathen, sagt beispielsweise dazu:

"Der vorurtheillose Beobachter […] nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentiren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit." (§ 6 Organon, nur Symptome sind wahrnehmbar, nicht Krankheiten).

"Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine sie offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursache (causa occasionalis) zu entfernen ist sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheits-Zeichen, so müssen […] es auch einzig die Symptome sein, durch welche die Krankheit die, zu ihrer Hülfe geeignete Arznei fordert und auf dieselbe hinweisen kann…so muß, mit einem Worte, die Gesammtheit der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste, ja Einzige sein, was er an jedem Krankheitsfalle zu erkennen und durch seine Kunst hinwegzunehmen hat, damit die Krankheit geheilt und in Gesundheit verwandelt werde." (§ 7 Organon, das Symptombild ist die Hauptaufgabe für den Heilkünstler).

Selbstmedikation? Diagnosen Schnupfen, Magenschmerzen, Kopfschmerzen, allgemeines Unwohlsein? All das ist nach Hahnemanns System undenkbar. Heilkünstler an den Start!

Ohne Rücksicht auf Hahnemanns Methode, die erklärtermaßen aber nach wie vor ein Heiligtum darstellt, werden heute Globuli ohne homöopathische Anamnese käuflich erworben wie Bonbons (guter Vergleich eigentlich ...), Krankheitsbezeichnungen statt Symptombilder als Indikationen für die Gabe von Globuli verwendet, werden Komplexmittel nach Herstellerempfehlung oder eigenem Gusto eingenommen - und das wird dann hier und da auch noch als Fortschritt der Methode verkauft. Das ist es keineswegs! Deshalb nicht, weil dieser "Fortschritt" nicht mit systematischer Kritik, mit einer Erweiterung des Erkenntnishorizontes, mit einem logischen Weiterbau unter Verwerfung als alter, als unrichtig erkannter und unter Hinzunahme als neuer, als richtig erkannter Erkenntnisse verbunden ist. Selbst"medikation", Behandlung auf Krankheits- statt auf Symptombilder und Komplexmittel sind - neben anderen Dingen - nur Verwässerungen von Hahnemanns Methode, die zudem auch noch mehr Ungereimtheiten erzeugen, als dieser ohnehin schon innewohnen.

Und wo bleibt übrigens die "individuelle Methode", wenn Frau Müller für ihre Magenbeschwerden einfach ein Globuli in der Apotheke kaufen kann? Vielleicht würde Frau Müller einmal ein Blick in eines der großen Repertorien helfen, mit dem Versuch, unter "Magenbeschwerden" das richtige Globuli herauszufinden ...? Doch dann herrscht oft Verwirrung, weil so viele Mittel passen könnten, oder gar keines. Doch dann wird es noch schwieriger, als es eh schon ist. Denn dann beginnt eigentlich das Raten, das jedoch nachträglich rationalisiert wird ("Letztes Mal haben ja auch die Chamomilla so toll geholfen, also probiere ich es noch mal mit denen", "Bei Frau Maier hat Mittel XYZ geholfen, dann nehme ich mal das", "Ich kenne keines der angegeben Mittel, ich entscheide mich nach meinem Gefühl", "ich wähle intuitiv"). Wann immer nun anschließend eine Verbesserung auftritt, unterliegt Frau Müller dem post-hoc-ergo-procter-hoc-Fehlschluss- und nicht den Wirkungen der gewählten homöopathischen Arznei. Und sie unterliegt damit einer ganz natürlichen menschlichen Wahrnehmungsstörung, die sehr schwer erkennbar ist (Lesen Sie hier mehr dazu).

Doch eines ist garantiert: Hahnemann würde Gift und Galle spucken, würde er erleben müssen, was die heutigen Befürworter seiner Methode so mit dieser veranstalten. Er würde es vermutlich als "elendige Geschäftsmacherey" ansehen.

 

Autoren: Udo Endruscheit und Dr. med. Natalie Grams

Bild: Udo Endruscheit

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